Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

09. Januar 2012

Antibiotika in Hühnchen: Keime aus dem Hühnerstall

 Von Katja Tichomirowa
Hähnchen im Alter von etwa fünf Wochen (Archivbild).  Foto: dpa

In Supermärkten haben Umweltschützer Stichproben von Hähnchenfleisch genommen. Jede zweite dieser Probe ist mit Bakterien belastet, die gegen Antibiotika resistent sind.

Drucken per Mail
Berlin –  
Umfrage

Glückliche Hühner sind gesunde Hühner. Auf den Einsatz von Antibiotika könnte bei ihrer Aufzucht also verzichtet werden. Dagegen ist das Hähnchenfleisch der großen deutschen Geflügelmäster Wiesenhof, Stolle und Sprehe mit antibiotikaresistenten Keimen belastet. Das ergaben Proben des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND). Eine Analyse von Stichproben dieser Produkte, die in Supermärkten wie Edeka, Netto oder Lidl verkauft werden, stellte der BUND am Montag in Berlin vor.

Von 20 Hähnchenfleischprodukten, die in Berlin, Hamburg, Köln, Nürnberg und im Raum Stuttgart gekauft wurden enthielten zehn gefährliche Keime. Sie könnten bei anfälligen Menschen schwere, unter Umständen auch tödliche Erkrankungen verursachen, warnt der BUND.

Einen belastbaren Beweis für die Behauptung, jede zweite Hähnchenfleisch-Probe enthalte antibiotikaresistente Keime, liefern die 20 Stichproben des BUND zwar nicht. Die Schlussfolgerung des BUND-Vorsitzenden Hubert Weiger ist dennoch ernst zu nehmen: Wo eine immer größere Zahl von Nutztieren auf zu kleinem Raum gehalten wird, ist ein Einsatz großer Mengen von Antibiotika unumgänglich. Weiger spricht von „fortgesetztem Antibiotikamissbrauch“. Das Ausmaß der Kontamination von Lebensmitteln mit Krankenhauskeimen sei ein deutliches „Warnsignal vor den Kollateralschäden der industriellen Tierhaltung“.

Antibiotika in 96 Prozent der untersuchten Hühnchen

Gegen den Vorwurf des Antibiotikamissbrauchs verwahrt sich dagegen der Hähnchenlieferant Wiesenhof. „Ein möglicher Missbrauch wird bei Wiesenhof unter anderem durch ein intensives Rückstandsmonitoring, zum Beispiel durch unangekündigte Kontrollen des Futters und des Wassers vor Ort beim Landwirt unterbunden“, heißt es in einer Stellungnahme des Unternehmens. Die Schlachtpartien würden täglich auf Antibiotikarückstände untersucht. Der prophylaktische Einsatz von Antibiotika in der Hühnermast sei den Wiesenhofproduzenten bereits seit 1997 untersagt. Vielmehr werde der Einsatz von Antibiotika „streng restriktiv“ gehandhabt. So könne man gewährleisten, dass nur rückstandsfreie Produkte in den Handel gelangten, versichert Wiesenhof.

Wie die antibiotikaresistenten Keime trotz „intensiver Rückstandskontrollen“ in das Hähnchenfleisch der Firma gelangen konnten, erklärt die Stellungnahme nicht.
Anhaltspunkte dafür liefern dagegen zwei Studien des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz in Nordrhein-Westfalen und des Niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz vom November vergangenen Jahres.

So meldete das Landesamt in NRW, dass 96 Prozent der Masthühnchen aus den untersuchten Beständen Antibiotika enthielten. Das Ministerium in Niedersachsen wies nach, dass dort in 82 Prozent der Masthuhnbetriebe, 77 Prozent der Mastschweine- und 100 Prozent der Mastkälberbetriebe Antibiotika eingesetzt werden. Insgesamt werden in der deutschen Landwirtschaft laut einer Studie der Bundesministerien für Gesundheit, Landwirtschaft und Forschung vom April 2011 mindestens 784 Tonnen Antibiotika pro Jahr verabreicht. Das ist mehr als die doppelte Menge dessen, was alle Bundesbürger im gleichen Zeitraum an Antibiotika einnehmen.

Antibiotika-Einsatz stärker kontrollieren

Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) ist das zu viel. Sie kündigte am Montag an, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung drastisch reduzieren zu wollen. Ein Gesetzentwurf zur Änderung des Arzneimittelgesetzes befindet sich bereits in der Ressortabstimmung. Der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung müsse auf das unbedingt erforderliche Maß zur Behandlung kranker Tiere zurückgefahren werden, sagte ihr Sprecher Holger Eichele am Montag.

Der Gesetzentwurf sieht vor, die Überwachungsbehörden der Bundesländer zu stärken. Ihnen soll ein erweiterter Zugriff auf die erfassten Abgabemengen von Antibiotika ermöglicht werden. Tierärzte sollen verpflichtet werden, auf Ersuchen der Behörden alle Daten zur Abgabe und Anwendung von Antibiotika zusammengefasst zu übermitteln. Damit soll die Überwachung erleichtert und die Kontrollen vereinfacht werden. Antibiotika, die auch für die Humanmedizin bedeutend sind, sollen zudem künftig nur unter besonderen Voraussetzungen außerhalb der Zulassung in der Tiermedizin eingesetzt werden.

Der agrarpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Friedrich Ostendorff, hält Aigners Vorschläge für „Kosmetik“. Aigner scheue ein konsequentes Vorgehen, „weil ihr klar ist, dass die industrielle Fleischproduktion ohne Antibiotika nicht funktioniert“.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Transparenz

Wiirwarr beim Energielabel

Von Thomas Engelke |

EU will Elektrogeräte sinnvoll kennzeichnen Mehr...

Europa

Weltoffen und sozial gerecht

Wie die Union gerettet werden kann Mehr...

FRAX

Die Frankfurter Rundschau und das Forschungsinstitut Wifor präsentieren den FR-Arbeitsmarktindex, kurz FRAX. Er erlaubt einen genaueren Blick auf unsere Arbeitswelt als es die Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen tun.

Videonachrichten Wirtschaft

Anzeige

Forum Entwicklung

Recht auf Arbeit – auch für Kinder?

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Weltweit arbeiten rund 150 Millionen Kinder – oft unter ausbeuterischen Bedingungen auf Plantagen, in der Teppichproduktion oder als Dienstmädchen. Darum geht es beim „Forum Entwicklung“ am Donnerstag, 23, April. Mehr...

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen