New York. Wer in der Frankfurter Kaiserstraße die Filiale der Kleidungskette American Apparel betritt, tut dies meist mit einem guten Gefühl. Denn das Unternehmen lässt seine T-Shirts nicht von Kinderarbeitern in Bangladesch nähen, sondern mitten in Los Angeles. Dafür sind die Kleider etwas teurer als bei der Kette H & M. So weit, so gut für den politisch korrekten Konsumenten.
Nur kratzen immer wieder Kritiker am guten Image. Da sind die allzu direkt auf den Faktor Sex setzenden Werbemotive. Und da ist vor allem die Frage, wie das Unternehmen es schafft, zu konkurrenzfähigen Preisen in den USA zu produzieren.
Das Unternehmen ist eine US-amerikanische Mode-Kette mit Sitz in Los Angeles. Die Firma wurde 1989 von dem Kanadier Dov Charney gegründet und gehörte zeitweise zu den am schnellsten wachsenden Unternehmen der USA. Heute ist American Apparel in 19 Ländern vertreten - seit 2003 auch in Deutschland - und erwirtschaftete 2008 einen Jahresumsatz von 545 Millionen Dollar.
Markenzeichen und wichtiger Erfolgsfaktor der Kette ist ihre Unternehmens-Ethik. Die Firma verzichtet auf die in der Textilbranche dominierende Billig-Produktion in Entwicklungsländern und stellt ihre Kleidung ausschließlich in den USA her. Die Beschäftigten erhalten einen Durchschnittslohn von zwölf Dollar, es gibt betriebliche Gesundheitsvorsorge und subventionierte Verpflegung.
Das Sortiment von American Apparel umfasst vor allem "Basics": einfache, einfarbige Baumwollkleidung. Seit einigen Jahren verbreitert die Firma das Angebot und bietet nun auch Jeans, Kleider, Leggins und Accessoires - unter anderem für Hunde.
Die Antwort ist einfach: Es beschäftigt kaum US-Amerikaner als Arbeiter, sondern Einwanderer aus Mittel- und Südamerika. Denn kaum ein US-Bürger bewirbt sich um den harten Job in der Textilindustrie zu solch mickrigen Löhnen. Sie liegen zwischen umgerechnet 6,70 und acht Euro. Mexikaner dagegen stehen Schlange. Viele davon haben weder Visum noch Arbeitsgenehmigung.
Mexikaner stehen Schlange
Damit könnte die Geschichte zu Ende sein: Ein skrupelloser Arbeitgeber, der sich als Gutmensch brüstet, sich aber in Wirklichkeit auf Kosten illegaler Einwanderer bereichert. Doch die Sache ist etwas komplexer. Denn unter Einwanderern hat das Unternehmen einen hervorragenden Ruf: Es zahlt immerhin zehn bis zwölf Dollar Stundenlohn sowie eine Krankenversicherung. Für viele illegale Immigranten sind das Traumbedingungen. Die meisten von ihnen arbeiten in den USA unter weit schlimmeren Umständen. Das erklärt den Aufschrei von Menschenrechtlern, als die US-Regierung den T-Shirt-Hersteller ins Visier nahm.
Nach einer Untersuchung der US-Einwanderungsbehörde ICE muss American Apparel nun 1800 Arbeiter ohne gültige Papiere feuern - etwa ein Viertel der Belegschaft. "Das ist eine Tragödie", sagt Jorge-Mario Cabrera von Chirla, einer Organisation, die in Los Angeles für die Rechte von Einwanderern kämpft. "Die Firma ist ein guter Freund. Es ist sonst schwer einen Arbeitgeber zu finden, der Illegale wie Menschen behandelt."
Die Konsequenzen für die betroffenen Arbeiter sind verheerend. Die Chancen einen ähnlich guten Arbeitsplatz zu finden, sind gering. Mindestens 50 Familien müssen nach Angaben von Chirla ihre Häuser und Wohnungen aufgeben, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten können. Trotzdem wollen sie in den USA bleiben.
American Apparel ist nur der prominenteste Fall einer groß angelegten Kampagne. Die ICE-Ermittler wollen im ganzen Land Hunderte von Unternehmen zwingen, Mitarbeiter wegen fehlender Dokumente zu entlassen. Angesichts von vermuteten sechs Millionen illegalen Arbeitern in den USA dürfte der zahlenmäßige Effekt der Aktion zwar gering ausfallen. Doch es geht auch um etwas anderes.
"Viele anständige Arbeitgeber scheuen sich nun, Illegalen einen Job zu geben", sagt Marc Rosenblum vom Institut für Einwanderungspolitik in Washington. "Die Obama-Regierung will mit den öffentlichen Untersuchungen die Unternehmen abschrecken." Das sei zwar schon ein Fortschritt gegenüber der Bush-Regierung, die mit Razzien an Arbeitsplätzen brutal gegen "Illegale" vorging und versuchte, die Grenzen abzuschotten. Doch trieben die Entlassungen die Einwanderer in die Arme von Ausbeutern, die die verängstigten Menschen für Hungerlöhne schuften ließen.
Viele "Illegale" zahlten sogar Steuern
"Auch unter Obama fehlt es an einem überzeugenden Gesamtkonzept im Umgang mit den Illegalen", sagt Rosenblum. Es müsse für Unternehmen und ihre illegalen Arbeiter leichter werden, eine Arbeitsgenehmigung und andere Dokumente zu bekommen und so einen legalen Status zu erreichen - schließlich zahlten viele "Illegale" sogar Steuern. Dafür müsse aber das ganze System reformiert werden. Rosenblum: "Wenn man sieht, wie lange das Gerangel um die Gesundheitsreform dauert, dann rechne ich nicht mehr während Obamas erster Amtszeit damit."
Verschärft wird das Problem durch die schlechte Wirtschaftslage. Sie setzt die Politiker unter Druck, vor allem US-Bürgern Arbeitsplätze zu sichern. Und je näher die nächste Wahl rückt, desto eher vergreifen sich Populisten an dem für sie dankbaren Thema - zum Schaden der Einwanderer.
Für American Apparel geht das Leben weiter. Ein Sprecher des börsennotierten Unternehmens versichert: "Unsere Produktion ist nicht gefährdet. Wir haben genug neue Leute eingestellt."
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