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11. Juni 2012

Arznei-Engpässe : Den Kliniken gehen die Pillen aus

 Von Daniel Baumann
In deutschen Kliniken werden Medikamente knapp. Foto: dpa

Viele Patienten in Deutschland bekommen Medikamente zweiter Wahl, der Grund dafür sind Lieferengpässe. Manche Kliniken greifen in ihrer Not auf veraltete Methoden zurück.

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Drastischer Anstieg

Zahlen: Für Deutschland fehlen Zahlen zu Lieferengpässen bei Arzneimitteln. Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA verzeichnete einen drastischen Anstieg. Der Trend ist auf Europa übertragbar, wenngleich die Situation wohl noch nicht so gravierend ist.

Arzneimittel: Der FDA zufolge entfallen die meisten Lieferengpässe auf Krebsmittel (28 Prozent) und Antibiotika (13 Prozent). Der Behörde gegenüber gaben die Hersteller in 43 Prozent der Fälle Herstellungsprobleme an. Verspätungen machten 15 Prozent aus und Rohstoffknappheit zehn Prozent.

Die Mitarbeiter von Irene Krämer mischen seit einiger Zeit wieder häufiger selbst. Es ist eine pragmatische Lösung für ein gravierendes Problem: Wenn es nicht genügend Arzneimittel zu kaufen gibt, muss man sie eben selber herstellen, zum Beispiel Augentropfen: Atropin, Pilocarpin, Dorzolamid, Fluorescein. Doch wären es nur die Augentropfen, das Problem wäre überschaubar. So ist es aber nicht.

Denn auch wichtige Antibiotika, Krebsmedikamente und andere Arzneimittel bekommt Irene Krämer kaum noch, gar nicht mehr oder nur zu überteuerten Preisen. „Ein ständiges Problem ist der Lieferengpass von Aspirin zur intravenösen Verabreichung“, sagt Krämer, die Leiterin der Apotheke der Uniklinik Mainz. „Das braucht man im Notarztwagen für jeden Patienten, der mit dem Verdacht auf Herzinfarkt in die Notaufnahme eingeliefert wird.“

Der Mangel ist chronisch

Arzneimittelmangel. Was sich wie die Geschichte aus einem Entwicklungsland anhört, kennen nach Recherchen der Frankfurter Rundschau inzwischen Krankenhäuser im gesamten Bundesgebiet. Sie kämpfen darum, lebensnotwendige Arzneimittel noch in ausreichender Menge zu bekommen.

Es gebe in Deutschland „bedeutende Lieferengpässe bei relevanten Arzneimitteln“, bestätigt der Geschäftsführer des Verbandes deutscher Krankenhausapotheker, Klaus Tönne. Und das wirkt sich inzwischen auch auf die Behandlung der Patienten aus.

„Von den 1.900 Medikamenten, die wir einsetzen, sind ständig 10 bis 20 nicht oder nur in kontingentierter Menge lieferbar“, sagt die Mainzer Krankenhausapothekerin Irene Krämer. „Das sind prekäre Zustände. Ich hätte nie gedacht, dass wir in Deutschland da einmal hinkommen werden.“ Genau beziffern lässt sich die Größe des Problems allerdings nicht, da dazu Statistiken fehlen.

Doch Daten aus den USA sprechen eine deutliche Sprache. Zählte die dortige Arzneimittelbehörde FDA im Jahr 2006 noch gut 50 Lieferengpässe bei lebenswichtigen Arzneimitteln, waren es vergangenes Jahr bereits fünfmal so viele. Der Trend lässt sich auf Europa übertragen, denn Arzneimittel werden für den Weltmarkt hergestellt. Aktuell ist in den USA zum Beispiel das Antibiotikum Piperacillin knapp, das bei bakteriellen Infektionen eingesetzt wird. Ein Mangel, mit dem auch die Uniklinik Mainz kämpft.

Die Krankenhäuser versuchen die Auswirkungen für die Patienten so gering wie möglich zu halten. Oft bemerken diese gar nicht, mit welchen Problemen die Apotheker kämpfen. Doch bei Antibiotika wägt manche Klinik inzwischen ab, welcher Patient das Mittel dringend braucht und bei wem man darauf verzichten kann, berichtet Torsten Hoppe-Tichy, Leiter der Apotheke des Universitätsklinikums Heidelberg und Präsident des Verbandes deutscher Krankenhausapotheker. Das sei notwendig, um „zumindest die Patienten mit hoher Priorität versorgen zu können“.

Kapazitäten der Hersteller ausgelastet

Für Krebspatienten werden zur Therapiebeginn Kontingente reserviert, um sicherzustellen, dass die Therapie zu Ende geführt werden kann. Für nachfolgende Patienten bedeutet dies aber, dass für sie womöglich das beste Arzneimittel nicht zur Verfügung steht, sie mit einem Mittel 2. Wahl behandelt werden müssen oder der Therapiebeginn verschoben werden muss.

„Gerade im Bereich der Therapien mit Krebsmedikamenten und Antibiotika sind natürlich Nicht-Lieferfähigkeiten ein sehr ernstes Problem“, so Hoppe-Tichy. Patienten sind hier auf die „beste“, also leitliniengerechte Therapien angewiesen.

Während die hiesigen Behörden das Problem noch gar nicht erkannt haben, hat sich das US-Gesundheitsministerium an die Ursachenforschung gemacht. Als Hauptgrund für die Arzneimittelengpässe gilt demnach, dass die bestehenden Produktionskapazitäten der Hersteller der gestiegenen Nachfrage nach Arzneimitteln hinterherhinken.

„Zwar bauen zahlreiche Hersteller ihre Kapazitäten aus, aber diese werden noch für viele Jahre nicht zur Verfügung stehen“, so das Ministerium. Die hohe Auslastung bestehender Anlagen mache es zudem schwierig, die Produktionssicherheit aufrechtzuerhalten. Das wiederum führe zu mehr Produktionsausfällen und Ausschussware.

Darüber hinaus scheint die Lieferkette anfällig geworden zu sein. Viele Medikamente und Rohstoffe werden aufgrund der Marktbereinigung zunehmend weltweit von nur noch einer Fabrik hergestellt. Fällt dort die Produktion aus oder stellt das Unternehmen den Betrieb ein, hat das enorme Konsequenzen. Zudem wurden entlang der Lieferketten die Lagerkapazitäten auf ein Minimum reduziert, um Kosten zu reduzieren.

Die Folgen werden nun auch in Deutschland spürbar. „Wir haben noch nicht amerikanische Verhältnisse, aber das Problem der Lieferengpässe ergibt sich aus einer Vielzahl von Gründen“, erklärt der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie auf Anfrage. „Angefangen bei Herstellungsproblemen, Lieferengpässen bei Wirkstoffen bis hin zu unwirtschaftlichen Erstattungspreisen, die eine Produktion unmöglich machen.“

Von der Verknappung profitieren inzwischen Händler und Importeure, die noch Ware besitzen. „Sie verlangen für knappe Medikamente Mondpreise“, sagt Apothekerin Krämer. Für drei Gramm des Antibiotikums Fosfomycin zur Therapie schwerer Infektionen seien die Preise um 30 Prozent gestiegen. In den USA sind die Preisanstiege noch weit stärke.

Für Irene Krämer sind die Engpässe unerhört. Sie nimmt die Industrie dafür in die Verantwortung: „Ich finde, dass die Hersteller einen höheren ethischen Anspruch an sich selbst haben müssen. Es geht hier um Medikamente, die Leben retten.“

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