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03. April 2012

Arbeitsmarkt: Wie Südeuropäer ihr Glück in Deutschland suchen

 Von Marcel Burkhardt
Rosanna Cozzolino, promovierte Biologin, zog mit ihrem Lebensgefährten aus Italien in das hessische Rüsselsheim. Während der Maschinenbau-Ingenieur sofort Arbeit fand, lernt sie noch die Sprache. Trotzdem ist Cozzolino optimistisch: „Ich werde hier bestimmt meine Chance bekommen.“  

Sie sind ehrgeizig und voller Ideen, aber 
in ihren Heimatländern haben sie kaum eine Zukunft. Tausende junge Akademiker 
aus Südeuropa suchen deshalb Arbeit in Deutschland.

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Rüsselsheim –  

Interaktiv: Arbeitslosigkeit

Rosanna Cozzolino fängt mit 34 Jahren noch einmal bei Null an. Die promovierte Biologin hat ihre Heimat Italien verlassen und wagt einen Neubeginn. Weil sie ihre Karriere retten will und weil sie das Gefühl satthatte, daheim nicht gebraucht zu werden.

Weil sie trotz bester Zeugnisse, guten Willens und Engagements keinen Ausweg sah aus der Arbeitslosigkeit und weil sie nicht mehr warten wollte auf einen Personalchef, der endlich sein Versprechen einlösen würde, sie einzustellen, „sobald die Geldfrage gelöst“ sei. „Das haben sie immer gesagt: Alles prima, wir rufen Sie an, sobald wir die Geldfrage gelöst haben“, erzählt Cozzolino. Aber es hat nie einer angerufen. Deshalb ist sie jetzt hier, im hessischen Rüsselsheim.

In einer Bäckerei möchte sie reden – „weil es da so gut duftet“. Bevor sie sich an einen der kleinen Tische setzt, atmet sie tief durch, sie sieht dabei sehr zufrieden aus. Dann ist sie wieder bei ihrer Geschichte. Um große Summen, sagt sie, sei es bei den Job-Gesprächen nie gegangen – „natürlich nicht“. Natürlich nicht? Rosanna Cozzolino atmet ein zweites Mal durch. Diesmal klingt es nach einem Seufzen.

Die kleine, energiegeladene Frau aus Neapel war es gewohnt, mit wenig Geld auszukommen. Im Uni-Betrieb hatte die Wissenschaftlerin Krebstumore erforscht, darüber Artikel verfasst und Studenten unterrichtet – für weit weniger als 1.000 Euro monatlich.

Später hat sie jahrelang in einem Labor Blutanalysen angefertigt, elf Stunden Arbeit täglich, oft auch am Wochenende, für 1 300 Euro im Monat. Cozzolino klingt nicht verärgert, wenn sie über diese Zeit redet. Ihre Stimme ist weich, freundlich. Sie sagt: „Ich war es gewohnt, hart zu arbeiten für wenig Lohn.“

„Ohne Arbeit wie ein Fisch ohne Wasser"

Womit sie sich nicht abfinden konnte, das war die Arbeitslosigkeit. Als ihre Stelle im September 2010 eingespart wurde, begann sie sofort nach einer neuen Aufgabe zu suchen. „Ohne Arbeit fühle ich mich wie ein Fisch ohne Wasser. Ich habe mich bei zig Firmen beworben, aber leider ohne Chance“, sagt Cozzolino. „Bei uns in Italien war die Lage auf dem Arbeitsmarkt schon lange schwierig – aber heute ist es eine Katastrophe, ohne Vitamin B kommst du einfach nirgendwo unter.“

Wie hat sie sich über die aalglatten Personaltypen und ihre leeren Versprechen geärgert, über das „ganze, verkommene System“. Cozzolino reißt wütend die Arme nach oben, wedelt mit den Händen über dem Kopf herum. Dass sie nicht alleine ist, dass viele junge Italiener außen vor bleiben, obwohl sie etwas können, Kraft haben und Ideen, war kein Trost.

