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01. März 2013

Amazon: Beichte eines Amazon-Kunden

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Amazon steht in der Kritik. Foto: dpa

Unser Autor kauft bei Amazon - und hat deshalb nicht erst seit der ARD-Dokumentation "Ausgeliefert" ein schlechtes Gewissen. Warum er trotzdem bei Amazon bestellt? Eine Beichte.

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Ich gebe zu: Ich kaufe bei Amazon. Schlimmer noch: Ich bin Amazon-Prime-Kunde. Ich bin also „Mittäter“, wie Klaus Staeck in dieser Zeitung die Kunden des Kraken nannte, einer, der „seine Verantwortung ins Nichts delegiert“ und mit seiner „Gier, Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit“ Amazons Ausbeutungsgeschäft besorgt.

Ein Amazon-Prime-Kunde ist einer, der dort so viel bestellt, dass er Versandkosten nur einmal pauschal bezahlt und dann das ganze Jahr über nicht mehr. Das lohnt sich bei mir. Ich bestelle dort nicht nur Bücher und CDs, sondern Kram aller Art. Aus der Liste der letzten Bestellungen: ein Milchtopf ohne Deckel, Lebensmittelfarbe, Rostschutzgrundierung, ein Thermometer, eine Zeitschaltuhr, ein Klapptritt, Druckerpatronen, eine Nähmaschine, Fotopapier, ein Flötenkessel, ein Scartkabel. Fehlt mir ein Rasierpinsel, bestelle ich ihn. An Porto muss ich nicht denken. Am nächsten Tag ist er da. Die Füße habe ich mir dafür nicht nass gemacht.

Natürlich habe ich ein schlechtes Gewissen und zwar nicht erst, seit vor zwei Wochen die ARD-Dokumentation „Ausgeliefert“ über die Arbeitsbedingungen bei Amazon ausgestrahlt wurde. Dass die Arbeit in den riesigen Logistikzentren nicht die reine Freude ist, dachte ich mir schon vorher. Dass man für das Weihnachtsgeschäft Saisonarbeiter einstellt, erscheint mir logisch. Dafür, dass man sie tarifgerecht bezahlt, würde ich gern mehr für meinen Pinsel bezahlen.

Es geht meinem schlechten Gewissen aber um mehr. Ich weiß, dass die Innenstädte veröden, wenn immer mehr Menschen bei Amazon einkaufen. Ich fürchte um die Buchhändler und ihre Läden, um den gesamten Einzelhandel. Ich sehe in auf Dauer geschlossene Läden, Türgitter, die für immer heruntergelassen werden. Ich sehe zunehmend mehr Lieferwagen, die die Luft belasten.

Verstopfte Altpapiertonnen

Unablässig sausen die Kleinlaster von DHL und Hermes durch die Stadtviertel und bringen die braunen Kartons von Amazon in die Häuser, die weißen Kartons von Zalando, die Folienpakete von Otto, Eddie Bauer und Heine. Die Krise des Einzelhandels könnte man an der steten Vermehrung der blauen Altpapiertonnen ablesen. Die blauen Tonnen sind vollgestopft mit Pappe, die gelben mit Luftfolie.

Ich sehe, wie immer mehr zwischenmenschliche Kontakte in den Rechner abwandern. Ich bedaure das und bestelle trotzdem bei Amazon. Ich betrete, von Supermärkten abgesehen, immer seltener einen Laden. Ich höre keine Ladenklingel mehr, frage nicht mehr in irgendeiner Drogerie nach einem Rasierpinsel. Ich schaue in den Rechner und suche dort. Amazon bietet mir 919 Artikel, die mit Rasierpinseln zu tun haben. Seifenschalen sind darunter und Rasierpinselständer; die meisten der 919 Teile sind aber tatsächlich Pinsel. Der billigste kostet 1,11 Euro, der teuerste 390 Euro. Der teure hat einen Griff aus Karbon und oben „feinsten handgebundenen Dachszupf Silberspitz“. Das sind die Haare. Interessant, wie viel man dafür ausgeben kann.

Bin ich menschenscheu? Sicher, ich könnte es mir einfach machen und sagen, mir fehle schlicht die Zeit, nach einem langen Arbeitstag noch im analogen Leben nach einem geeigneten Rasierpinsel zu fahnden. Ich glaube aber nicht an das Argument. Sollte es wirklich nur die knappe Zeit sein, die unser Kaufverhalten derart tiefgreifend ändert, dass sich sogar die Struktur der Städte wandelt? Die Städte waren immer zuallererst Märkte, wo alle Umgebung zusammenkam. Der Handel ist eine Urszene unserer Kommunikation. Aus ihm entstanden die Werte Gleichheit, Angemessenheit und Fairness.

Empörungswellen

Eine ARD-Reportage über die Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern im Versandzentrum in Bad Hersfeld hat eine Welle der Kritik ausgelöst.

In dem TV-Bericht wird behauptet, dass den Leiharbeitern nicht der versprochene Lohn ausgezahlt wurde. Zudem sollen sie in einem heruntergekommenen Ferienpark untergebracht und vom Sicherheitsdienst schikaniert worden seien.

