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02. Januar 2013

Arbeitsmarkt: Firmen zahlen für ausländische Fachkräfte

 Von Stefan Sauer
Die Finanzkrise in Südeuropa und die EU-Erweiterung haben die Zuwanderung nach Deutschland erneut anwachsen lassen. Foto: dpa

Vielen Südeuropäern erscheint Deutschland als gelobtes Land. Die hiesigen Unternehmen buhlen vor allem um gut qualifizierte Fachkräfte und finanzieren Sprachkurse.

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Es ist etwas in Bewegung geraten. Aus Erfurt war eine Abordnung der Industrie- und Handelskammer im Frühjahr nach Budapest gereist, um nach geeigneten Auszubildenden Ausschau zu halten. Ein Elektrobauer aus dem Saale-Orlau-Kreis sah sich derweil in Tschechien mit Erfolg nach Industrie-Elektronikern um. Im Landkreis Deggendorf warb man bereits 2011 junge Bulgaren an, um Lehrstellen als Maschinenbauer, Installateure und in verschiedenen Handwerksberufen besetzen zu können.

Die IHK Karlsruhe vermittelte im Sommer fünf Spanier an Badener Mittelständler, in Polen fand die Handwerkskammer Cottbus Lehrlingsnachwuchs. Anfang Dezember reiste die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit mit Vertretern deutscher Firmen nach Spanien und Portugal, um nach geeigneten Mitarbeitern zu fahnden.

Gute Jobchancen

Es gibt Hunderte solcher Beispiele. Der Fachkräftemangel in Deutschland beschränkt sich längst nicht mehr auf Altenpfleger, Programmierer und Ingenieure. In vielen Regionen fehlen auch Industrieelektroniker, Bürokaufleute, Köche, Mechatroniker, Wachmänner, Reinigungskräfte. Im Osten kommt ein eklatanter Mangel an jungen Leuten und damit Auszubildenden hinzu. Deshalb suchten deutsche Unternehmen 2012 so intensiv wie nie zuvor im europäischen Ausland nach Personal.

Zehntausende meist junge Menschen verlassen wegen horrender Arbeitslosenzahlen auf der Suche nach Lohn und Brot ihre Heimatländer. Mit der EU-weit niedrigsten Jugendarbeitslosenquote und guten Wirtschaftsdaten erscheint Deutschland Südeuropäern als gelobtes Land, trotz rauen Klimas und sperriger Sprache. Im ersten Halbjahr 2012 kamen 15 838 Griechen zu uns, ein Plus von 78 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Steigerungen von jeweils gut 53 Prozent wurden für Zuwanderer aus Spanien und Portugal registriert. 11 100 Spanier und 5800 Portugiesen zogen auf Suche nach Arbeit in den kühlen Norden. Aus Polen ließen sich im ersten Halbjahr 88 800 Menschen im westlichen Nachbarland nieder, 14 Prozent mehr als 2011.

Deutschkurse sind gefragt - auch in Nürnberg, wo neben das Wort Servus die griechische Flagge gemalt wurde.
Deutschkurse sind gefragt - auch in Nürnberg, wo neben das Wort "Servus" die griechische Flagge gemalt wurde.
Foto: dpa

Mehr als eine Million

Nichts deutet darauf hin, dass die Wanderungsbewegung im zweiten Halbjahr nachgelassen hat. So sind im Gesamtjahr 2012 aller Voraussicht nach mehr als eine Million Menschen nach Deutschland gekommen, während nur und 620 000 Personen der Republik den Rücken kehrten. Das Wanderungssaldo liegt für 2012 mithin bei knapp 400 000 Menschen – ein vor wenigen Jahren unvorstellbarer Wert. Schließlich hatten noch 2008 und 2009 mehr Menschen Deutschland verlassen als zu gezogen waren.

Passgenau vermittelt

Arbeitsvermittlung in Europa: Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit hat die Aufgabe, innerhalb der EU einen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage auf dem europäischen Binnenarbeitsmarkt zu organisieren. Im Kontakt mit Arbeitsverwaltungen anderer EU-Länder stellt die ZAV länderbezogene Bedarfe und Überhänge bezüglich bestimmter Qualifikationen fest und erörtert Möglichkeiten, wie Personalengpässe hier mit einem Überangebot an Fachkräften dort zum Ausgleich gebracht werden können.

Im abgelaufenen Jahr bildete die ZAV erstmals einen Pool mit knapp 4000 Kranken- und Altenpflegern, Ärzten, Maschinenbau- und Elektroingenieuren sowie verwandten Berufen, die vornehmlich aus südeuropäischen Ländern stammen und im Ausland eine Stelle suchen. Diese Personen haben bereits eine Vorauswahl durchlaufen.

