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29. März 2016

Atomkraftwerke : Ein todsicherer Markt

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Tonnen von Stahl und Beton: Der Abriss des Atomkraftwerks Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern begann 1995 und wird noch Jahre dauern.  Foto: picture alliance / dpa

Der Rückbau von Atomreaktoren ist für Spezialfirmen ein riesiges Geschäft. Zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Euro soll der Abriss von einem Reaktor einbringen.

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Am Tag, an dem zum letzten Mal Wasserdampf aus den zwei mächtigen Kühltürmen aufstieg, trafen sie sich zu einer Andacht. Im kleinen Kreis an einem Wegkreuz, nur einen Steinwurf vom Kraftwerksgelände entfernt. Es war ein stiller, feierlicher Moment. Für einige Atom-Gegner war es zugleich das Ende eines jahrzehntelangen Kampfes gegen den Meiler in der Nachbarschaft.

Neun Monate liegt diese Szene nun zurück. Seitdem ist das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld in der Nähe von Schweinfurt abgeschaltet – für immer. 33 Jahre lang wurde hier Strom produziert. Nun geht es darum, die gigantische Anlage Stück für Stück abzubauen. „Zurück zur grünen Wiese“, wie es im Jargon der Fachleute heißt. Es ist eine Aufgabe, die noch viele Jahre in Anspruch nehmen wird.

Auch an zahlreichen anderen Orten stehen vergleichbare Abriss-Arbeiten an: Direkt nach der Nuklear-Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 verfügte die damalige Bundesregierung per Moratorium die sofortige Stilllegung von acht alten Atomkraftwerken. Die verbliebenen neun sollen laut novelliertem Atomgesetz bis Ende 2022 vom Netz gehen. Grafenrheinfeld machte Mitte 2015 den Anfang, als nächster Meiler folgt Ende 2017 Grundremmingen B in Bayerisch-Schwaben.

Abriss kostet 20 Milliarden

Doch auch vor dem Beschluss zum endgültigen Atom-Ausstieg gab es hierzulande ja schon stillgelegte Kernkraftwerke. Zum Beispiel das AKW Stade bei Hamburg oder das in Lubmin bei Greifswald. Laut Bundesamt für Strahlenschutz werden derzeit bereits 16 Anlagen zerlegt. Die 17 Meiler, deren Ende nach Fukushima besiegelt wurde, kommen hinzu. Zudem gibt es Forschungsreaktoren, die ebenfalls abgetragen werden müssen.

Für Spezialfirmen ist ein riesiges Geschäftsfeld entstanden: Die Kosten für den Abriss von kommerziell genutzten Atomkraftwerken dürften sich in den kommenden Jahrzehnten allein in Deutschland auf rund 20 Milliarden Euro summieren. Das ist zumindest der Wert, von dem Politik und Fachwelt gegenwärtig ausgehen. „Die Spanne pro Reaktor liegt bei 500 Millionen bis einer Milliarde Euro“, sagt Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital.

Rund um den Globus werden nach Erhebungen der Internationalen Energieagentur (IEA) bis 2040 etwa 200 Reaktoren ihre Altersgrenze erreichen. Der Rückbau dürfte nach Schätzungen der IEA-Experten mindestens 100 Milliarden Dollar verschlingen. Die Zukunft der Atombranche scheint in ihrem Abriss zu liegen.

Es ist eine gute Nachricht für Unternehmen und Fachkräfte, die sich genau damit auskennen. Der Nuklear-Experte und Berater Mycle Schneider verweist darauf, dass in Europa und den USA zunehmend sogar Anlagen stillgelegt werden, die noch nicht am Ende ihres Lebenszyklus angelangt sind und über eine gültige Betriebserlaubnis verfügen. Das Überangebot an Elektrizität, hervorgerufen vor allem durch den Ökostrom-Boom, mache den Weiterbetrieb schlicht unwirtschaftlich. Schneiders Prognose für das Abriss-Business: „Dieser Markt ist todsicher.“

So verwundert es kaum, dass sich hier auch Firmen in Stellung bringen, die in der Vergangenheit prächtig am Bau von Atomkraftwerken verdient haben. Der schwer angeschlagene Konzern Areva aus Frankreich gehört dazu, ebenso der US-Anbieter Westinghouse oder Nukem Technologies, deutsche Tochter der russischen Atomholding Rosatom.