„Aber ich möchte mich nicht totärgern – ich will leben“, sagt Cozzolino auf Englisch und zeigt dann zum ersten Mal an diesem Frühlingstag ein schüchternes, mädchenhaftes Lächeln.

Zurückblicken möchte sie auch nicht mehr. „Die alten Sorgen habe ich in Italien gelassen. Jetzt will ich mir eine Zukunft in Deutschland aufbauen“, sagt sie. „Ich will zeigen, was ich kann – und ich werde hier bestimmt meine Chance bekommen.“

Rosanna Cozzolino teilt diesen Optimismus mit vielen Zuwanderern einer neuen Generation. Tausende junger Südeuropäer suchen derzeit ihr Glück in Deutschland. Denn während die Arbeitslosigkeit in Ländern wie Italien, Spanien, Portugal und Griechenland Rekordwerte erreicht, boomt die deutsche Wirtschaft wie lange nicht mehr.

Vor allem Unternehmen, deren Produkte auf dem Weltmarkt reißenden Absatz finden, suchen fast verzweifelt nach Ingenieuren, Informatikern, Chemikern, Wirtschafts- und Industriefachkräften. Ihre Arbeitskraft wird gebraucht, damit die Industrie hierzulande weiter mit Volldampf laufen kann. Und so sind die Karrierechancen für junge ausländische Akademiker in Deutschland so gut wie noch nie. Zumindest dann, wenn sie die richtigen Fächer studiert haben.

Auch der Migrationsexperte Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg beobachtet, dass die Lockrufe der deutschen Wirtschaft in Europa gehört werden.

„Vor allem die Wanderungsbereitschaft junger Akademiker aus den alten Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ist gestiegen“, sagt er. Dass Statistiker sprunghaft wachsende Einwandererzahlen gerade aus diesen Länder verzeichnen, verwundert kaum. Es sind jene Staaten, die von der Finanz- und Schuldenkrise besonders schwer betroffen sind. „Hält die Krise an, wird sich der Zustrom in diesem Jahr noch verstärken“, prognostiziert Brücker.

Hinzu kommt, dass es für die jungen Europäer aus Italien, Spanien oder Griechenland theoretisch keine Hindernisse auf dem Weg in den deutschen Arbeitsmarkt gibt. Ausgerechnet in seiner schwersten Krise zeigt das gemeinsame Europa, welche Möglichkeiten in dieser Union stecken. Und es sind nicht die Verzweifelten, die kommen. Keine „Generación Cero“,„Generation null Chance“, wie sie etwa in Spanien bedauernd genannt wird. Es ist vielmehr eine pragmatische, junge Generation, die sich nicht mehr mit der Perspektivlosigkeit in der Heimat abfinden will.

Die hoch qualifizierten Glückssucher sind Menschen wie Rosanna Cozzolino und ihr Lebensgefährte Antonio Russo, der als Maschinenbau-Ingenieur sofort eine Stelle in Rüsselsheim gefunden hat. Das heißt: Eine deutsche Firma hatte ihn bereits in Italien abgeworben. „Mit seiner Arbeit verdient er alleine so viel, wie wir beide in Italien zusammen“, erzählt Cozzolino. Daher kann sie jetzt auch in Ruhe nach einer guten Stelle suchen. „Aber zuerst einmal arbeite ich gründlich an der Basis.“

Von der Arbeit in den Sprachkurs

Die Basisarbeit findet in Frankfurt statt. Dort, direkt gegenüber vom Südbahnhof, nimmt Cozzolino im Goethe-Institut die ersten Hürden der deutschen Sprache. Im Raum 403 geht es an diesem Tag um „Haben und Sein“ – echte Basisarbeit also. „Bist du schon einmal in Berlin gewesen?“, „Hast du schon einmal eine Currywurst gegessen?“, solche Fragen stellt die junge Sprachlehrerin ihren zwölf Schülern. Manche der Frauen tragen Business-Kostüm, die meisten Männer Anzug und Krawatte. Die Mehrheit kommt direkt von der Arbeit.

