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Arbeitsmarktentwicklung: Lohnplus dank Geburtenknick

Zwanzig Jahre nach der Wende erwarten Arbeitsmarktexperten eine Angleichung der Löhne für Fachkräfte in Ost und West. Dies könnte viele Betriebe in eine existenzbedrohende Situation bringen. Von Daniel Baumann

Ostdeutsche Firmen der Metall- und Elektrobranche könnten bald Probleme bekommen, denn der Nachwuchs wird knapp.
Ostdeutsche Firmen der Metall- und Elektrobranche könnten bald Probleme bekommen, denn der Nachwuchs wird knapp.
Foto: dpa

Frankfurt. Zwanzig Jahre nach der Wende erwarten Arbeitsmarktexperten eine Angleichung der Löhne für Fachkräfte in Ost und West. Als Hauptursache dafür nennen sie den sich abzeichnenden Fachkräftemangel in den neuen Bundesländern. Der könnte nicht nur die Löhne steigen lassen, sondern auch viele ostdeutsche Unternehmen in Existenznot bringen. "Die Fachkräfteentwicklung in der ostdeutschen Industrie besitzt ein erhebliches Krisenpotenzial", sagte der renommierte Betriebssoziologe Burkart Lutz zru Frankfurter Rundschau. Dies werde viele Betriebe in eine existenzbedrohende Situation bringen. Im schlimmsten Fall drohe dem Osten "eine weitere Deindustrialisierungswelle".

Firmen geht Nachwuchs aus

Lutz hat die Auswirkungen des Fachkräftemangels auf die ostdeutsche Metall- und Elektroindustrie untersucht. Die Studie wird in dieser Woche von der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung veröffentlicht. Der Forscher kritisiert, dass die Dramatik des Fachkräftemangels bisher noch nicht hinreichend erkannt worden sei. "Wir betreiben derzeit eine Politik der Beschwichtigung", obwohl viele Firmen vor ungeheuren Problemen stünden.

Die Studie hält fest, dass die befragten Betriebe der Metall- und Elektroindustrie in den neuen Bundesländern bestenfalls über rudimentäre Fähigkeiten der Personalakquise und des Personalmanagements verfügten. Bislang haben 85 Prozent der Betriebe nur in Einzelfällen Erfahrungen mit Personalknappheit gemacht.

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Das Angebot am Arbeitsmarkt in Ostdeutschland war seit Mitte der 90er Jahre von einem massiven Nachwuchsüberschuss geprägt. Unternehmen brauchten sich um neues Personal nicht zu bemühen. Das kommende Jahr markiert nun den Wendepunkt auf dem Arbeitsmarkt im Osten. Erstmals seit der Wiedervereinigung wird sich die Zahl der Schulabgänger mit der Zahl der 63-jährigen Arbeitnehmer, die kurz vor der Rente stehen, die Waage halten. Der Geburtenüberschuss aus DDR-Zeiten gehört damit der Vergangenheit an. "Die demografische Falle, die bisher zu Lasten der Arbeitnehmer weit geöffnet war, schließt sich nunmehr sehr schnell. Sie wird sich in Kürze erneut, diesmal jedoch zulasten der Betriebe öffnen", heißt es in der Studie. Dabei sind ostdeutsche Betriebe stärker auf Fachkräfte angewiesen als West-Firmen der Metall- und Elektroindustrie. Der Anteil der Fachkräfte im Osten beträgt 72 Prozent der Belegschaft, im Westen sind es 60 Prozent.

Die Autoren werfen den Betrieben vor, es versäumt zu haben, ihre Belegschaft rechtzeitig zu verjüngen. "In der Zeit zwischen 1998 und 2006, also in der Zeit, in der die stärksten Nachwuchsjahrgänge die Schule verließen beziehungsweise ihre Ausbildung abschlossen, ist die Zahl der jüngeren Beschäftigten in den Betrieben nicht gestiegen." Stattdessen hätten sich junge Menschen Berufe suchen müssen, die nicht ihrer Ausbildung entsprachen oder sie seien arbeitslos geworden.

Für Arbeitnehmer wirkt sich die künftige Fachkräfteknappheit zunächst positiv aus. Sie können mit steigenden Löhnen rechnen. Allerdings erwarten die Autoren, dass die Lohnzuwächse sehr heterogen ausfallen werden. "Bei Neueinstellungen werden die Löhne explodieren", sagte Lutz. Im Kampf um Fachkräfte seien sie ein wichtiges Argument. Bei Altbeschäftigten würden Betriebe jedoch steigende Gehälter zu verhindern versuchen. Insgesamt, so die Studie, sei eine "erhebliche Erhöhung der Durchschnittsverdienste" zu erwarten. "Ich erwarte, dass der Lohndruck sehr bald steigt. Das ist eine Frage von wenigen Jahren, wenn nicht Monaten", sagte Lutz.

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet damit, dass ostdeutsche Gehälter für Industriefachkräfte das Westniveau erreichen werden. Eine Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hat gezeigt, dass sich von den Ostdeutschen, die sich im Westen erfolgreich niedergelassen haben, jeder zweite eine Rückkehr vorstellen könnte. Das würde dämpfend auf Lohnentwicklung und Fachkräfteknappheit wirken.

Autor:  Daniel Baumann
Datum:  13 | 6 | 2010
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