Drei Voraussetzungen: Die ZAV wird nur tätig, wenn mehrere Bedingungen erfüllt sind: Aus der deutschen Wirtschaft muss überregional ein Mangel an bestimmten Fachkräften gemeldet worden sein. Ein solcher Mangel muss aber auch statistisch messbar sein: Im Verhältnis zur Zahl der inländischen Bewerber müssen deutlich mehr Arbeitsplätze unbesetzt sein als dies im Durchschnitt bei allen Stellen der Fall ist. Zudem müssen Arbeitsplätze länger unbesetzt bleiben als dies in anderen Sparten der Fall ist. Wird auch diese Voraussetzung erfüllt, geht die ZAV von einem real existierenden Fachkräftemangel aus und wird tätig. 2012 konnte die Behörde mit Sitz in Bonn 727 Personen passgenau an deutsche Unternehmen vermitteln. Die meisten, nämlich 172, kamen aus Spanien. Für 2013 werden steigende Zahlen erwartet und erstmals auch Auszubildende vermittelt.

Positiv ist dieser Run nicht allein deshalb, weil damit die Alterung der Gesellschaft abgebremst und so die sozialen Sicherungssysteme stabilisiert werden. Erfreulich vor allem erscheint der Umstand, dass die Hoffnung der Menschen, in Deutschland einen Arbeitsplatz zu finden, in den meisten Fällen nicht enttäuscht wurde. Während der ersten neun Monate des Jahres wuchs die Zahl der bei uns beschäftigten spanischen Staatsangehörigen um 14,7 Prozent, die der Griechen um 11,1, der Portugiesen um 6,8 und der Italiener um 4,5 Prozent. Im September waren knapp 400 000 Menschen aus diesen vier Ländern sozialversicherungspflichtig in Deutschland beschäftigt. Hinzu kamen 65 000 Minijobber.

Für die Neubürger aus den 2004 der EU beigetretenen osteuropäischen Staaten gilt ähnliches. Die Zahl der Beschäftigten stieg zwischen Januar und September 2012 um rund 100 000 auf 390 000 an. Was die Beschäftigungsentwicklung zugewanderter Menschen angeht, liegt Deutschland laut OECD mittlerweile international an der Spitze: Zwischen 2008 und 2011 stieg die Beschäftigungsquote der in der Bundesrepublik lebenden Migranten um vier Punkte auf 66,5 Prozent an, so stark wie in keinem anderen OECD-Mitgliedsland.

Dass solche Zahlen in Teilen der Bevölkerung Abwehr hervorrufen, ist bekannt. „Die nehmen uns Deutschen die Arbeitsplätze weg“ ist so ein Standardsatz, der statistischer Überprüfung allerdings nicht standhält: Seit 2008 nämlich sank die hiesige Erwerbslosenquote von 7,3 auf aktuell 6,5 Prozent, wovon mehrheitlich Deutsche profitierten.

Von „Arbeit wegnehmen“ kann nicht die Rede sein. In einer aktuellen Studie geht das Prognos-Institut von 1,7 Millionen fehlenden Fachkräften im Jahr 2020 aus. Bis 2035 wird diese Zahl auf vier Millionen ansteigen. Das ist zwar – auch wegen der gestiegenen Zuwanderung – eine Million weniger, als das Institut noch 2008 vorausgesagt hatte, eine Riesenlücke bleibt gleichwohl. „Zuwanderung allein kann den Fachkräftemangel nicht lösen“, betont Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. In die gleiche Richtung zielt eine aktuelle Analyse des Münchener Ifo-Instituts, das den ostdeutschen Ländern für das Jahr 2023 Vollbeschäftigung voraussagt.

Deutschkurse gefragt

So werden die Bemühungen um gute Mitarbeiter aus den europäischen Partnerländern auch 2013 gewiss nicht nachlassen. Im Gegenteil: Die ZAV, die sich bisher um die passgenaue Vermittlung ausländischer Fachkräfte an deutsche Unternehmen bemüht, wird 2013 erstmals auch in südeuropäischen Schulen und auf Messen junge Menschen über die Ausbildungsmöglichkeiten in Deutschland informieren. Zudem sind weitere Delegationsreisen mit Wirtschaftsvertretern geplant. „Bei vielen Arbeitgebern wächst das Bewusstsein dafür, dass man um die Menschen werben muss“, sagt ZAV-Sprecherin Beate Raabe.

Die Bereitschaft, angeworbenen Fachkräften bei der Suche nach einem Kitaplatz oder bei Behördengängen zu helfen, sei vielerorts spürbar. „Mittlerweile bezahlen manche Unternehmen ihre Mitarbeiter sogar, wenn die einen Intensiv-Sprachkurs absolvieren. Vor drei Jahren noch wäre das undenkbar gewesen“, weiß Raabe.

Auf der anderen Seite ruhen die Anstrengungen ebenfalls nicht. Die Goethe-Institute in Spanien, Griechenland, Portugal und Italien platzen aus allen Nähten. 250 000 Menschen lernen dort derzeit Deutsch. Nie zuvor meldeten sich so viele Menschen für die Kurse an. Es sieht so aus, als bleibe da etwas in Bewegung.

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