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Arbeitgeber-Lobbyist Brocker: Rezept für Krisenmanagement

Früher wurden Tarifparteien gescholten, heute werden sie für ihr Krisenmanagement gelobt: Wie kommt der Sinneswandel zustande? Der Flächentarifvertrag ist flexibler, als Kritiker glauben. Von Ulrich Brocker

Ulrich Brocker ist Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall.
Ulrich Brocker ist Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall.
Foto: dpa

Vor sieben Jahren sagte der damalige BDI-Präsident Michael Rogowski: "Man müsste Lagerfeuer machen und erst mal die ganzen Flächentarifverträge verbrennen" - und erntete damit nicht nur Empörung, sondern auch Zuspruch. Heute werden die Tarifparteien, allen voran jene der Metall- und Elektroindustrie, für ihr erfolgreiches gemeinschaftliches Krisenmanagement gelobt. Wie kommt dieser Sinneswandel zustande?

Abgesehen davon, dass die Grundsatzkritik schon damals kaum gerechtfertigt war, hat der Flächentarifvertrag seit Jahren alle seine Gegner Lügen gestraft: Er ist viel flexibler, als die Kritiker es glauben machen wollten. Deutschland hat in ihm nicht nur die kürzesten, sondern auch die weltweit flexibelsten Arbeitszeiten geregelt - lediglich eingeschränkt durch das Arbeitszeitgesetz.

Der Autor

Ulrich Brocker ist Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall.

Der Flächentarifvertrag ist ständig den Anforderungen angepasst worden, mit dem Ergebnis, dass er die Lage des jeweiligen Unternehmens viel besser berücksichtigen kann als früher - über mehr betriebliche Stellschrauben und über Ergänzungstarifverträge nach dem Pforzheim-Abkommen.

Der Flächentarifvertrag wurde rundum erneuert und ein modernes Entgeltsystem (ERA) eingeführt - einen Spezialistenstreik wie bei den Piloten oder Lokführern befürchtet in der Metall- und Elektrobranche niemand. Im Ergebnis ist der Flächentarifvertrag zwar nicht billig, aber auch nicht zu teuer. Wer qualifizierte Kräfte beschäftigten will, muss ihnen wettbewerbsfähige Vergütungen bieten.

Gerade in der Krise hat der Flächentarif seine Stärken ausgespielt und sich als Standortvorteil für die Metall- und Elektroindustrie erwiesen. Deutsche Konzerne mussten im Ausland schneller und in viel größerem Umfang Personal abbauen als hierzulande, weil ihnen ähnliche tarifliche Stellschrauben fehlten.

Auch das gemeinsame Handeln der Tarifparteien war wichtig: Wurde der Umgang zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern oft als Konfliktpartnerschaft empfunden, ist uns dieses Mal eine wirkliche Sozialpartnerschaft geglückt.

Diesen Kurs sollten wir fortsetzen. Eine frühzeitige, friedliche Einigung ist die beste Werbeaktion für den Flächentarif. Die größten Vorbehalte speisen sich aus einem Bauchgefühl: Viele Mittelständler wollen mit einer Gewerkschaft, die mehr von organisationspolitischen als von den konkreten betrieblichen Interessen geleitet ist, nichts am Hut haben.

Wo Betriebe solche schlechten Erfahrungen gemacht haben, ist es nur verständlich, wenn sie dem Flächentarif fernbleiben wollen. Auch das gehört zur Koalitionsfreiheit: die negative Koalitionsfreiheit, die wir verteidigen. Kein Unternehmen muss sich einem Arbeitgeberverband anschließen.

Doch sollten alle, die diesen Weg wählen, zweierlei bedenken: Zum einen sollten sie ihre vermeintliche Autonomie nicht glorifizieren. Denn ohne den Flächentarif als Kompass fehlte ihnen jegliche Orientierung. Auch sie brauchen eine Referenzgröße - für die Entlohnung, die Arbeitszeitgestaltung, die Personalrekrutierung.

Laut den Daten des IAB-Betriebspanels war der Flächentarif Mitte 2009 denn auch mindestens für 75 Prozent der Metall- und Elektro-Betriebe und 89 Prozent der Beschäftigten der Branche maßgeblich: Zu den 33 Prozent der Betriebe, die direkt an den Flächentarif gebunden sind, kommen weitere sieben Prozent, die mit der Gewerkschaft einen Haustarifvertrag geschlossen haben.

Darin wird entweder der Flächentarif eins zu eins oder mit geringfügigen Abweichungen übernommen. Außerdem orientieren sich weitere 35 Prozent ausdrücklich am Flächentarif. Die wahren Zahlen dürften sogar noch höher liegen - direkt oder indirekt dürfte der Flächentarif für 90 Prozent der Betriebe maßgeblich sein. Denn wer bewusst keine Tarifbindung will, wird in Umfragen nur sehr ungern zugeben, dass er sich am Flächentarif orientiert.

Zum anderen sollten die Unternehmen einmal darüber nachdenken, was mit den "weißen Flecken" passiert, die auf der tarifpolitischen Landkarte entstehen. Indizien belegen, dass die Politik nicht gewillt ist, diesen Schwund widerstandslos hinzunehmen.

Den Unternehmen, die sich jetzt aus der Tarifbindung zurückziehen, winkt also nicht die große Freiheit, sondern ihnen droht staatliche Reglementierung. Wer auch künftig Arbeitsbeziehungen und Löhne eigenverantwortlich regeln will, ist deshalb gut beraten, dem Flächentarif nicht den Rücken zu kehren.

Autor:  Ulrich Brocker
Datum:  21 | 4 | 2010
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