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22. August 2012

Argentinien: Agent Orange auf Nachbars Feld

 Von Romano Paganini
Weite Soja-Felder nördlich von Buenos Aires.  Foto: AFP

Mit Gensoja wird in Argentinien ein riesiges Geschäft gemacht - auf Kosten der Bevölkerung. Auf den Feldern werden Pestizide versprüht, die in ähnlicher Form als Waffe im Vietnamkrieg eingesetzt wurden. Steigende Krebsraten sind die Folge.

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San Jorge –  

Ailén saust mit ihrem Plastikauto auf dem Vorplatz herum, als wollte sie jemanden überholen. Nach ein paar Sekunden hält sie an, beugt sich über den Lenker und lacht. Jahrelang konnte die Fünfjährige nicht draußen spielen, sondern lag mit Atembeschwerden im Bett. „Besonders schlimm war es, wenn der Nachbar sein Feld auf der anderen Straßenseite besprühte“, erinnert sich ihre Mutter Viviana Peralta. So schlimm, dass Ailén zuweilen fast das Bewusstsein verlor und reglos auf der Brust ihrer Mutter lag.

Der Nachbar baut genetisch veränderte Sojabohnen an. Nur zehn Meter trennen sein Feld in San Jorge, dem Zentrum der argentinischen Soja-Produktion, vom Haus der Peraltas. Regelmäßig ließ er Agrarchemikalien mit der Sprühmaschine oder mit dem Flugzeug auf dem Acker ausbringen. Viviana Peralta spürte es daran, dass sich ihre Lippen lähmten, und sie kaum noch sprechen konnte. Die heute 44-Jährige schloss dann Fenster und Türen und hoffte, das beklemmende Gefühl werde schon wieder vorbeigehen. Doch die Hustenanfälle ihrer Tochter wurden immer schlimmer. Schließlich fuhr sie mit Ailén zu einem Immunologen nach Rosario, und der bestätigte ihren Verdacht: Ja, ihre Probleme hatten mit den Chemikalien des Bauern, hatten mit dem Gensoja-Anbau zu tun.

Ein riesiges Geschäft

Gensoja ist für Argentinien, was Kupfer für Chile ist oder Erdöl für Nigeria: ein riesiges Geschäft. 2011 verdiente das Land rund 11,6 Milliarden Dollar mit dem Verkauf der Hülsenfrucht. 60 Millionen Tonnen kommen jährlich von den argentinischen Äckern. Ein Großteil davon landet in den Futtertrögen chinesischer und europäischer Mastbetriebe – nicht zuletzt auch in Deutschland.

San Jorge in Argentinien
San Jorge in Argentinien

Dabei spielte Soja in Argentinien bis vor ein paar Jahren kaum eine Rolle. Erst als 1996 gentechnisch verändertes Soja in den USA auf den Markt kam, entdeckten auch die argentinischen Bauern ihr Interesse an der Nutzpflanze. So gerieten sie allerdings an den US-Chemiekonzern Monsanto. Eine an wirtschaftlichen Erfolgen wie an Unheil gleichermaßen reiche Geschichte nahm ihren Lauf.

Überall MonsantO

In Argentiniens Nachbarland Paraguay hat der amtierende Präsident Fernando Franco vor wenigen Tagen per Dekret den Anbau von genmanipulierter Baumwolle des US-Konzerns Monsanto freigegeben. Das Land werde so seine Exporteinnahmen steigern, erklärte er.

Der rechte Politiker hatte die Macht übernommen, nachdem der gewählte Präsident, der linksgerichtete Fernando Lugo, unter dubiosen Umständen vom Parlament abgesetzt worden war.

Kritik kam unter anderem vom katholischen Bischof von San Juan Bautista, Mario Melanio Medina. Franco stelle sich auf die Seite der Mächtigen im Land, obwohl bekannt sei, dass das veränderte Saatgut das Ökosystem und die Landwirtschaft zerstören könne, sagte er.

Monsanto verkaufte sein Gensoja nur zusammen mit Roundup, einem Herbizid mit dem Wirkstoff Glyphosat, das seit Mitte der 70er-Jahre zur Unkrautbekämpfung eingesetzt wird. Einer Studie des Embryonenforschers Andrés Carasco von der Universität Buenos Aires zufolge kann der Wirkstoff schon in kleinen Dosen zu Missbildungen bei ungeborenen Kindern führen. Monsanto jedoch brachte in vom Konzern selbst finanzierten Laboratorien und mit Hilfe von Studien den argentinischen Agrarstudenten bei, dass Glyphosat den Ertrag erhöhe, aber keinerlei negative Folgen für die Umwelt habe. So wurde das Herbizid bald überall eingesetzt, als sei es Wasser.

