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29. Januar 2016

Arbeitgeber : „Falsche Zeit für Höhenflüge“

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„Die bevorstehende Tarifrunde ist die falsche Zeit für Höhenflüge“, sagt Gesamtmetall-Geschäftsführer Oliver Zander.  Foto: Markus Wächter

Gesamtmetall-Geschäftsführer Oliver Zander sieht seine Branche in einer schwierigen Lage. Der Arbeitgeber-Vertreter spricht über die nächste Tarifrunde, die Grenzen der Mitbestimmung und das umstrittene Gesetz zur Leiharbeit.

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Nebenan residiert die Botschaft der Republik Singapur, eine Straße weiter befinden sich zahlreiche Vertretungen der Bundesländer. Der Standort, den sich Gesamtmetall in Berlin gewählt hat, entspricht der Bedeutung des machtvollen Industrieverbands. Man ist in der Voßstraße zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor nah dran an den politischen Entscheidungsträgern. Man könnte mithin eine eher steife Gesprächsatmosphäre erwarten. Aber so kommt es nicht. Geschäftsführer Oliver Zander empfängt herzlich und spricht offen an, was ihn umtreibt.

Herr Zander, das Wirtschaftswachstum hierzulande ist mittlerweile fast ausschließlich der kräftigen Binnennachfrage zu verdanken. Ein hoher Lohnabschluss für die 3,7 Millionen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie würde die Kaufkraft nochmals stärken. Das ist doch auch in Ihrem Interesse, oder?
Sie verwechseln uns mit der IG Metall. Die Branche befindet sich in einer schwierigen Lage, die bevorstehende Tarifrunde ist die falsche Zeit für Höhenflüge. Die Löhne sind seit 2008 um insgesamt 20 Prozent gestiegen, die Produktivität hat aber nur um zwei Prozent zugelegt. Damit sind die Lohnstückkosten in unserer Branche exorbitant gestiegen.

Am geringen Produktivitätszuwachs sind doch die Unternehmen schuld, die nicht in moderne Anlagen investiert haben. Warum investieren sie nicht?
Weil die Wachstumstreiber fehlen. Wir haben erstmals seit langem eine bessere gesamtwirtschaftliche Entwicklung als in unserer Branche. Unsere Auslandsmärkte schwächeln. Brasilien ist abgeschmiert, China ist sehr schwierig, und auch aus Europa kommen keine großen Impulse. Von Russland ganz zu schweigen. Selbst die US-Wirtschaft gerät in Nöte. Wegen des niedrigen Ölpreises lohnt sich die Förderung mit der Fracking-Technologie kaum noch. Auf Pumpenhersteller und andere Ausrüster schlägt das voll durch. Diese Faktoren machen die Lage für unsere Branche, die zu zwei Dritteln vom Export abhängt, schwierig. Das weiß auch die IG Metall.

Müssten die Löhne vor dem Hintergrund eines solch düsteren Szenarios nicht erst recht kräftig steigen, um die Binnennachfrage weiter anzukurbeln?
Unsere Branche lebt vom Export und Ausrüstungsinvestitionen. Selbst wenn wir die Löhne um 30 Prozent erhöhen, kaufen die Leute von dem Geld doch keine Werkzeugmaschinen für den Hausgebrauch.

Zur person

Oliver Zander, 47, ist seit drei Jahren Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Kiel und Berlin arbeitete Zander als Referent im Hauptverband der Deutschen Bauindustrie. Zwischen 1999 und 2002 leitete er dort Abteilung Arbeitsrecht.

Der gebürtige Hildesheimer erwies sich anschließend als Geschäftsführer für Tarif- und Sozialpolitik gegenüber Gewerkschaftsvertretern als gewiefter Verhandlungsführer. Zander ist verheiratet und hat drei Kinder. (sts)

Aber Autos zum Beispiel.
Die Metall- und Elektroindustrie besteht aber nicht nur aus ein paar erfolgreichen Autokonzernen und ihren Zulieferern. Den Werkzeugmaschinenherstellern zum Beispiel geht es seit einiger Zeit nicht so gut. Höhere Löhne bedeuten zunächst einmal, dass sich die Wettbewerbssituation unserer Unternehmen auf den internationalen Märkten verschlechtert. Von steigender Massenkaufkraft im Inland haben sie nicht viel, auch wegen der hohen Exportquote. Ich wiederhole: Wir sind wirklich in einer schwierigen Lage.

Andere Länder beneiden Deutschland um seine Wirtschaftsentwicklung . . .
. . . für die wir selbst wenig getan haben, sondern wir profitieren von drei Sondereffekten: dem billigen Öl, den niedrigen Zinsen und dem schwachen Euro. Dadurch sinken die Kosten und die Ausfuhren verbilligen sich. Aber was passiert, wenn diese günstigen Faktoren wegfallen? Übrig bleiben hohe Lohnstückkosten und eine deutlich verschlechterte Wettbewerbssituation. Dann wird es schnell ganz duster.

Sie drohen mit dem Abbau von Arbeitsplätzen?
Nein, wir drohen mit gar nichts. Unsere Firmen haben nach der Wirtschaftskrise 2010 insgesamt 380 000 Stellen geschaffen, davon 150 000 zusätzliche gegenüber dem Vorkrisen-Niveau. Das ist eine Leistung. Aber wenn die Löhne nochmals stark ansteigen, wird es schwierig. Das muss die Gewerkschaft erkennen und am 29. Februar eine verhandlungsfähige Forderung auf den Tisch legen.

