Das ist ein Auftritt nach dem Geschmack des früheren Siemens-Chefs Heinrich von Pierer. Fotografen und Kameraleute drängeln sich um den fast 70-Jährigen, der geduldig mit seiner Autobiografie „Gipfel-Stürme“ in der Hand posiert. Die Botschaft ist klar: Hier sitzt einer, der alles richtig gemacht und sich nichts vorzuwerfen hat. Das 430 Seiten starke Buch handelt vom Aufstieg des Erlanger Buben zum „Mister Siemens“ und dem eisigen Wind, der Pierer vor allem seit der 2006 aufgedeckten Korruptionsaffäre ins Gesicht weht, die seinen Rücktritt als Siemens-Aufsichtsratschef erzwang.
Der Stoff hätte das Zeug zum Wirtschaftskrimi. Aber der Autobiograf, der in seiner Jugend Sportreporter war, geht mit sich und anderen milde um. Und auf den 50 Seiten, auf denen es um den Korruptionsskandal und das rüde Ende seiner Bilderbuchkarriere geht, spricht nur noch Mister Unschuldig.
„In welcher Form hätte ich Verantwortung für Vorgänge übernehmen sollen, die mir nicht bekannt waren?“, schreibt er etwa. Dabei sind unter seinen Augen bei Siemens mit 1,3 Milliarden Euro aus dunklen Kassen Aufträge im Ausland erkauft worden. Seinen Rücktritt vom Aufsichtsratsposten nach Bekanntwerden der Korruptionsaffäre will er dennoch nicht als Schuldeingeständnis verstanden wissen, ebenso wenig wie die fünf Millionen Euro Schadenersatz, die er aus seinem Privatvermögen dem Konzern gezahlt hat, und die 250000 Euro Bußgeld, mit dem er die Einstellungen der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen erreichte.
Kein Ghostwriter hat mitgeschrieben
Nicht nur von Staatsanwälten, auch von Teilen der Presse fühlt sich der Spross einer österreichischen Offiziersfamilie schlecht behandelt. Und er vermittelt den Eindruck, Siemens habe ihn von einem bestimmten Zeitpunkt zum Abschuss freigegeben, um für den Skandal einen namhaften Blitzableiter zu finden und den Schaden für das eigene Haus klein zu halten. „Jagdsaison“, lautet dann auch das Kapitel, das sich dem Korruptionsskandal widmet. Von Pierer schildert darin eine mediale Großwildjagd nach einem „echt großen Tier“, bei der entlastende Informationen in den Redaktionen unter den Tisch gefallen oder Beschuldigungen frei erfunden worden seien.
Vor allem in den Passagen, in denen von Pierer sich in seiner Ehre verletzt und als Opfer fühlt, ist es dem Buch anzumerken, dass kein Ghostwriter mitgeschrieben hat. Etwa als es um das im September 2008 ergangene Hausverbot bei Siemens geht. „Ich habe erkannt, wer wirklich zu mir steht und auf wen ich mich in schwierigen Zeiten verlassen kann“, schreibt der Autor larmoyant. Die Namen derer, die ihn enttäuscht haben, nennt er aber nicht.
Auch bei der gestrigen Buchpremiere will er diese Namen nicht nennen. Stattdessen attackiert er die Medien und vor allem die Süddeutsche Zeitung, der er vorwirft, eine Kampagne gegen ihn zu führen. In diesen Momenten spürt man, wie tief die Affäre Pierer in seinem Selbstbild erschüttert hat. Vorher noch ist ihm schier der Mund übergelaufen, als er seinen Werdegang an die Spitze des Weltkonzerns schilderte. Als dann aber die unvermeidlichen Fragen kommen zur Korruptionsaffäre, die seine eigentlich doch aus unternehmerischer Sicht glänzende Zeit als Siemens-Chef überschattet, wird Pierer schmallippig. „Ich bin immer dafür eingetreten, dass wir klare und eindeutige Geschäfte machen, und wenn das an manchen Stellen anders gelaufen ist, bedaure ich das sehr.“
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