Die Folgen waren fatal. Denn als das Unkraut im Laufe der Jahre immer resistenter gegen Glyphosat wurde, erhöhten die Bauern entweder die Dosis, oder sie mischten das Glyphosat mit anderen, noch stärkeren Agrarchemikalien. Zum Beispiel mit der Essigsäure 2,4-D, die in leicht modifizierter Form auch Bestandteil des Entlaubungsgifts Agent Orange war, das die US-Luftwaffe während des Vietnamkrieges über den Wäldern versprühte.

Entlaubungsgifts Agent Orange

Die Spätfolgen, die der Krieg dort bei den Menschen hinterlassen hat, ähneln auffallend den Krankheitsbildern, die bei Anwohnern von Gensoja-Feldern zu beobachten sind – auch in San Jorge. Dort kam es in den vergangenen Jahren vermehrt zu Fehlgeburten, die Krebsrate ist gestiegen, die Zahl der Kinder, die mit Missbildungen zur Welt kommen, ebenfalls.

Für Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner zählen allein die steigenden Exporteinnahmen, wenn es um Soja geht. So führen diejenigen, die der Gensoja-Anbau krank gemacht hat, einen einsamen Kampf. Auch der 35-jährige Roberto Ríos: Mit Rucksackkanister oder Sprühmaschine zog er zwischen 2001 und 2009 Tag für Tag über die Felder seines Arbeitgebers und brachte Glyphosat, 2,4-D und andere Agrarchemikalien aus – ohne Handschuhe, Anzug oder Schutzmaske. Zwei Jahre lang schlief er sogar gelegentlich zusammen mit Kollegen in der Lagerhalle, in der er tagsüber die Giftcocktails mischte. Es habe sich nicht gelohnt, über Nacht nach Hause zu fahren, sagt Roberto. „Uns wurde weder gesagt, dass wir uns schützen müssen, noch dass die Mittel gesundheitliche Schäden verursachen.“

Lange weigerte sich der dreifache Vater, den immer heftigeren Kopfschmerzen und Muskelkrämpfen eine Bedeutung beizumessen. Als er aber immer weniger aß und eines Tages nicht mehr gehen konnte, suchte er doch einen Arzt auf. Roberto musste sich an Speiseröhre und Niere operieren lassen, die Galle wurde ihm entfernt. „Was ich genau habe, können die Ärzte nicht sagen“, berichtet Roberto. „Was sie mir aber sagten, war: Ich dürfe keinen Kontakt mehr mit Agrarchemikalien haben.“

Haftstrafen auf Bewährung

Es war derselbe Rat, den auch Ailén und ihre Mutter von ihrer Ärztin erhielten. Viviana Peralta hatte sich inzwischen an den Bürgermeister von San Jorge gewandt, doch der habe nur mit den Schultern gezuckt, sagt sie. Als der Nachbar ihr ein Auto, Hotelaufenthalte und Medikamente anbot, falls sie Ruhe geben sollte, lehnte sie empört ab. Über die Betroffenenvereinigung „Pueblo Fumigado“ – Versprühtes Volk – nahm sie Kontakt zu einer jungen Anwältin auf. Die erwirkte 2009 eine gerichtliche Verfügung, die landesweit für Aufsehen sorgte: Vivianas Nachbar wurde verpflichtet, beim Besprühen seiner Sojafelder einen Mindestabstand zu bewohntem Gebiet einzuhalten – 800 Meter, wenn er mit der Maschine sprüht, und 1 500 Meter, wenn die Herbizide per Flugzeug ausgebracht werden.

Das Beispiel ermunterte auch andere, die Vergiftung ihrer Atemluft nicht länger hinzunehmen. In Córdoba endete in der Nacht zum Mittwoch der Prozess gegen einen Sojabauern und einen Agrarpiloten, die trotz Verbots in unmittelbarer Nähe eines Wohnviertels Glyphosat und Endosulfan versprüht hatten. Beide wurden zu je drei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Ein historisches Urteil, erklärten argentinische Umweltschützer.

Manches aber bringt keine Gerichtsentscheidung wieder in Ordnung. Viviana Peralta hat mit ihrer Ärztin gesprochen, und die hat ihr davon abgeraten, weitere Kinder zu bekommen. Das Glyphosat habe sich schon zu sehr in ihrer Plazenta abgelagert.

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