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06. Februar 2014

Airlines: Das Märchen vom bösen Luftverkehr

 Von Klaus-Peter Siegloch
Ein Flugzeug startet in Frankfurt.  Foto: dpa

Subventionen, Lärm und Verpestung der Luft? Fliegen belastet die Umwelt und die Staatskasse weniger, als Kritiker behaupten. Ein Gastbeitrag.

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In der Politik mag das ja eine gängige Methode sein: Einfache, eingängige Behauptungen so oft wie möglich wiederholen – dann bleibt am Ende in den Köpfen der Bürger etwas hängen. Ob das mit der oft komplexen Wirklichkeit übereinstimmt, darauf kommt es gar nicht an.

Der Europa-Abgeordnete der Grünen, Michael Cramer, hat diese Methode zu einer gewissen Perfektion gebracht. Da ist die böse, unsoziale Luftfahrt, die ohnehin vor allem den Vielfliegern und Managern nützt. Sie verpestet die Umwelt, macht Menschen krank und steckt überall staatliche Milliarden an Subventionen ein. Dieses Lied singt Cramer seit vielen Jahren, zuletzt in der Frankfurter Rundschau vom 3. Februar – und er singt es unbeeindruckt von den Fakten:

Andere Verkehrsmittel wie die Bahn werden mit vielen Milliarden aus öffentlichen Kassen sowohl für den Bau der Straßen und Schienen als auch für den täglichen Betrieb subventioniert. Der Luftverkehr, das heißt seine Passagiere, zahlen alle Kosten für den täglichen Betrieb mit ihren Tickets – von den Sicherheitskontrollen bis zu den Fluglotsen, die den Luftverkehr überwachen. Gut 3,5 Milliarden Euro sind das jedes Jahr – ohne einen Cent aus der Staatskasse. Und es stimmt auch nicht, wenn Michael Cramer den Eindruck erweckt, die meisten Flughäfen würden rote Zahlen schreiben. Die Betriebskosten werden bei den allermeisten durch die Einnahmen gedeckt. Bei den Zinsen für die teuren Infrastruktur-Investitionen wie Landebahnen und Terminals benötigen einige der mittleren und kleinen Flughäfen finanzielle Hilfe. Aber Bahnhöfe, Gleise und Autobahnbrücken werden ja sogar ganz aus Steuergeldern finanziert, ohne dass ich dazu Proteste von Michael Cramer gelesen hätte.

Und dann das Elf-Milliarden-Subventions-Märchen von Cramer. Die Fluggesellschaften zahlen international keine Steuern auf Kerosin – das ist in internationalen Abkommen so vereinbart, um gerade einen Steuer-Subventions-Wettlauf zu verhindern und für fairen Wettbewerb zu sorgen. Deshalb zahlen die Passagiere die Kosten des Flugbetriebes mit ihren Tickets und nicht die Steuerzahler! Will der EU-Abgeordnete Cramer, dass die Bundesregierung Vertragsbruch begeht und dazu in der EU isoliert wäre? Wenn der Luftverkehr zugenommen hat, dann weil wir alle mobiler geworden sind, Familien und Freunde besuchen wollen. Auch für Europa-Abgeordnete wäre es wohl nur schwer möglich, ihr Mandat auszuführen, wenn es keine Flugverbindungen zum Beispiel von Brüssel nach Berlin gäbe.

Aber das viele Kohlendioxid, das in die Atmosphäre geblasen wird – das ist doch vor allem der Luftverkehr, höre ich jetzt schon Herrn Cramer. Irrtum! Der Anteil des Luftverkehrs am weltweiten CO2-Ausstoß liegt bei 2,45 Prozent, das ist etwa so viel wie die weltweite Nutzung des Internets verursacht. Hat Michael Cramer deshalb seinen Computer und das Smartphone abgemeldet? Und gleich die nächste Cramer-Mär: Immer mehr CO2 blasen die Flugzeuge bei uns in die Luft. Die Wahrheit: Seit 1990 haben wir die CO2-Emissionen bei innerdeutschen Flügen absolut um 20 Prozent verringert.

Weniger Verbrauch als beim Autofahren

Pro Passagier verbraucht die deutsche Luftfahrt auf 100 Kilometer nur noch 3,8 Liter Kerosin. Das ist weniger Verbrauch als bei den meisten Autofahrern, die ja meistens allein unterwegs sind. Die Flugzeuge der deutschen Airlines jedenfalls sind optimal ausgelastet – im Schnitt zu 80 Prozent. Das alles übrigens ohne Emissionshandel. Den finden wir gut, weil er Marktwirtschaft in den Klimaschutz bringt. Dann aber bitte für alle Markt-Teilnehmer. 2020 gibt es dazu auf Drängen der IATA-Fluggesellschaften gute Chancen. Deshalb sollte bis dahin fairer Wettbewerb – also gleiche Lasten für alle – gelten. Deshalb fordern wir auch, die Luftverkehrsteuer abzuschaffen. Sie ist ein Konjunkturprogramm für Flughäfen – aber leider nur für die Flughäfen in unseren Nachbarländern, auf die inzwischen Millionen Deutsche ausweichen!

Und dann wollen diese Umweltverpester auch noch die geltenden Nachtflugverbote an deutschen Flughäfen aufweichen, stellt Michael Cramer empört fest. Schon wieder etwas durcheinandergebracht! Wir wollen die Nachtflugverbote nicht aufweichen und wir wollen auch nicht überall Nachtflug. Aber alle, sowohl Bürger als auch die Luftfahrt, brauchen Verlässlichkeit. Wenn wir uns einig sind, da ist ein Bedarf, das ist wichtig für unsere Wirtschaft und die Arbeitsplätze, dann darf vorhandener Nachtflug aber auch nicht infrage gestellt werden.

Wir sind in der Pflicht, die Lärmbelastung der Flughafen-Anwohner zu verringern. Das tun wir zum Beispiel mit Schallschutzfenstern für viele hundert Millionen Euro – auf unsere Kosten! Die Schallschutzwände an Schienen und Straßen zahlt übrigens der Steuerzahler! Und die Bürger spüren, dass unsere Bemühungen wirken. Umfragen des Umweltbundesamtes haben ergeben, dass sich die empfundene Lärmbelastung bei Fluglärm in den vergangenen zwölf Jahren mehr als halbiert hat. Und auch die Messungen der offiziellen Lärmkartierung zeigen: Straßen- und Schienenlärm belasten 15-mal mehr Menschen in Deutschland als Fluglärm.

Michael Cramer müsste deshalb logischerweise erst einmal fordern, den Straßen- und Schienenverkehr von abends 22:00 Uhr bis morgens 6:00 Uhr zu stoppen. Das würde die größte Entlastung vom Verkehrslärm bedeuten. Nur, dazu habe ich vom Europa-Abgeordneten und Bahnexperten Cramer noch nie etwas gehört.

Klaus-Peter Siegloch ist Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft e. V. (BDL).

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