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17. August 2010

Arbeitswelt: Alltägliche Diskriminierung

 Von Olivia Schoeller
Ethnische Diskriminierung am Arbeitsplatz - oft ein Fall für die Antidiskriminierungsstelle.  Foto: ddp

Rassismus am Arbeitsplatz ist oft ein Fall für die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Doch viele Betroffene kennen ihre Rechte und die Hilfsangebote der staatlichen Beratungsstelle nicht.

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Berlin –  
Das Gleichbehandlungsgesetz

Seit 2006 gilt in Deutschland das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz AGG. Demnach soll auch in Bewerbungsverfahren niemand wegen seines Alters, seiner sexuellen Orientierung, seiner ethnischen Herkunft, Religion, einer Behinderung oder seines Geschlechts benachteiligt oder diskriminiert werden können.

Stellenausschreibungen sollten demnach neutral formuliert sein und nur Anforderungen in Bezug auf die Qualifikation, nicht aber auf Geschlecht oder Alter enthalten. Bewerber müssen keine umfangreichen, persönliche Angaben mehr machen, etwa zu Alter, Familienstand oder Muttersprache. Auch ein Foto ist keine Pflicht. Die Realität sieht in Deutschland allerdings anders aus: Nur bei einigen internationalen Unternehmen ist der anonyme Lebenslauf ohne Foto gängig. In den meisten Personalabteilungen werden die alten Standards weiter gerne gesehen – zumindest inoffiziell.

Wer sich bei einer Stellenausschreibung diskriminiert fühlt, kann auf Grundlage des AGG dagegen klagen. Mutmaßliche Diskriminierung im Bewerbungsgespräch müssen Betroffene beweisen.

Rund 10 000 Beschwerden sind bei der Antidiskriminierungsstelle seit ihrer Gründung eingegangen. In viele Fällen habe die Antidiskriminierungsstelle vermitteln können, sagt Leiterin Christine Lüders. Die befürchtete Klagewelle sei ausgeblieben.

Für Mehmet L. (Name geändert) war das Berufsleben eine Belastung. Jeden Morgen, wenn er an seinem Arbeitsplatz auftauchte, fand der Mann mit Migrationshintergrund eine diskriminierende Schmähschrift vor: „Deutschland, Deutschland, über alles, über alles in der Welt; Polen, Türken, Libanesen, alles lebt von unserm Geld. Dann die Perser, Jugoslawen, auch die Schwarzen noch dazu, Deutschland, Deutschland über alles, denn Du bis die beste Kuh…“, hieß es zum Beispiel.

Hilfesuchend wandte sich der Mann an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und die alarmierte seinen Chef. Der Chef rief sofort eine Betriebsversammlung ein, drohte Ermittlungen an und machte deutlich, dass der Urheber der Schmähschrift mit der sofortigen Kündigung zu rechnen habe. Daraufhin endeten die Drangsalierungen.

Der Fall von Mehmet L. ist nur einer von vielen Fällen, die die Antidiskriminierungsstelle täglich bearbeitet. Aber die Chefin Christine Lüders zitiert ihn gerne, weil er die Notwendigkeit ihrer Behörde anschaulich macht. Seit heute vor vier Jahren das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Kraft trat und die Antidiskriminierungsstelle (ADS) entstand, wurden 10.000 Anfragen bearbeitet. Dabei ging es nicht nur um ethnische Diskriminierung, sondern auch um die Benachteiligung von Frauen, Behinderten, Schwulen, Lesben, Älteren Menschen und kinderreichen Familien.

Die meisten Beschwerden beschäftigen sich zwar mit der Ungleichbehandlung im Job, aber oft hören Lüders und ihre Mitarbeiter auch von Benachteiligung im Alltag – von dem schwulen Pärchen, das die Mietwohnung nicht erhalten soll, oder dem arabisch-stämmigen Mann, der wegen seiner Herkunft nicht im Fitness-Studio akzeptiert wird. Laut einer Studie im Auftrag der ADS hat sich jeder dritte Einwohner in Deutschland bereits diskriminiert gefühlt.

Doch die wenigsten kennen ihre Rechte und das Hilfsangebot der Antidiskriminierungsstelle. Das will Lüders, die erst seit sechs Monaten die Behörde leitet, ändern. Einen Großteil ihres Budgets will sie künftig darauf verwenden, Hilfsorganisationen und staatliche Stellen, die sich mit Diskriminierung beschäftigen, stärker zu vernetzen und somit Betroffenen eine unkomplizierte Beratung vor Ort zukommen lassen.

Zu einer Prozesswelle, wie es Wirtschaftsverbände vor Verabschiedung des Gesetzes prognostiziert haben, ist es nach Angaben von Lüders nicht gekommen. Das ergab eine Umfrage unter allen Gerichten auf Landes- und Bundesebene. Demnach sind nur zwei bis drei Prozent aller arbeitsrechtlichen Streitigkeiten Diskriminierungsfälle. Meistens endet die Streitigkeit auch nicht vor Gericht, sondern wird außergerichtlich geregelt – dank der Vermittlung von Lüders und ihrem Team.

Anonyme Bewerbungen geplant

Doch unter Wirtschaftsverbänden herrscht nach wie vor Skepsis. Das spürt Lüders auch bei ihrem Projekt der anonymisierten Bewerbung. Im September soll ein Pilotversuch starten, an dem sich fünf große Unternehmen und das Bundesfamilienministerium beteiligen. Die Arbeitgeber erklärten sich bereit, Bewerbungen zu akzeptieren, auf denen alle persönlichen Angaben (Name, Geschlecht, Familienstand und Alter) und auch das Foto fehlen. Lediglich die Qualifikation des Bewerbers steht im Vordergrund.

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warnte vor zusätzlicher Bürokratie. Lüders versteht die Aufregung nicht, da es sich um ein freiwilliges Projekt handelt und nicht an gesetzlichen Zwang gedacht ist. Am Ende werde die Wirtschaft die Vorzüge erkennen. „So bekommen Menschen eine Chancen, die vielleicht sonst nicht zu einem Gespräch vorgeladen werden“, sagt Lüders. Für Deutschland sei das nur gut. Das Land könne es sich nicht leisten, auf gut Qualifizierte zu verzichten – ganz gleich woher sie kommen.

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