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Arbeitsmarkt: Das Armutsrisiko steigt - nicht für alle

Die Zahl der prekär Beschäftigten nimmt mit rasanter Geschwindigkeit zu. Der Kündigungsschutz wird immer weiter ausgehöhlt. Von Eva Roth

Putzen für 400 Euro im Monat - ein klassischer Minijob.
Putzen für 400 Euro im Monat - ein klassischer Minijob.
Foto: dpa

Frankfurt. Die gute Nachricht lautet: Die Zahl der Erwerbstätigen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen: Zwischen 1998 und 2008 verzeichnete das Statistische Bundesamt einen Zuwachs von rund zwei Millionen abhängig Beschäftigen und Selbstständigen.

Die schlechte Nachricht: Verantwortlich für das Plus ist fast ausschließlich die Verbreitung von sogenannten atypischen Beschäftigungsformen, dazu gehören Leiharbeiter, befristet Beschäftigte, Minijobber und Arbeitnehmer mit einer kleinen Teilzeitstelle mit 20 Wochenstunden oder weniger. Die Zahl der "Normalarbeitnehmer" ist dagegen gesunken. Zu dieser Gruppe zählt das Statistische Bundesamt Vollzeitkräfte und Teilzeitbeschäftigte, die länger als halbtags arbeiten.

Jobformen

Das statistische Bundesamt hat für die Unterscheidung zwischen einem Normalarbeitsverhältnis und atypischer Beschäftigung bestimmte Kriterien festgelegt.

In einem Normalarbeitsverhältnis befindet sich demnach jeder, der eine Voll- oder Teilzeittätigkeit mit mindestens der Hälfte der üblichen Wochenarbeitszeit ausübt. Das Beschäftigungsverhältnis muss außerdem unbefristet und in die sozialen Sicherungssysteme integriert sein.

Als atypisch bezeichnet das statistische Bundesamt Arbeitsverhältnisse, die von diesen Kriterien abweichen.

Ein Merkmal für atypische Beschäftigung ist die Befristung des Beschäftigungsverhältnisses. Wenn ein Arbeitnehmer weniger als 20 Stunden in der Woche arbeitet, gilt sein Arbeitsverhältnis ebenfalls als atypisch. Weitere Formen sind Zeitarbeit und geringfügige Beschäftigung (Minijobs).

Warum das ein Problem ist? Weil atypische Jobs oft unsicher sind: Viele Leiharbeiter sind so kurz beschäftigt, dass sie nicht unter den Kündigungsschutz fallen, Befristete können sowieso nach Ablauf des Vertrags nach Hause geschickt werden, und Minijobber haben nur minimale Rentenansprüche.

Außerdem verdienen diese Menschen sehr wenig: Ein regulär Beschäftigter erhielt 2006 rund 18 Euro pro Stunde, ein Zeitarbeiter dagegen nur 9,70 Euro. Neuere Zahlen lägen nicht vor, so Martin Beck vom Statistischen Bundesamt. Der Fachmann für Verdienste geht aber davon aus, dass sich bei den Lohnabständen seither nichts Wesentliches geändert hat. Fast die Hälfte der atypisch Beschäftigten erhielt nur einen Niedriglohn, also weniger als zwei Drittel des mittleren Einkommens. 2006 lag die Niedriglohnschwelle bei 9,85 Euro. Bezogen auf alle Berufstätige seien 20 Prozent aller Beschäftigten Geringverdiener.

Die Statistiker haben sich auch angeschaut, wer von Armut bedroht ist. Hier konnten sie auf aktuellere Daten zurückgreifen. Demnach waren im vorigen Jahr 3,2 Prozent der Normal-Arbeitnehmer armutsgefährdet. Bei den atypisch Beschäftigten waren es dagegen mehr als 14 Prozent. Bei Minijobbern ist dabei die Gefahr am größten, in die Armut zu rutschen.

Das Bemerkenswerte: Vollzeitkräfte haben heute praktisch genau das gleiche Armutsrisiko wie vor zehn Jahren. Bei prekär Beschäftigten ist das Risiko dagegen deutlich gestiegen - und zwar um 46 Prozent.

Niedrige Löhne für Minijobs

Ein Grund dafür sei die Zunahme der Minijobs, erläutert Peter Weigl, Vizepräsident des Statistischen Bundesamts. Denn ihre Stundenlöhne sind besonders niedrig, und die Leute dürfen nur maximal 400 Euro im Monat verdienen. Hinzu komme, dass die Bruttoverdienste von prekär Beschäftigten langsamer gestiegen seien als von Vollzeitkräften.

Bei der Frage, wer armutsgefährdet ist, wird aber nicht nur der Lohn berücksichtigt. Hier schauen sich die Statistiker das gesamte Nettoeinkommen eines Haushalts an. Dazu zählen auch Sozialleistungen wie Hartz IV und Einkommen aus Vermögen.

Als armutsgefährdet gilt, wer in einem Haushalt lebt, der mit weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommen leben muss. Heute gebe es mehr Alleinverdiener als früher, so die Statistikexperten. Zudem sei die Zahl der Erwerbstätigen, die in einem Ein-Personen-Haushalt leben, leicht gestiegen. Auch da seien Gründe für den Anstieg des Armutsrisikos.

Übrigens sind Männer mit einem prekären Job öfter gefährdet als Frauen. Der Grund ist einfach: Frauen sind öfter Zuverdienerinnen, die einen Partner haben, der eine ganz normale Vollzeitstelle hat.

Autor:  Eva Roth
Datum:  20 | 8 | 2009
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