Deutschland ist mit 6,8 Milliarden Euro Umsatz der größte Auslandsmarkt für das US-Unternehmen. Damit beherrscht Amazon etwa ein Viertel des deutschen Versandhandelsmarktes. Rund 7 700 Festangestellte beschäftigt Amazon in acht deutschen Versandzentren. In Leipzig sind rund 1 500 Mitarbeiter angestellt. In der Vorweihnachtszeit wird die Belegschaft durch Saisonkräfte und Leiharbeiter auf etwa 5 000 Mitarbeiter aufgestockt.

Sieht man sich die Luftbilder der neuen Logistikzentren an, erbaut auf der allerbilligsten grünen Wiese, begreift man, was sich hier anbahnt. Dabei sieht man das Wichtigste gar nicht: dass diese Lagerhallen in Echtzeit verbunden sind mit den Bestellterminals, mit den PCs in jedem Haushalt. In deren unsichtbare Vernetzung zieht sich zurück, was einmal unsere Marktplätze waren.

Wir minimieren unsere echten Kontakte und lassen alle Momente der Beratung, der Auswahl, des Kaufs und des Umtausch im Internet verschwinden. Nach dem weitgehenden Verlust des Handwerks droht den Städten der Verlust des Handels; sie verwandeln sich in krude Zentren des Vergnügens und der Verwaltung. Zurück bliebe eine bizarre Simulation von Urbanität. Kneipen, Spielsalons, Fitnessstudios, Arztpraxen, Rechtsanwälte.

Es stimmt, wir Einzelnen haben die Sache in der Hand. Dort, im Amazon-Prime-Kunden, sitzt das zentrale Element der fatalen Entwicklung. Deshalb rede ich hier von mir. Warum setze ich unsere Gesellschaft aufs Spiel, lasse zu, dass Verkäufer und Ladenbesitzer ihre Existenz verlieren?
Ich erinnere mich an die Zeit, als Drogerien noch Drogerien waren und nicht bloße Discountfilialen. Ich öffnete also die Tür, die Ladenklingel ertönte, und es erschien eine waschechte Drogistin alter Schule, die mit mir ein waschechtes Fachgespräch führte. Sie mit mir, nicht umgekehrt. Ich hätte ja keine Ahnung, was so ein Dachshaar für das Einschäumgefühl bedeute! Das schäume doch schon ganz anders auf. Ob sich das bei mir überhaupt lohne, bitte sehr, das wisse sie allerdings nicht. Das sagte sie nicht, aber sie guckte so.

Im Internet guckt keiner. Auch wenn ich den Pinsel zum zehnten Mal wieder ins Fach lege, also wegklicke, kommt niemand und fragt, ob man mir vielleicht helfen könne. Diese Ruhe, ich gebe es zu, genieße ich am meisten.

Wunderland der Warenwelt

Ich spüre noch heute die knochige Hand der Verkäuferin auf meinen Schultern, die mir den ersten Anzug verpasste. Ich musste vor der Konfirmation zur Auswahl und Anprobe mit meiner Mutter in ihr Lieblingskaufhaus, das sinnigerweise „Bekleidungshaus Sinn“ hieß. Mutter und Verkäuferin schauten dabei zu, wie sich der schönste Anzug, einmal auf meinen Körper gezogen, in ein schlecht sitzendes, faltiges, lächerliches Unding verwandelte. Jedenfalls las ich das in ihren Blicken. Ärgerlich ruckelte die Verkäuferin den Stoff über meinen Schultern zurecht, zog hinten, zog vorne, und machte ein böses Gesicht, weil ihr der Fall ein hoffnungsloser und das Geschäft vermasselt schien.

Gehe ich heute ausnahmsweise mal in ein Kaufhaus, sehe ich stets irgendeinen ausgewachsenen, meist älteren Mann unglücklich in seinem ungekauften Anzug stehen, kritisch bis mitleidig beäugt von Ehefrau und Verkäuferin. Der große Unterschied ist: So richtig vernichtend guckt nur noch die Ehefrau, die Verkäuferin sagt irgendwann: „Steht Ihnen super, das Teil!“

So viel zur Beratung. Im Internet dagegen sitzt der Kunde zunächst einmal allein vor dem Bildschirm. Vor ihm das Wunderland der Warenwelt, unübersichtlich, vielversprechend zwar, aber auch voller Tücken, versteckter Mängel und Geldschneidereien. Jetzt sich einen Überblick über Hunderte von Rasierpinseln zu verschaffen, macht den eigentlichen Reiz, aber auch die Strapazen, jedenfalls das Spezifikum des Amazon-Angebots aus. Es geht nicht um die paar Cent, die man gegenüber dem traditionellen Ladenkauf spart. Oder gar Bequemlichkeit.