Rosanna Cozzolino formt ihre Antwortsätze mit Bedacht und ohne große Mühe. Dass dieser Schein trügt, dass das Lernen doch einiges an Kraft kostet, verrät sie in einer Pause. „Manchmal habe ich schon das Gefühl, vor einem riesigen Berg zu stehen und ich frage mich, ob ich dort hochkomme“, sagt sie ernst, bevor dann doch wieder ein Lächeln über ihr Gesicht huscht. „Ich gehe Schritt für Schritt, und wenn ich Deutsch erst einmal halbwegs draufhabe, werde ich hier Fuß fassen.“ Ihre Worte gehen im lauten, vielsprachigen Stimmengewirr ringsherum fast unter. Es scheint, als träfe sich hier gerade die ganze Welt.

Tatsächlich freut sich der Direktor des Instituts seit Monaten über ein volles Haus.„Das Geschäft läuft prächtig“, sagt Günther Schwinn-Zur und kann sich ein breites Strahlen nicht verkneifen – obwohl der 61-Jährige natürlich weiß, dass der Boom aus der Not heraus geboren ist. „Mit Beginn der Eurokrise ging es bei den Kursteilnehmerzahlen plötzlich steil bergauf“, sagt Schwinn-Zur. „Allein im letzten Jahr hatten wir ein Schülerplus von 35 Prozent.“

Dafür, dass der Andrang nicht abreißt, sorgen vor allem Spanier und Italiener, aber auch Griechen und Portugiesen. „Alles qualifizierte Leute, die zu uns kommen“, sagt Schwinn-Zur. Ingenieure, Ärzte, Banker, sogar ein Dutzend Piloten, die einen Intensivkurs belegen, weil sie künftig für eine große deutsche Fluglinie abheben möchten.

Neben Vokabel- und Grammatiktraining stehen noch andere Punkte auf dem Lehrplan: Wie bewerbe ich mich perfekt? Wie verfasse ich einen korrekten Lebenslauf? Und wie verhalte ich mich im Job-Gespräch bei einer deutschen Firma? Das Beantworten solcher Fragen gehört für die Sprachlehrer inzwischen zur Routine.

Soll auf den Lebenslauf ein Foto oder besser nicht? Diese Frage beschäftigt gerade Christos Avgeris. „Die Amerikaner wollen keine, aber bei den Deutschen bin ich mir nicht sicher“, sagt der 28-jährige Grieche und blickt fragend aus großen, dunkelbraunen Augen. Daheim in Athen hat er für eine US-Firma gearbeitet. Avgeris – Vollbart, breite Schultern, fester Händedruck – wirkt wie einer, der kräftig zupacken kann, in Fernsehserien besetzen sie mit seinem Typ die Rolle des erfolgshungrigen, jungen Kommissars. Avgeris ist Betriebswirtschaftler. Zuletzt hat er jahrelang Unternehmensbilanzen geprüft – eine feste, vergleichsweise gut bezahlte Stelle war das.

Doch Ende letzten Jahres spürte auch Christos Avgeris die Krise. Wenn viele Firmen pleitegehen, gibt es für Bilanzprüfer weniger zu tun. Sein Gehalt wäre in diesem Jahr viel niedriger gewesen als früher, dazu kommen die höheren Steuern in Griechenland, die das Einkommen auffressen. „Damit wäre es trotz Job schwierig geworden, halbwegs gut über die Runden zu kommen“, sagt Avgeris.

Er hat seine Stelle deshalb gekündigt und ist Anfang März nach Deutschland geflogen – auf der Suche nach einer neuen Arbeit und einer besseren Zukunftsperspektive. Den Schritt betrachtet er nicht als Abenteuer. „Es ist ein Projekt, die Erfolgschancen stehen gut“, sagt er auf Deutsch. Seit seinem Erasmus-Studium in Regensburg spricht er die Sprache. So gut, dass er sie jetzt nur auffrischen muss. Das macht er abends, im Sprachkurs. Tagsüber funktioniert er sein kleines Hotelzimmer am Frankfurter Stadtrand in ein Büro um. Alles, was er für die Jobsuche braucht, sind Laptop und Internet.

