kalaydo.de Anzeigen

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

16. Februar 2013

Amazon: Die Opfer des Preiskampfs

 Von 
Der Versandhändler Amazon wächst weiter. Foto: REUTERS

Tausende Menschen ziehen im Internet über den Versandhändler Amazon her. Eine Dokumentation der ARD über die Leiharbeiter des mächtigen Versandriesen kratzt heftig am Image des Konzerns.

Drucken per Mail

Sicherheitspersonal mit kurzrasierten Haaren, Bomberjacken, Lederstiefeln und Klamotten von Thor Steinar: So wurden Menschen, die nach Deutschland gekommen waren, um beim Versandhändler Amazon zu arbeiten, überwacht. Sie wohnten in Ferienparks, in teils unwürdigen Verhältnissen, und konnten jederzeit ihre dürftig bezahlte Arbeit verlieren. Nun ist über Amazon ein Sturm der Empörung hereingebrochen. Tausende Menschen ziehen im Internet über den Versandhändler her, seit Journalisten der ARD diese grausigen Verhältnisse in einer Dokumentation öffentlich gemacht haben.

Das Unternehmen hat am Freitag angekündigt, den Vorwürfen nachzugehen. Es ist nicht das erste Mal, dass Amazon wegen seiner Arbeitsbedingungen in der Kritik steht. Der Online-Riese beschäftigt nach eigenen Angaben in Deutschland etwa 7.700 festangestellte Mitarbeiter in den Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim und Koblenz. Zusätzliche Arbeitskräfte bestellt Amazon bei Zeitarbeitsfirmen insbesondere für das Weihnachtsgeschäft, wenn besonders viele Pakete mit Fernsehern, Sportjacken oder Kaffeemaschinen verschickt werden müssen.

Die Menschen, um die es in dem ARD-Film geht, wurden von solchen Zeitarbeitsfirmen ins Land geholt. Auch die Sicherheitsdienste hat Amazon nicht selbst beauftragt. Man wolle nun die Zustände überprüfen und gegebenenfalls handeln, teilte der Versandhändler mit. Aber ist Amazon der Sündenpfuhl unter den Arbeitgebern in Deutschland? Eine differenzierte Betrachtung tut Not.

Niedrige Löhne prägen die Branche

Der Einzelhandel ist in Deutschland eine harte Branche: Stationäre Händler und der Onlinehandel konkurrieren um die Gunst der Kunden. Der Preis bleibt dabei eines der wichtigsten Kriterien. Die Preisführerschaft zu gewinnen oder zu verteidigen steht bei den Unternehmen weit oben auf der Agenda. Die Kunden wollen billig einkaufen und fordern gleichzeitig bestmöglichen Service. Niedrige Löhne prägen die Branche: Stundenlöhne von weniger als sechs Euro sind keine Seltenheit. Personal wird so flexibel wie möglich eingesetzt.

Der Staat hat diesen Wettbewerb zugelassen: Die Reformen der Regierung Schröder waren darauf ausgerichtet, Arbeitskräfte billiger und flexibler verfügbar zu machen. Was die Beschäftigung von Arbeitskräften aus dem Ausland über Zeitarbeitsfirmen betrifft, nutzt Amazon die bestehenden rechtlichen Möglichkeiten aus. Mit Löhnen von nach Unternehmensangaben 9,30 Euro oder mehr liegt Amazon sogar über den Mindestlöhnen für die Zeitarbeitsbranche. Diese betragen 7,50 Euro in den neuen und 8,19 Euro in den alten Bundesländern.

Amazon ist nur eines der Beispiele dafür, wie es (nicht nur) im Einzelhandel zugeht. Auf Arbeitsbedingungen, die verhindern, dass der intensive Wettbewerb auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen wird, konnte sich die Branche in den vergangenen Jahren nicht verständigen. Der Gesetzgeber schaut weiter tatenlos zu – und lässt zu, dass Arbeitnehmer immer mehr entwürdigt werden. Überwachung durch fragwürdiges Sicherheitspersonal ist ein schändliches Beispiel dafür.

Jetzt kommentieren

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Videonachrichten Wirtschaft
Steueroasen
Beliebtes Steuerparadies: Cook Inseln.

Die Enttarnung geheimer Geschäfte in Steueroasen beschäftigt Politik und Wirtschaft. Berichte und Hintergründe finden Sie in der Offshore Leaks-Themensammlung.

FR-Forum Entwicklung
Das "Forum Entwicklung" ist eine Veranstaltungsreihe von FR, Giz und HR-Info.

Die FR diskutiert mit Polarexperte Arved Fuchs, Prof. Claudia Kempfert und Dr. Stephan Paulus.

Mitreden

Erst kippen die Banken - dann wackelt die Weltwirtschaft. Nun wird die Finanzbranche umgebaut - und der Staat stützt die Konjunktur. Reden Sie mit.

Smartphone-Markt
Anzeige
Animation

Die weltweite Ausbeutung der Schiefergas-Reserven könnte den Energiemarkt nachhaltig verändern: Animation mit Infos zu Vorkommen weltweit und der umstrittenen Fördermethode "Fracking".

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
FR-Spezial

Wendige Elektroautos statt schwerer Spritfresser, enges Bahnnetz statt weniger schneller Strecken - wie wir mobil bleiben.

FR-Spezial
Die IG Metall will in Kürze entscheiden, ob sie zu Warnstreiks in der Stahlindustrie aufruft.

Kurzarbeit, Jobabbau - wie sozial unsere Marktwirtschaft noch ist. Und: Hartz IV - Nachwirkungen der großen Sozialreform.

Frauen in die Aufsichtsräte

Die EU will, dass 40 Prozent der Aufsichtsräte weiblich sein sollen. Für Vorstände gilt das nicht. Eine gute Lösung?

22% Ja, finde ich gut. Die Unternehmen ernennen von sich aus keine Frauen.
67% Nein, ich bin dagegen. Die Qualifikation ist wichtiger als das Geschlecht.
11% Ist egal, für die Wirtschaft ist das nicht entscheidend.

Euro-Krise

Das Märchen von den Griechen

Von Stephan Kaufmann | 22 Kommentare
Die Geschichte der griechischen Krise wird sehr einseitig beschrieben. Europa ist gut, Athen ist böse. Europa muss sein Sorgenkind erziehen - oder es aus dem Euro werfen.

Die Geschichte der griechischen Krise wird sehr einseitig beschrieben. Europa ist gut, Athen ist böse. Europa muss sein Sorgenkind erziehen - oder es aus dem Euro werfen. Es geht um „Lügen“, „Sorgen“ und der teuren „Rettung“. Dahinter verbergen sich knallharte Interessen. Mehr...

Anzeige
Faktencheck
Zurück zur Drachme um den Euro zu retten?

Griechenland steht im Ruf, über seine Verhältnisse gelebt zu haben. Mythen über die Ursachen der Krise.

Anzeige
Spezial

Wendige Elektroautos statt schwerer Spritfresser, enges Bahnnetz statt weniger schneller Strecken - wie wir mobil bleiben.

Wirtschaft-Spezial

Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.


Faktencheck
Steigende Beiträge zur Sozialversicherung - die Zukunft?

Was würde passieren, wenn Deutschland ein Sparpaket bewältigen müsste wie Griechenland? Ein erschreckendes Szenario.

In eigener Sache

Die Zukunft der Frankfurter Rundschau ist gesichert. Die Eigentümer betonen, es gibt keinen Einfluss auf das gewachsene politische Profil. Chefredakteur Festerling blickt nach vorne: "Wir haben einiges vor."