Jeder Kauf mutiert potenziell zu einem Kurs in Warenkunde. Bevor ich bei Amazon nach einem Milchtopf suchte, war mir nicht klar, welche Vielzahl von unterschiedlichen Exemplaren dieser Species der Markt bereithält. In die engere Auswahl kamen 28 Milchtöpfe. Elegante aus Chromstahl waren darunter mit unterschiedlichen Qualitäten bei der Antihaftbeschichtung; es gab Retromodelle aus bemalter Emaille und sogenannte Simmertöpfe, in denen die Milch in einer Art Wasserbad erhitzt wird. Ich studierte die vielen Argumente für und wider diese Technik, die in Kundenrezensionen hin- und hergewendet wurden. Breit diskutiert fand ich dort die Frage, ob Antihaftbeschichtungen das Anbrennen der Milch verhindern oder streng genommen nur das Anhaften des Angebrannten. Gründlicher, auch oberlehrerhafter hätte das kein Fachverkäufer mit Antihaftdiplom hinbekommen.

Nähme man alle Amazon-Seiten zusammen, so böte sich ein ziemlich vollständig wirkendes Kompendium unserer Konsumgüterwelt, Autos vorerst ausgenommen. Denn längst lässt sich ja bei Amazon viel mehr kaufen, als in den Amazon-Zentren lagert. Heerscharen von Drittverkäufern bieten dort ihr Sortiment an, verschicken aus ihren eigenen, meist kleinen Läden und lassen durch Amazon abrechnen – gegen Gebühr natürlich. So liest sich das Amazon-Angebot inzwischen wie eine überbordende, unabschließbare, sich ins Unendliche ausfransende Austattungsfibel der Republik. Vertraglich ausgeschlossen vom Verkauf durch Dritte sind nur Dinge wie Nazipropaganda oder benutzte Unterwäsche. Allein 4 340 Angebote sind in der Rubrik „Kleiderschränke“ zu finden.

Leidenschaftliche Tester

Was für ein Unterschied zum Neckermann-Katalog, wie man ihn seit den frühen Fünfzigerjahren kannte! Auch hier war schon bald so etwas wie eine symbolische Totalität der Warenwelt vorzufinden, reduziert jedoch auf exemplarische Stücke jeder Gattung. Über das Neckermann-Angebot von 1960 urteilte der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger in seiner berühmten Rezension: „Die Mehrheit unter uns hat sich für eine kleinbürgerliche Hölle entschieden, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint.“ Der Neckermann-Katalog, so der Schriftsteller weiter, könne einem Ethnologen im Jahr Dreitausend fruchtbarere Aufschlüsse über unsere Zustände und Befindlichkeiten geben als die ganze erzählende Literatur zusammen.

Noch fruchtbarere Aufschlüsse böten allerdings die Amazon-Seiten, denn sie enthalten die Reaktion der Kunden auf das Warenangebot gleich mit. Obwohl sich die direkten Kontakte zum Verkäufer bei Amazon erledigt haben, ist der Kauf dort ja alles andere als unkommunikativ. Dafür sorgen die anderen Kunden, die, kaum ist ihr Paket angekommen, das Gekaufte erst einmal einer kritischen Begutachtung unterziehen, um dann auf den Amazon-Seiten zu berichten. Manche Kunden entwickeln sich zu leidenschaftlichen Testern, die seitenlange Qualitätsanalysen schreiben für keinen anderen Lohn als den, von möglichst vielen anderen Kunden als Verfasser einer „hilfreichen“ Rezension belobigt zu werden.

So entsteht eine kritische Konsumentengroßfamilie, die sich gegenseitig mit einer Einschätzung der wahren Gebrauchswerte berät. Ganz so, als würde ich zu dem Herrn mit dem schlecht sitzenden Anzug im Kaufhaus treten und ihm im letzten Moment, bevor die Verkäuferin ihm ein „Na gut“ abringt, ins Ohr raunen: „Unmöglich, das Ding! Allein schon die Farbe.“

Was im realen Raum wie eine intimverletzende Geschäftsschädigung wirkte, ist auf dem virtuellen Marktplatz Alltag. Die Kunden warnen einander vor zu hohem Stromverbrauch, wackligen Kontakten, schlechter Verarbeitung, verblassenden Farben, komischem Beigeschmack, geringer Haltbarkeit, ausfallenden Pinselborsten. Manche lassen auch purer Begeisterung freien Lauf. Man muss ein wenig üben, um glaubwürdige Rezensenten von Wichtigtuern zu unterscheiden, aber mit der Zeit lernt man, die Eigenarten der Community ganz gut einzuschätzen.

Weil Amazon den Kunden vom einzelnen Händler emanzipiert, mitreden und urteilen lässt, schafft der Monopolist trotz oder gerade wegen seiner globalen Größe eine verführerische Atmosphäre ursprünglicher Gesellschaftlichkeit. Sie ist einem historischen Marktplatz ähnlicher als die Malls und Fußgängerzonen unserer Innenstädte. Darin ähnelt Amazon den Giganten Apple, Facebook und in gewisser Weise Ikea – Kraken allesamt, denen man aber die marktbeherrschende Stellung verzeiht, weil sie das Ich ihrer Kunden stärken und auf deren Kommunikation setzen.

Intimität und Gigantonomie fallen in eins. So zappeln wir freiwillig in den paradoxen Netzen dieser Monopole, weil sie unserem Ego immer mehr Entfaltungsraum zu geben scheinen. Wenn das nicht die perfekte Falle ist!

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