Moskau. Auf Russlands Automarkt herrscht Verwirrung. Hersteller und Händler, Käufer und Analysten fragen sich, warum die russische Sberbank gemeinsam mit dem fast bankrotten Autokonzern GAZ bei Opel eingestiegen ist. "So ein Schwachsinn. Woher hat GAZ das Geld?", wettert ein Blogger auf der Website Cardriver.
Auch die Wirtschaftszeitung Wedomosti wundert sich: "Dieses Geschäft, bei dem von russischer Seite GAZ als industrieller Partner auftritt, kann man kommerziell nicht leicht erklären."
Sberbank- und GAZ-Vertreter haben bisher nur magere Aussagen zu dem Deal gemacht. Die Mehrheit der Beobachter vermutet, dass die Sberbank 35 Prozent der Opel-Anteile erstanden hat, um der GAZ-Gruppe die Tür zur Produktpalette der deutschen Autobauer zu öffnen.
"GAZ hat bei Chrysler ein Fließband gekauft und darauf Siber-Wolgas gebaut, die nicht konkurrenzfähig sind", sagte Sewastjan Kosizyn vom Wertpapierhändler Credit Service der Frankfurter Rundschau. "Es ist sinnvoll, dort in Zukunft Opel-Modelle zu produzieren." Allerdings vermutet Kosizyn wie andere Analysten, es bedürfe technisch zwei bis drei Jahre, bis GAZ die Produktionslinie auf Opel umgestellt habe.
Bis dahin kann viel passieren. Über den GAZ-Werken in Nischnij Nowgorod kreisen die Pleitegeier. Im ersten Quartal 2009 fiel der Verkauf des Konzerns, der vor allem Lkw und Busse baut, um 60 Prozent auf 12.870 verkaufte Kraftwagen.
Ein Großteil der Fließbänder steht still, im Juli sollen nach Angaben von Arbeitnehmervertretern über 6000 der 50 000 Beschäftigten entlassen werden. GAZ ist mit einer knappen Milliarde Euro verschuldet, im März verlangte der Metallmilliardär Wladimir Lissin, einer der prominentesten GAZ-Gläubiger, das Insolvenzverfahren für den Konzern. "Sich jetzt auf das Projekt mit Opel einzulassen, ist für GAZ wahnwitzig", sagt Jelena Sachnowa von WTB-Kapital der Wirtschaftsagentur Rosbalt.
Aber GAZ ist bei dem Geschäft nur Trittbrettfahrer. Und die Sberbank, die sich nach Aussagen von Insidern lange gegen den Einstieg bei Opel gewehrt haben soll, ist wohl nicht mehr als der Kassenwart des Deals, wie Radio Swoboda spottet. "Wenn es um die Strategie geht, die dahinter steht, müssen Sie bei Magna anfragen", sagte Natalja Sorokina von der Uralsib-Bank der FR. Der österreichisch-kanadische Autozulieferer sei die treibende Kraft der Allianz mit den Russen, er wolle sich mit Opel weltweit neu positionieren.
Aber Magna koaliert nicht zufällig mit GAZ und Sberbank. "Magna betrachtet den Markt in Russland und der gesamten GUS als sehr viel versprechend", sagt Kosizyn. "Und die GAZ-Werke könnten für Magna zu einer Produktionsbasis in Russland werden so wie Avto-VAZ für Renault." Es heißt, Magna wolle den Marktanteil von Opel, der bei drei Prozent dümpelt auf bis zu 20 Prozent steigern. Fast scheint es, als habe sich mit Magna und den Russen der Pkw-Markt der Zukunft bei Opel selbst eingekauft.
Allerdings ist dieser Markt in den ersten vier Monaten 2009 um 44 Prozent auf 413.000 verkaufte Exemplare geschrumpft. Trotzdem greift die Konkurrenz in Russland an, erst vorgestern eröffnete Nissan in Petersburg eine neue Fabrik mit einer Jahreskapazität von 50.000 Teana-Limousinen. Deutsche Wagen gelten in Russland als gut, aber teuer. "Opel lässt sich durchaus verkaufen", sagt der Moskauer Händler Denis Belogurow, "wenn der Preis stimmt."
Es dürfte Jahre dauern, bis die Russen wissen, ob sie gemeinsam mit Magna an Opel verdienen werden. Und umgekehrt.
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