Das ist Aldi Nord: Kalte Neonröhren, Einkaufswagen und Kühltruhen, die kurz vor dem Auseinanderfallen sind, Beschäftigte in altmodischen Kitteln: Im „Nord-Imperium“ des verstorbenen Theo Albrecht hat die reine Lehre vom schmucklosen Hard-Discount ihre Spuren hinterlassen. Während sein Bruder Karl im Süden Fußböden und Lampen regelmäßig erneuern ließ und das Sortiment um Bio-und Fertigprodukte erweiterte, sparte Theo an allen Ecken und Enden.
Doch so unterschiedlich die beiden Unternehmen, die jeweils in rund 30 Regionalgesellschaften untergliedert sind, äußerlich auch scheinen mögen: Sie arbeiten eng zusammen, etwa bei Produktion und Einkauf, aber auch bei der Entwicklung von Produkten. Die Geschäftsmodelle sind identisch und extrem einfach: kleine Auswahl, schlichte Präsentation, günstige Preise und relativ hohe Qualität. Damit hat Aldi jahrelang gepunktet und expandiert.
Doch immer häufiger läuft Aldi der Konkurrenz von Lidl, Netto und Co. hinterher. Denn die Konkurrenz hat die Lektion längst gelernt. „Ich sehe kaum noch Wachstumschancen für Aldi“, sagt der Handelsexperte Thomas Roeb, Professor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.
Vor allem weil das Prinzip Discount weitgehend ausgereizt ist. „Wir sehen ein Wachstumspotenzial von einem Prozent pro Jahr in Westeuropa für die nahe Zukunft“, sagt Jörg Funder, Professor für Unternehmensführung an der FH Worms. Der Marktanteil der Discounter am gesamten deutschen Lebensmittelhandel liegt derzeit bei etwa 45 Prozent. Die Umsätze der Anbieter sanken hierzulande im vergangenen Jahr sogar um 1,6 Prozent auf 60,6 Milliarden Euro.
Preiskampf der Discounter
Ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb ist am Laufen . Er wird über Kampfpreise geführt, in immer neuen Preissenkungsrunden ausgetragen werden. Und Aldi hat es mit aggressiven Konkurrenten zu tun: Lidl setzt weiter auf Expansion, plant tausende neue Filialen in den nächsten Jahren. Und die Edeka Tochter Netto macht sich unter den Billigheimern breit mit dem Konzept des Markendiscounts, also mit namhaften Produkten und einem erheblich größeren Sortiment als Aldi.
Nach Schätzungen der Gesellschaft für Konsumforschung ging der Umsatz von Aldi in Deutschland um 4,4 Prozent zurück, der Marktanteil schrumpfte um 0,6 Punkte auf 18,4 Prozent. Rivale Lidl dagegen konnte Zugewinne verbuchen und startete auch besser ins Jahr 2010: Im ersten Quartal wuchs der Umsatz um 5,3 Prozent, während der Aldi drei Prozent weniger umsetzte.
Die Verbraucher setzen zwar auf günstige Preise, legen gleichzeitig aber immer mehr Wert auf ein breites Sortiment. Das führt dazu, dass klassische Supermärkte immer weiter Boden gut machen, auch über eigene Handelsmarken - Rewe beispielsweise vermarktet sehr erfolgreich hochwertige Produkten wie Nobel-Olivenöl unter eigenem Namen. „Es zählt halt nicht mehr nur der Preis“, sagt Funder. Alternative Konzepte würden an Boden gewinnen. Dazu zählten „hybride Konzepte“, die günstige Angebote mit mehr Service, etwa Zustelldiensten, verknüpften.
Immerhin. Aldi Süd reagierte auf die neue Einzelhandelswelt mit einer zaghaften Ausweitung des Angebots. Kürzlich wurden in den Filialen Backautomaten aufgestellt, um frisches Brot zu liefern. Doch das ursprüngliche Geschäftsmodell der Discounter, nur die wichtigsten Produkte für den täglichen Bedarf anzubieten, wird so immer weiter verwässert.
Roeb rechnet unterm Strich bei Aldi langfristig mit einer Stagnation, allerdings bei schwindenden Margen. Da kann sich der Konzern allerdings auch einiges erlauben. Es ist ein offenes Geheimnis, dass kaum einer der Konkurrenten so hohe Renditen gemessen am Erlös erzielt, wie der Branchenführer. Aldi Nord wird eine Umsatzrendite von drei Prozent zugeschrieben. Bei Aldi Süd sollen es fünf Prozent sein.
Das erreicht der Doppel-Konzern vor allem durch seine legendäre Knauserigkeit und dadurch, dass die Aldi-Einkäufer es nach wie vor schaffen, bei den Lieferanten extrem günstige Konditionen heraus zu handeln. An all dem wird sich nach Roebs Einschätzung auch nach dem Tod von Theo Albrecht nichts ändern: „Das Unternehmen ist sehr konservativ“. Hartmuth Wiesemann (65) dürfte dafür sorgen, dass vieles so bleibt, wie es ist, bei Aldi Nord. Er hat den Posten des Generalbevollmächtigten und führt schon seit geraumer Zeit die Geschäfte.
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