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10. Mai 2012

Allianz: Allianz zockt mit Weizen

 Von Tobias Schwab und Thomas Magenheim
Weizenpreise sind auch Gegenstand von Spekulationen.  Foto: REUTERS

Weil der Versicherungsriese Allianz mit seinem Investmentgeschäft Milliarden in Fonds für Agrarrohstoffe angelegt, steht das Unternehmen in der Kritik. Die Hilfsorganisation Oxfam und kritische Aktionäre machen den Versicherungskonzern für Hunger verantwortlich.

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Kampagne

Oxfam untersucht in der Studie „Mit Essen spielt man nicht“ die Auswirkungen der Spekulation mit Agrarrohstoffen. Der Bericht steht im Internet: www.oxfam.de/spekulationsstudie.

Mit Foodwatch und anderen Organisationen ruft Oxfam deutsche Finanzinstitute dazu auf, aus dem Handel mit Agrarrohstoffen auszusteigen.

Ein Aufruf an die Bundesregierung, gegen die Spekulation vorzugehen und Finanzmärkte stärker zu regulieren, kann bei Oxfam online unterzeichnet werden.

Erst die Deutsche Bank, jetzt die Allianz. Die größten deutschen Finanzinstitute stehen am Pranger von Entwicklungsorganisationen – weil sie mit Nahrungsmitteln spekulieren. Kritische Aktionäre und die Hilfsorganisation Oxfam machten deshalb die Allianz am Mittwoch auf der Hauptversammlung in München für Hungerkrisen mitverantwortlich.

Die Allianz zockt nach Recherchen von Oxfam wie kein zweites deutsches Institut mit Nahrungsmitteln. Rund 6,24 Milliarden Euro hatte der Versicherungskonzern im Jahr 2011 direkt oder indirekt in Fonds für Agrarrohstoffe angelegt. Zum Vergleich: Die Investitionen der Deutschen Bank summierten sich 2011 auf knapp 4,6 Milliarden Euro in Fonds, die auf steigende Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse setzen. Insgesamt bringen es deutsche Institute laut der Oxfam-Studie „Mit Essen spielt man nicht“ auf rund 11,4 Milliarden Euro – das ist immerhin ein Sechstel des weltweiten Anlagevermögens im Rohstoff-Sektor.

Allianz' Wetten

Mit lebensbedrohlichen Folgen: Den Zusammenhang zwischen Agrar-Spekulation, Preissprüngen und Hunger hält Oxfam für erwiesen. Die Allianz hingegen dementiert zwar die von Oxfam genannten Zahlen nicht, bestreitet aber die Folgen ihres Investments. Rohstoff-Fonds, so das Institut, treiben die Preise nicht, weil die Indexhändler Weizen, Mais oder Soja gar nicht kaufen oder verbrauchen. Die von Oxfam kritisierten Fonds würden Termingeschäfte auf die Preisentwicklung von Lebensmittel abschließen, also Wetten auf die Zukunft, sagt ein Allianz-Sprecher am Rande der Hauptversammlung. Das schlage nicht auf die tatsächlichen Preise von Nahrungsmitteln durch. Aus Sicht des Versicherungskonzerns sind nicht Wetten, sondern vielmehr Bevölkerungswachstum, Klimawandel, der Anbau von Agrotreibstoffen und Korruption die Gründe für steigende Lebensmittelpreise.

Tatsächlich hat Hunger viele Ursachen, wie die aktuelle Krise in Westafrika zeigt. Ausbleibender Regen, Missernten, sprunghaft steigende Preise bedrohen in der Sahelzone akut das Leben von Millionen Menschen. Grundnahrungsmittel wie Hirse kosten vielerorts bereits 200 Prozent mehr als im Vorjahr. Dass dabei auch Spekulation die Preise treibt, gilt nicht nur bei Entwicklungsorganisationen als erwiesen. „Die Aktivitäten der Finanzanleger beeinflussen den Realmarkt ganz erheblich“, bestätigt der renommierte Agrarökonom Joachim von Braun. Weil sie zum Beispiel erhebliche Kontrakte über Getreide halten und damit den Markt eng machen. Kündigen sich Dürren an, ist das für Investoren ein Signal, auf weiter steigende Preise zu setzen. „Sie beschleunigen existierende Trends und treiben Preisaufschläge auf die Spitze“, sagt Oxfam-Experte Frank Braßel.

„Lupenreiner Ruf“

Für die Ärmsten in Krisenländern, die bis zu 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aufwenden müssen, habe das zwangsläufig Hunger zur Folge. Als die Nahrungsmittelpreise 2010/2011 in die Höhe schnellten, mussten nach Angaben von Oxfam zusätzlich 44 Millionen Menschen Hunger leiden.

„Das ist ein Reputationsthema und eines, das uns emotional sehr nahe ist“, ruft Allianz-Chef Michael Diekmann am Mittwoch auf der Hauptversammlung den Kritikern zu. Den „lupenreinen Ruf“ der Allianz wolle man nicht durch kurzfristige Spekulationserfolge gefährden und sich nun mit Investitionen in Agrarrohstoffe ernsthaft auseinandersetzen.

Ein anderes Finanzinstitut ist da schon weiter. Nach der Kampagne der Verbraucherorganisation Foodwatch kündigte die Deka-Bank Anfang April an, aus der Zockerei mit Lebensmitteln bis Ende des Jahres auszusteigen. Vorsorglich sozusagen. Die Fondsgesellschaft der Sparkassen-Finanzgruppe erklärte damals, die schädlichen Auswirkungen der Spekulation seien zwar noch nicht abschließend bewiesen, es gebe aber auch keine Entwarnung. Die Deutsche Bank, die von Foodwatch unter dem Slogan „Hände weg vom Acker, Mann!“ attackiert wurde, hingegen lässt sich wie die Allianz Zeit und hat bis Ende des Jahres eine eigene Studie zu den Folgen ihrer Wetten auf Agrarrohstoffe angekündigt.

„Während die Bank prüft, sterben Menschen“, kommentierte Foodwatch-Chef Thilo Bode die Ankündigung damals. Solange die Deutsche Bank sich nicht sicher sei, dass ihre Produkte unschädlich sind, „kann es nur eine richtige Konsequenz geben: Aussteigen!“

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