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06. Januar 2014

Amazon gegen Verdi: Gespaltene Belegschaft

 Von 
Das Logistikzentrum von Amazon in Bad Hersfeld.  Foto: dpa

In einem Brief protestieren 1000 Amazon-Beschäftigte gegen Verdi und distanzieren sich von der Gewerkschaft. Doch Verdi will den Arbeitskampf bundesweit ausweiten. In Pforzheim laufen wohl schon Vorbereitungen.

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Im Tarifstreit mit dem Online-Versandhändler Amazon trifft die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi auf Gegenwind von unerwarteter Seite. In einer Unterschriftenaktion, an der sich nach Unternehmensangaben mehr als 1000 Amazon-Beschäftigte beteiligten, distanzieren sich die Unterzeichner ausdrücklich von „Zielen, Argumenten und Äußerungen“ der Gewerkschaft und bekennen sich zu ihrem Arbeitgeber. In der Öffentlichkeit sei ein negatives Bild von Amazon erzeugt worden, das „nicht der Realität und unserem täglichen Arbeitsleben“ entspreche.

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Die Geschäftsleitung des Versandhändlers mit deutschlandweit 9000 Mitarbeitern wertete die Unterschriften als Beleg für faire und gute Arbeitsbedingungen in den 13 inländischen Logistikzentren. Dagegen erhob Verdi den Vorwurf, der Konzern habe offenbar Druck auf die Belegschaften zur Teilnahme an der Unterschriftenaktion ausgeübt. „Kollegen vor Ort haben uns berichtet, dass die Unterschriften unter Aufsicht des Managements herbeigeführt worden sind“, sagte Verdi-Sprecherin Martina Sönnichsen der Frankfurter Rundschau am Montag.

Aktion bereits im Advent

Ob und inwieweit die Mitarbeiter unmittelbar zur Unterschrift gedrängt wurden, ließ die Sprecherin offen. Allerdings seien viele Amazon-Beschäftigte befristet angestellt und sähen sich daher möglicherweise auch ohne ausdrückliche Aufforderung veranlasst, sich zum Unternehmen zu bekennen. Überdies seien viele Unterzeichner mittlerweile gar nicht mehr bei Amazon tätig. Die Aktion habe nämlich bereits im Advent stattgefunden, als Amazon für das Weihnachtsgeschäft rund 4000 zusätzliche Mitarbeiter vorübergehend eingestellt hatte. „Da ist es immer leicht, Druck auszuüben“, sagte Sönnichsen.

Die Formulierung des Unterschriftentextes lässt keine eindeutigen Rückschlüsse darauf zu, ob dieser Vorwurf zutrifft. Die Kernaussage des Textes lautet: „Wir arbeiten gern bei Amazon, sind selber zufriedene Kunden, haben einen sicheren Arbeitsplatz und möchten nicht weiter tatenlos zusehen, wie unser Ansehen und damit unsere Existenz in der Öffentlichkeit an den Pranger gestellt wird“.

"Arbeitskampf ausweiten"

Bei Verdi werden die Aussagen zwar durchaus ernst genommen. Es gebe sicher manches Belegschaftsmitglied, dass angesichts des Imageschadens für Amazon Sorgen um seinen Arbeitsplatz habe. Anlass, Positionen und Forderungen im Konflikt mit dem Versandhändler zu revidieren, sieht die Gewerkschaft aber nicht. Im Gegenteil: „Wir wollen den Arbeitskampf in absehbarer Zeit bundesweit ausweiten“, sagte Mechthild Middeke von Verdi Hessen. Neben dem größten deutschen Standort in Bad Hersfeld und Leipzig sollen weitere Versandzentren des Branchen-Riesen einbezogen werden.

Einer der nächsten Standorte, die laut Plan offenbar involviert werden sollen, ist Pforzheim. „Ich kann nicht ausschließen, dass es auch in Pforzheim in absehbarer Zeit zu Streiks kommt“, sagte Wolfgang Krüger vom Verdi-Landesbezirk Baden-Württemberg. Laut Sprecherin Sönnichsen arbeite man derzeit „intensiv daran, die Aktivitäten an den verschiedenen Amazon-Standorten besser zu koordinieren und enger zu vernetzen“.

Im Kern geht es Verdi darum, dass die Mitarbeiter des Konzerns mit Sitz in den USA künftig nach dem Tarifvertrag für den Einzel- und Versandhandel bezahlt werden. Amazons Lohnstruktur orientiert sich dagegen an den niedrigeren Tarifabschlüssen für die Logistikbranche. Begründung: Faktisch erledigten die Mitarbeiter logistische Aufgaben wie etwa Lagerarbeiten, die mit traditionellen Einzelhandelstätigkeiten kaum mehr etwas gemein hätten.

Mehrfache Warnstreiks

Im Verlauf des Konflikt, der seit April 2013 andauert, war es mehrfach zu Warnstreiks an verschiedenen Strandorten gekommen, die in der Vorweihnachtszeit nochmals intensiviert wurden. An den Standorten Bad Hersfeld, Leipzig und Graben bei Augsburg hatten bis zu 1000 Mitarbeiter die Arbeit vorübergehend niedergelegt.

Wie Verdi bekräftigte auch Amazon am Montag, an den bisherigen Positionen festhalten zu wollen. Zu der Frage, ob und inwieweit diese Aktionen das Geschäftsergebnis beeinträchtigten, äußerte sich das Unternehmen wie schon in der Vergangenheit nicht. Aus Sicht des Managements ist aber zu befürchten, dass der Ansehensverlust, den die öffentliche Auseinandersetzung über Bezahlung und Arbeitsbedingungen zeitigen kann, schwerer wiegt als die Warnstreiks. Schließlich ist ein abschreckendes Beispiel, wohin ein nachhaltiger Imageschaden führen kann, noch in lebhafter Erinnerung: die Pleite der Drogeriemarktkette Schlecker. (mit dpa)

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