"Hier herrscht das Leistungsprinzip"

Drei Monate hat er sich Zeit gegeben, um eine Arbeit zu finden. Er setzt dabei nicht nur auf seine eigenen Fähigkeiten. Avgeris vertraut auch auf das System am deutschen Arbeitsmarkt: „Hier herrscht doch das Leistungsprinzip – der Bestqualifizierte bekommt die Stelle.“

Zweifel an seinem Projekt scheinen ihn nicht zu plagen. Und falls doch, zeigt er sie nicht. Außerdem: „Was wäre die Alternative gewesen? Etwa den Eltern zur Last zu fallen? Nein – ich will mir meine Zukunft aus eigener Kraft aufbauen.“

„Hogged euch da nüber an sellen Disch. Do häner gnug Platz für eure Kindascheese!“ Raul Izquierdo Abad und seine Frau Maria Inés Pérez Núñez blicken sich verstört an: Was will der Kerl von uns? Sie wirken verschüchtert, dabei will der Kellner nur helfen und bietet dem Paar einen größeren Tisch an, an dem es seinen Kinderwagen abstellen kann.

Als Pérez Núñez Platz genommen hat, atmet sie erst einmal durch. „Oje, ob ich diese Sprache jemals verstehen werde?“ Ihr Mann nimmt ihre Hand, streichelt darüber, als wolle er sagen: „Wird schon.“

Vor drei Monaten sind die beiden mit ihrem Baby von Madrid nach Karlsruhe umgezogen. Auch sie wagen einen Neuanfang und hoffen auf ein selbstbestimmtes Leben in Deutschland. Im schuldengeplagten Spanien hat vor allem Pérez Núñez das neue, staatliche Sparprogramm zu spüren bekommen. „Ich hatte dort als Spanisch-Professorin keine berufliche Zukunft mehr“, sagt sie.

„Es gibt mehr als zehn Bewerber auf eine freie Stelle – und wenn du das Glück hast, einen Platz zu bekommen, weißt du nie, wie lange du ihn hast.“ Die 32-Jährige hofft, dass ihr Deutsch bald so passabel sein wird, dass sie in einer Sprachschule Spanisch unterrichten kann.

Ihr Mann hingegen braucht keine perfekten Sprachkenntnisse, um in Deutschland beruflich Fuß zu fassen. Raul Izquierdo Abad hatte doppelt Glück. Nicht nur, dass die Sprache der Programmierer international ist, auch fand er mit Hilfe einer Job-Agentur schon von Spanien aus eine deutsche Firma, die so stark wächst, dass sie überall in Europa nach IT-Spezialisten sucht. Jeden Monat werden dort im Schnitt 50 Leute eingestellt.

Inzwischen hat Izquierdo Abad seine Probezeit fast bewältigt. Interessantere Aufgaben, mehr Geld, keine Wochenendarbeit – „bisher habe ich den Wechsel noch keine Sekunde bereut“, sagt der Spanier, während er das große, helle Büro betritt, das er sich mit einigen Kollegen teilt. An der Tür steht in Englisch, der Firmensprache: „Komm rein, es ist geöffnet!“ Der Spruch sei Programm, meint Izquierdo Abad. „Die Kollegen haben mich sehr offen empfangen.“

Auf seinem Arbeitsplatz stehen zwei Bildschirme. Davor liegen einige Papiere. Persönliches ist nicht zu sehen. Möchte er denn dauerhaft in Karlsruhe bleiben? „Was für eine Frage: Ja!“ Doch noch gebe es Hürden: „Die Familie muss glücklich sein und sich hier wohlfühlen. Ich hoffe auch sehr, dass meine Frau in Deutschland beruflich vorankommt.“ Izquierdo Abad bleibt deshalb erst einmal vorsichtig: „Wer kann schon sagen, was die Zukunft bringen wird?“

Dann malt er mit dem Zeigefinger eine Parabel in die Luft. Noch erleben sie viele Aufs und Abs, richtig angekommen sind sie bisher nicht. „Wir geben uns Mühe, denken aber erst einmal von Monat zu Monat. Deutschland ist ein großes Abenteuer für uns.“

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