Die Rentendebatte in Deutschland folgt den Gesetzen des Schweinezyklus. Am liebsten möchte sich der Normalbürger mit dem sperrigen Thema gar nicht beschäftigen. Drohen in einer wirtschaftlichen Abschwungphase aber die Beiträge zu explodieren, wird in den Talkshows allenthalben über die demografische Zeitbombe debattiert.
Das bereitet den Boden für schmerzhafte Reformen. Wenn Jahre später dann die Einschnitte wirken, ist das Erschrecken groß. Dann steigt die Neigung der Bevölkerung, sich mehr mit den Sorgen der Rentner als mit den Nöten der Beitragszahler zu beschäftigen.
Dass jeder zweite in Frührente geht, war keine Überraschung
So sorgte die Schlagzeile „Jeder zweite geht in Frührente“ der Süddeutschen Zeitung am Mittwoch im ansonsten ruhigen Regierungsviertel für Wirbel, über den auch FR-Online berichtet hatte.
Von den knapp 674.000 Männern und Frauen, die 2010 in den Altersruhestand wechselten, hätten knapp 320.000 finanzielle Abschläge hinnehmen müssen, weil sie nicht bis 65 arbeiteten, berichtete das Blatt.
Das klingt dramatisch. Dennoch, so ein Sprecher des Arbeitsministeriums, stellten die Zahlen „keine Überraschung“ dar. Und er hat recht.
Nicht nur wurde die Zahl schon im Mai von den Rentenversicherern veröffentlicht. Vor allem unterscheidet sich der Anteil der Neu-Frührentner, die Abschläge hinnehmen müssen, mit 47,5 Prozent kaum von 2009, 2008 oder 2007, als er jeweils über 45 Prozent lag. Ein drastischer Anstieg ergibt sich nur, wenn man bis 2001 (30,8 Prozent) oder gar 1997 (0,3 Prozent) zurückschaut.
Der Grund für die verzerrte Statistik
Der Grund ist einfach: Bis in die 90er-Jahre konnten Frauen, die 15 Jahre Pflichtbeiträge entrichtet hatten sowie Arbeitslose unter bestimmten Bedingungen bereits mit 60 statt mit 65 Jahren in Rente gehen. Langjährig Versicherte, die 35 Jahre eingezahlt hatten, räumten ohne Einbußen mit 63 statt mit 65 Jahren Werkbank oder Schreibtisch. Dies drohte die Rentenfinanzen zu sprengen. Also führte Ex-Minister Norbert Blüm ab 1997 Abschläge ein: Wer früher als mit 65 aus dem Job scheidet, bekommt pro Jahr 3,6 Prozent Rente abgezogen.
Lange galten Übergangsklauseln und Schutzfristen. Inzwischen aber kommt praktisch niemand mehr ohne Abschlag an eine Frührente. Im Durchschnitt müssen die Betroffenen auf 113 Euro im Monat verzichten. Die Höhe der Einbuße ist seit 2004 freilich leicht rückläufig, was die Süddeutsche Zeitung verschweigt.
Experten haben mehrere Antworten auf die Frage, weshalb so viele Menschen vorzeitig ihr Ruhegeld beantragen. Einerseits gebe es Fälle, in denen ältere Arbeitnehmer aus dem Job gedrängt wurden. Andererseits, sagen sie, scheiden Frauen mit einem älteren Ehemann bei dessen Renteneintritt ebenfalls öfter freiwillig aus.
Die Gewerkschaften wehren sich gegen die Rente mit 67, weil viele Arbeitnehmer die Regelaltersgrenze nicht erreichten. Tatsächlich steigt jedoch seit Jahren das reale Renteneintrittsalter.
Gingen Männer und Frauen 2000 noch im Schnitt mit 62,3 Jahren in den Ruhestand, so liegt das Zugangsalter nun bei 63,5 Jahren.
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