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Atompolitik: Die Blockoffensive

Im tschechischen Temelin will Russland zeigen, dass seine Atomtechnik konkurrenzfähig und wieder sicher ist

Tschechien treibt seine Pläne zum massiven Ausbau der Atomenergie konsequent voran. Industrieminister Martin Kocourek übergab Anfang der Woche die Unterlagen für die Erweiterung des umstrittenen AKW Temelin an die interessierten Kraftwerksbauer. Im Wettbewerb sind drei Anbieter: der französische Areva-Konzern, die amerikanische Firma Westinghouse und das russische Konsortium MIR 1200, hinter dem der Staatskonzern Atomstroiexport steht.

Größtes Projekt Mitteleuropas

Temelin liegt 24 Kilometer nordöstlich von Budweis in Südböhmen und nur 60 Kilometer von der bayerischen und der österreichischen Grenze entfernt. Beide Nachbarländer haben den völligen Ausstieg aus der Nutzung der Atomenergie beschlossen, doch die Regierung in Prag ficht das nicht an. Die Inbetriebnahme der Blöcke 3 und 4 in Temelin ist spätestens für 2023 vorgesehen. Tschechische Zeitungen sprechen von einem der größten Infrastrukturprojekte Mitteleuropas. Die Kosten werden mit rund acht Milliarden Euro veranschlagt.

Glaubt man den Kommentaren, dann ist der russische Konzern hoher Favorit für den Auftrag. Daran änderte auch ein Blitzbesuch von Ministerpräsident Petr Necas in Washington kaum etwas. Obama unterstütze die Teilnahme einer US-Firma an der Ausschreibung, hieß es lediglich. Die Russen reagierten dennoch nervös. Fast zeitgleich zum US-Besuch des tschechischen Premier hielt sich Sergej Kirijenko, der Chef der russischen Atomenergiebehörde Rosatom, in Prag auf. „Wenn plötzlich geopolitische Faktoren den Vorrang erhalten, dann bekommen wir den Zuschlag nicht,“ sagte Kirijenko.

Für die russische Atomindustrie wäre der Auftrag von herausragender strategischer Bedeutung. Sie war lange weg vom internationalen Markt, weil die Reaktoren sowjetischer und nachsowjetischer Bauart in der EU als unzumutbares Sicherheitsrisiko galten. Doch inzwischen, sagte Kirijenko in Prag, sei Russland bei den Sicherheitsstandards führend. Der neueste Reaktor VVER 1200 werde auch den verschärften Vorschriften gerecht, die die Internationale Atomenergiebehörde IAEO noch der Katastrophe in Fukushima erlassen habe.

Dennoch kommt die Rückkehr der russischen Atomindustrie auf die Märkte Osteuropas nicht so richtig in Schwung. Eine Offerte an das benachbarte Litauen, wo bis 2020 ein neues AKW entstehen soll, wurde abschlägig entschieden. Bis zum Jahresende will das Land noch einen Vertrag mit der japanischen Firma Hitachi Nuclear Energy schließen. Die ist auch mit Polen im Gespräch, aber dort rechnet sich auch Areva noch gute Chancen aus.

Richtig übel läuft es für Atomstroiexport in Bulgarien. Dort schien man sich beim Neubau des Kraftwerkes Belene über alles einig zu sein. Aber nach Verzögerungen, Kostenüberschreitungen und undurchsichtigen Finanztransaktionen verklagte der russische Kraftwerksbauer den staatlichen bulgarischen Stromkonzern NEK vor dem internationalen Schiedsgerichtshof in Paris auf Schadenersatz.

So soll die tschechische Bewerbung jetzt unbedingt ein Erfolg werden. Die Prager Regierung ist von der Notwendigkeit der Nuklearenergie überzeugt. Im Sommer wurden Einzelheiten eines Entwurfs der tschechischen Energiestrategie für die nächsten 50 Jahre bekannt. Danach ist nicht nur der Neubau von bis zu zehn Atomkraftwerken vorgesehen, sondern auch ein bedeutender Ausbau der Förderung von Uranerz, die Suche nach einem Endlager und der Aufbau von Kapazitäten für die Urananreicherung vorgesehen.

„Unsere Offerte ist unschlagbar, wenn die tschechische Regierung pragmatisch nach ihren wirtschaftlichen Interessen entscheidet und nicht die Bündnisfrage mit den Amerikanern in den Vordergrund stellte“, sagte Rosatom-Chef Kirijenko in Prag.

Sein Hauptargument gefiel der tschechischen Wirtschaft. Kirijenko versprach nämlich, dass 70 Prozent der Investitionssumme an tschechische Subunternehmer weitergereicht würde. Rund 300 tschechische Firmen könnten so auf lukrative Aufträge hoffen, lockte Kirijenko. Areva und Westinghouse hatten jeweils nicht mehr als 30 Prozent in Aussicht gestellt.

Autor:  Frank Herold
Datum:  2 | 11 | 2011
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