Auch die deutsche Bundesregierung mischt mit: Sie ist Alleingesellschafterin eines Unternehmens mit dem unscheinbaren Namen „Energiewerke Nord“ (EWN). Seit den 1990er Jahren arbeiten die EWN vor allem daran, die Hinterlassenschaften der DDR-Atomindustrie zu beseitigen – also insbesondere die ehemaligen Atomkraftwerke Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) und Rheinsberg (Brandenburg). Dabei will es das Unternehmen aber nicht belassen, sondern seine Expertise auch in anderen Projekten vermarkten.

Gerade am Beispiel von Lubmin lässt sich illustrieren, wie aufwendig der Rückbau eines großen Kernkraftwerks sein kann. Es geht um viele Hunderttausend Tonnen Beton und Stahl, die fachgerecht zerlegt und entsorgt werden müssen. Oberstes Ziel ist, die Beschäftigten und die Umwelt nicht in Mitleidenschaft zu ziehen.

Aufwendige Verfahren

Etliche Teile sind radioaktiv verseucht. Sie müssen vorsichtig ausgebaut, dekontaminiert oder in Spezialbehälter eingeschlossen werden. Der hoch radioaktive Müll – vor allem die Brennelemente – kommt irgendwann einmal in ein Endlager, von dem bislang nicht einmal bekannt ist, wo es eigentlich entstehen soll. Der Abriss des AKW Lubmin begann 1995 und wird noch Jahre dauern.

Bei Grafenrheinfeld wiederum, das Mitte 2015 vom Netz ging, soll es schneller gehen: Etwa fünf Jahre müssen die Brennelemente nun zunächst in Wasser abkühlen, bis sie in Castoren gepackt und ins benachbarte Zwischenlager gebracht werden können. Nach 2020 soll der eigentliche Rückbau beginnen, spätestens 2030 soll er abgeschlossen sein. Doch kann auch hier noch vieles schieflaufen. „Die Erfahrung zeigt, dass bei der Kernenergie die Zeit- und Kostenplanungen nie eingehalten werden“, sagt hinter vorgehaltener Hand ein Bundesbeamter, der mit dem Atomausstieg befasst ist.

Wird ein AKW stillgelegt, behalten die meisten Angestellten ihren Job. Sie sind die Fachleute für die Anlage, kennen jede Sicherung und jedes Rohr. Ohne sie ist der Rückbau kaum möglich. Für Spezialarbeiten werden externe Dienstleister hinzugezogen.

Die Kosten für den Abriss der Atomkraftwerke müssen in Deutschland die Betreiber übernehmen, also die vier Konzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall. Sie haben dafür und für die Lagerung des Atommülls in ihren Bilanzen Rückstellungen von knapp 39 Milliarden Euro gebildet. Eine Experten-Kommission sucht gerade im Auftrag der Bundesregierung nach Wegen, um das Geld dauerhaft zu sichern. Die Konzerne sind allesamt Sanierungsfälle. Sie möchten möglichst billig davonkommen und finanzielle Risiken auf den Staat abwälzen. Hinter den Kulissen gibt es ein Hauen und Stechen.

Die Kommission veranschlagt die Kosten für den Atomausstieg auf fast 49 Milliarden Euro. Mitte April wollen die Fachleute ihren Abschlussbericht vorlegen. Dann wird es mehr Klarheit darüber geben, wie viel Geld tatsächlich zur Verfügung steht, um eine Technologie auf den Müllhaufen der Geschichte zu befördern.

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