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20. Juni 2013

Amazon: Als Roboter im Internet-Kaufhaus

 Von 
Soweit das Auge reicht: Amazon-Lager in Saran.  Foto: dpa

Reden verboten, Pausen auf eigene Rechnung: Ein französischer Journalist berichtet über seine Erfahrungen als Angestellter beim Internet-Versandhändler Amazon.

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Paris –  

Amazon-Gründer Jeff Bezos gehört zu den mitteilungsfreudigen Internet-Tycoons. Er erteilt der Branche Ratschläge, seine gut 50 000 Angestellten, die er „Teilhaber“ nennt, obwohl sie an seinem persönlichen Vermögen von über 25 Milliarden Dollar nicht beteiligt sind, motiviert er mit vollmundigen Slogans wie: „Arbeite hart, hab Spaß, schreib Geschichte.“

Wer aber wissen will, wie es hinter der Fassade des Konzerns zugeht, wird abgewiesen. Das geschah auch dem Franzosen Jean-Baptiste Malet. Der 26-jährige Journalist ersuchte vergeblich um die Erlaubnis, das Amazon-Lager im südfranzösischen Montélimar zu besuchen. Darauf befragte er Angestellte am Eingang, doch sie schwiegen mit Verweis auf eine Vertraulichkeitsklausel in ihrem Arbeitsvertrag.

Tarifstreit

Nach zwei Tagen Streik arbeiteten Amazon-Beschäftigte in Bad Hersfeld und Leipzig am Mittwoch wieder.

Die Gewerkschaft Verdi will nun den Verlauf bewerten und weitere Schritte beraten, so Fachsekretärin Einzelhandel Mechthild Middeke: „Wir wollen weiter Druck aufbauen und mehr Mitarbeiter zum Streik bewegen.“

Für einen Tarifvertrag nach den Konditionen des Einzel- und Versandhandels mit höheren Löhnen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie Nachtzuschlägen bereits ab 20 Uhr kämpfen die Beschäftigten und die Gewerkschaft Verdi. Amazon lehnt das ab. Das Unternehmen orientiert sich nach eigener Darstellung an der Bezahlung in der Logistikbranche.

So bewarb sich der Reporter selbst um einen Job. Über eine Teilzeitagentur wurde er prompt als „Picker“ für die Nachtschicht angeheuert. Seine Aufgabe war es, in dem 36.000 Quadratmeter großen Hangar bestellte Artikel zusammenzutragen. „Pickers sind effizienter als Roboter“, schreibt Malet in dem Buch „En Amazonie“ (In Amazonien), in dem er seine Erfahrungen verarbeitet hat. „Der tragbare Computer berechnet in Echtzeit, welchen Artikel ich gerade suchen muss, je nach meiner Position im Lager, die ihm genau bekannt ist. Eine Software organisiert meine Gänge, damit die Laufzeit zwischen zwei Artikeln nie mehrere Dutzend Sekunden überschreitet.“

Beschränkter Spaß

Dabei gehen die „Pickers“, wie Malet ausrechnete, pro Nacht ungefähr 20 Kilometer. Sie sammeln die Artikel ein, die „Stowers“ zuvor in die Regale gestellt hatten. Danach füllen die „Packers“ sie in Versandkartons. Der Spaß ist beschränkt, reden verboten. Darauf haben Bezos’ Teilhaber bei der Arbeit kein Recht. Ein Wortwechsel kann wertvolle Sekunden kosten.

Dass jeder Gang eines jeden Angestellten in diesem gigantischen, rund um die Uhr tätigen Ameisenhaufen sekundenweise berechnet wird, fand Malet zuerst absurd. Ebenso wie die anderen, äußerst exakten Zeitvorgaben. In der siebenstündigen Arbeitszeit ist eine zwanzigminütige Pause enthalten; eine zweite Pause geht auf die Kosten der „Teilhaber“, wird also nicht bezahlt. Dummerweise befindet sich die Stechuhr direkt am Arbeitsplatz, während das Pausenareal auf dem gigantischen Firmengelände mehrere Minuten entfernt liegt.

Damit schrumpft die effektive Erholungsphase auf fünf Minuten, wie Malet feststellen musste. Dabei ist Spaß angesagt: Auf Weisung Bezos’ sind alle Mitarbeiter per du. Malet verstand plötzlich, warum Gewerkschaften und Direktion um die Platzierung der Stechuhr stritten: „Wenn man die zwölf Minuten, um die man jeden Tag gebracht wird, mit tausend Angestellten multipliziert, kommen an einem Standort 200 unbezahlte Arbeitsstunden am Tag zusammen.“ Weltweit verdient Amazon also jährlich Millionen, weil die Stechuhr am Arbeitsplatz steht.

Subventionen statt Steuern

So optimiert Amazon die Abläufe und seine weltweit über 90.000 Mitarbeiter, zu denen Weihnachten zahllose Kurzarbeiter stoßen. Jeder noch so geringe Zeitgewinn ist Teil von Bezos’ aggressiver Wachstumsstrategie, die in Frankreich bereits eine viertes Lager nötig macht. Steuern zahlt Amazon aber anderswo. „Die Kunden, die Sammellager und die Arbeiter befinden sich zwar physisch meist in Frankreich, doch die Kasse liegt in Luxemburg“, schreibt Malet mit Blick auf den Steuersitz von Amazon Europe, dessen Pressedienst auf Anfrage der FR keine Stellung nehmen wollte.

Das Unternehmen zahlt in Frankreich keine Mehrwertsteuer, erhält aber sogar – wie auch in Deutschland durch einzelne Bundesländer – regionale Subventionen. Dafür schafft Bezos Arbeitsplätze. Malet rechnet allerdings vor, dass der traditionelle Buchhandel „18 mal mehr Stellen schaffen würde als der Internetversand, dessen Flaggschiff heute Amazon ist“. Indirekt zerstöre das öffentliche Geld also mehr Arbeitsplätze in herkömmlichen Buchhandlungen, als es bei Amazon schaffe.

Noch etwas wundert den französischen Journalisten: Amazon vertreibt auch sein kritisches Buch ohne Widerstand. Ein Boykott hätte wohl nur werbeträchtigen Gesprächsstoff geliefert. Und schließlich lautet der Slogan auch: schreib Geschichte.

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