Wie schätzen Sie den neuen IG-Metall-Chef Jörg Hofmann ein?
Herr Hofmann will gestalten. Er hat eine klare Vorstellung davon, in welchen Bereichen er Veränderungen haben möchte. Das ist angesichts der Herausforderungen, die uns in den kommenden Jahren beschäftigen werden, vielleicht auch eine Chance.

Welche Herausforderungen sind das?
Arbeitszeiten, Altersversorgung, Digitalisierung, um nur einige zu nennen

Ein bisschen ausführlicher darf’s schon sein.
Wir werden wegen des Rückgangs der verfügbaren Fachkräfte das Arbeitsvolumen der Belegschaften ausweiten müssen. Sonst können die Unternehmen nicht expandieren. Auf der anderen Seite steht für die IG Metall die 35-Stunden-Woche nicht zur Debatte. Wir müssen gemeinsam versuchen, beides durch Flexibilität und innovative Ideen unter einen Hut zu bekommen.

Deutschland profitiert vom billigen Öl.  Foto: dpa

Klingt nach der Quadratur des Kreises.
Richtig ist: Wir wollen weg von den starren Arbeitszeitgrenzen. Das heißt aber nicht, dass jeder einzelne Beschäftigte verpflichtend länger arbeiten soll. Aber unter dem Strich muss ein insgesamt höheres Arbeitszeitvolumen herauskommen. Die Gewerkschaft wird sagen, wenn wir mehr arbeiten, dann wollen die Beschäftigten auch mehr Autonomie bei der Gestaltung der Arbeitszeiten. Darüber werden wir reden müssen und das tun wir mit der IG Metall auch schon. Ich bin zuversichtlich, dass diese Gespräche zu einem spruchreifen Ergebnis führen werden, wenn auch nicht in der bevorstehenden Tarifrunde.

Können die vielen Flüchtlinge den drohenden Fachkräftmangel nicht auffangen?
Kaum. Einerseits sind die Qualifikationsanforderungen in der Metall- und Elektroindustrie sehr hoch, auf der anderen Seite sind einfache Tätigkeiten in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr verschwunden. Laut Bundesagentur für Arbeit haben aber nur elf Prozent der Flüchtlinge eine gewerbliche Berufsausbildung und weitere acht Prozent einen akademischen Abschluss. Inwieweit diese Abschlüsse mit dem deutschen Qualifikationsniveau vergleichbar sind, steht auf einem anderen Blatt. Dazu kommen Sprachprobleme. Auf kurze und selbst auf mittlere Sicht erwarte ich von dieser Seite keine Entlastung beim Fachkräftebedarf.

Warum beschäftigt sie das Thema Altersversorgung?
Wenn das Rentenniveau weiter absinkt, dann bekommen auch die Facharbeiter und Meister in unserer Industrie im Alter ein Problem. Die betriebliche Altersvorsorge ist ein effektives Instrument, aber wir müssen raus aus der Arbeitgeberhaftung. Die Arbeitgeber sind bereit, weiterhin freiwillig ihren Beitrag zu den Betriebsrenten zu leisten, aber sie können nicht mehr feste Verzinsungen über einen Zeitraum von Jahrzehnten garantieren. Das macht die anhaltende Niedrigzinsphase sehr deutlich. Betriebsrenten sind allemal besser, als soziale Verwerfungen durch Altersarmut in Kauf zu nehmen.

Wo liegt der Konflikt bei der von Ihnen erwähnten Digitalisierung?
Die Gewerkschaften fordern mehr Mitbestimmung, um Modernisierungen und Umstellungen auf dem Weg zur Industrie 4.0 aufhalten oder verhindern zu können. Da sagen wir ganz klar: Bei der Mitbestimmung ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Wenn wir jetzt noch einen Schritt weiter gingen, wären die Unternehmen nicht mehr frei. Wir können mit der IG Metall gern darüber reden, wie Industrie 4.0 gestaltet werden kann. Aber noch mehr Mitbestimmung ist nicht drin. Wenn ein Firmeninhaber sich die Anschaffung moderner Maschinen jedes Mal erst vom Betriebsrat genehmigen lassen muss, dann verlassen die Unternehmen den Standort. Unternehmerische Entscheidungen obliegen dem Unternehmer und nicht dem Betriebsrat. Sonst bekommen wir in Deutschland eine Standortdebatte 2.0.

Welche Rolle spielt da das geplante Gesetz zu Werkverträgen und Leiharbeit?
Der Entwurf aus dem Bundesarbeitsministerium ist für uns so nicht akzeptabel. Wir brauchen eine vernünftige Abgrenzung zwischen Zeitarbeit und Werkverträgen auf der einen Seite und Scheinselbstständigkeit auf der anderen Seite. Die dazu im Gesetzentwurf formulierten Kriterien sind viel zu engmaschig. Außerdem müssen die tarifvertraglich vereinbarten Branchenzuschläge in der Zeitarbeit auf das Gebot gleicher Lohn für gleiche Arbeit angerechnet werden. Das ist im Gesetz nicht vorgesehen. Auch die Höchstüberlassungsdauer von 18 Monaten reicht nicht aus. Projektbezogene Arbeitnehmerüberlassungen in unserer Branche gehen über einen Zeitraum von vier Jahren. Das muss durch tarifvertragliche Vereinbarungen weiterhin möglich sein.

Rechnen Sie denn noch mit substanziellen Veränderungen am Entwurf?
Das, was da vorliegt, wird so nicht kommen. Der Entwurf geht weit über die Vereinbarungen im Koalitionsvertrag hinaus. Das macht die Union nicht mit, das hat die Frau Bundeskanzlerin mehrfach öffentlich erklärt.

Interview: Stefan Sauer

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