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08. September 2012

Amazon: Angriff mit Billig-Tablets

 Von Jakob Schlandt
Jeff Bezos hat Amazon 1994 gegründet. Jetzt will er mit den Kindle-Rechnern Apple das Leben schwer machen.  Foto: afp/DAVID MCNEW

Amazon bringt einen iPad-Konkurrenten auf den Markt – ein harter Preiskampf setzt ein. Davon profitieren vor allem die Kunden.

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Die Analysten des führenden IT-Marktforschungsinstituts Gartner sind nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Doch die Ankündigung von Amazon-Chef Jeff Bezos, mit einer ganzen Reihe neuer Tablets zu Schleuderpreisen den Marktführer Apple anzugreifen, hat Gartner-Analyst Michael Gartenberg seine gewohnte Coolness gekostet: Er ließ sich nach der Präsentation mit der der Einschätzung zitieren: „Das keine Produktankündigung, das ist eine Kriegserklärung.“

Schon voriges Jahr hatte Amazon seine Kindle-Serie, die als reines Lesegerät für E-Bücher startete, um einen kleinen Tablet-Computer erweitert, das Kindle Fire. Das Fire war mit 199 Dollar unschlagbar günstig. Es fehlten aber Kamera, Mikrofon und ein leistungsfähiger Bildschirm, um gegen Apples iPad antreten zu können, das es ab 399 Dollar gibt.

Lesen, schreiben, fernsehen

Inhalte: Tablet-PC sind vor allem zur Unterhaltung gedacht: Die Nutzer können im Internet surfen, E-Mails abrufen und schreiben, Musik hören, Bücher lesen oder Filme ansehen. Immer mehr Zeitungen und Zeitschriften bieten spezielle Ausgaben für Tablet-PCs an.

Auswahl: Die Auswahl an Alternativen zu Apples iPad ist heute groß. Meist kosten die Geräte weniger, können aber oft mehr. Viele haben einen USB-Anschluss oder Adapter. Dieser ermöglicht es etwa, Drucker, Digitalkameras oder Speichersticks anzuschließen.

Vorteil: Ein großer Vorteil beim Surfen ist, dass viele iPad-Konkurrenten das Grafikprogramm Flash beherrschen, das von vielen Internetseiten benötigt wird. Zudem ist die Auswahl an Software in vielen Punkten nicht so eingeschränkt wie beim iPad von Apple.

Internet: Bei vielen Tablets ist der Zugang zum mobilen Internet bereits eingebaut: Sie können überall online gehen, wo es ein Handynetz gibt. Für Normalsurfer reicht meist ein Tarif, der etwa zehn Euro pro Monat kostet. Vielsurfer sollten 15 bis 20 Euro pro Monat investieren.

Doch nun hat Amazon aufgerüstet – mit dem Kindle Fire HD. Für 299 Dollar bietet Amazon ein 8,9-Zoll-Tablet, also kaum kleiner als das iPad, mit Kamera, mit hochauflösendem Bildschirm, mit Doppelantenne und sehr schnellem Prozessor – praktisch alles, was ein vollwertiger Computer bietet. Auch das kleinere 7-Zoll-Fire wurde aufgerüstet. Der Preis bleibt bei 199 Dollar, dafür gibt es einen besseren Bildschirm plus Kamera. In Europa kommt zunächst nur das kleine Fire HD für 199 Euro auf den Markt, das alte Fire gibt es für 159 Euro.

Auch bei den anderen Herstellern fallen die Tablet-Preise auf breiter Front – sie setzen, wie Amazon, fast alle auf das Betriebssystem Android von Google. Samsungs erfolgreiche kleine Tabs der Baureihe 7 stürzen zum Beispiel im Preis gerade ab und sind für gut 200 Euro zu haben, das größere Modell ab etwa 300 Euro.

Für Kunden ein Segen

Ausgesprochen ungelegen dürfte der Preisverfall Microsoft kommen, das diesen Herbst mit Windows 8 endlich im Tablet-Markt reüssieren will. Angesichts der Billig-Preise wird es immer schwieriger, noch Software-Lizenzgebühren zu verlangen. Doch auch die Windows-Tablets werden den Konkurrenzkampf weiter verschärfen. Der Preiskampf wird für die Produzenten brutal, für die Kunden dagegen ein Segen.

Doch wieso wird er ausgerechnet durch Amazon befeuert? Der Konzern kann anders kalkulieren als die reinen Computerhersteller. 1994 wurde Amazon als Buchversand gegründet und entwickelte sich in den vergangenen Jahren nicht nur zum größten Warenkaufhaus des Internets, sondern auch zu einem Medienimperium. Amazon verkauft sehr profitabel Musik über seinen Mp3-Laden. Auch im Videogeschäft expandiert der Konzern rasant, in Europa vor allem mittels der Online-Videothek LoveFilm. Die Angebote werden geschickt flankiert, zum Beispiel mit der Filmdatenbank IMDb.com. Beim Vertrieb elektronischer Bücher ist Amazon mit großem Abstand Marktführer.

Jeder Kindle-Käufer, so die Kalkulation von Amazon, bringt mittels der vorinstallierten Mediendienste über die Lebensdauer des Geräts hohe Gewinne. Wie groß der Verlust bei den neuen Kindle-Geräten ist, wird erst klar sein, wenn Analysten die Bauteile untersucht haben. Beim alten Kindle Fire betrug der Verlust zwei Dollar, die Geräte brachten dafür 136 Dollar an Gewinn mit Medieninhalten, schätzte die Royal Bank of Scotland anhand einer Befragung. Die Konkurrenz dagegen muss pro Gerät mindestens einige Dutzend Dollar verdienen, um dauerhaft bestehen zu können. Selbst Apple, das nicht nur überzeugende Hardware, sondern auch ein sehr gut funktionierendes System aus Software- und Medienangeboten bietet, könnte nun preislich unter Druck geraten.

Domäne Wohnzimmer

Bislang wurde erwartet, dass 2012 gut 100 Millionen Tablet-Computer verkauft werden, knapp doppelt so viele wie 2011. Doch wahrscheinlich sind die Schätzungen schon Makulatur. Mit jedem Dollar, den die Tablets billiger werden, erweitert sich die Zielgruppe – vor allem in den Schwellenländern werden die Geräte jetzt für die neue Mittelschicht erschwinglich. Möglicherweise wird die 100-Millionen-Marke deshalb deutlich übertroffen und nächstes Jahr kommt es erneut zu einem rasanten Wachstum – angefacht von Amazons Preisattacke.

Anfängliche Erwartungen, die Tablet-Rechner würden normale Laptops und Computer verdrängen, haben sich nicht bewahrheitet. Wer einmal versucht hat, ein Fotobuch per Touchscreen genau zu gestalten oder sich an seine Steuererklärung mit zahlreichen kleinen Kästchen und dauernder Zifferneingabe gemacht hat, wird das vermutlich nie wieder tun.

Die Domäne der Tablet-Computer ist nicht das Arbeits- , sondern das Wohnzimmer: Überprüfen von E-Mails und sozialen Netzwerken; elektronische Zeitungen und Bücher lesen; den Wetterbericht abrufen. Dafür sind die Geräte praktisch. Wer es einmal angeschafft hat, will auch weiter ein Tablet haben.

Hat sich erst einmal eine kritische Masse gebildet und Tablets sind in vielen Haushalten im Einsatz, könnten sich neue Anwendungsgebiete öffnen, weil sich die Hersteller anderer Geräte darauf einstellen – zum Beispiel die Steuerung der Hauselektronik über das Tablet. Amazons Tablet-Rechner wird der Entwicklung noch einmal einen kräftigen Schub geben.

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