Berlin. Der Platz ist gut gewählt: Direkt am Eingang des Berliner Ludwig-Erhard-Hauses hat am Montag eine Wirtschaftszeitung etliche Exemplare ausgelegt. "Bundesbank lässt Sarrazin fallen", titelt das Blatt. Just an diesem Tag hat sich Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin am Sitz der Berliner IHK angesagt, um zum Thema Deutschland nach der Wahl zu sprechen. Es ist sein erster öffentlicher Auftritt nach seinen umstrittenen Äußerungen in der Zeitschrift Lettre International. "Wird er wirklich kommen?" lautet die bange Frage im Saal. Oder wird er kneifen?
Nein, kneifen gehört nicht zu seinem Repertoire. Sarrazin erscheint wie angekündigt, wenngleich er bemüht ist, sich ganz anders zu präsentieren, als man ihn kennt: zurückhaltend, verunsichert, kein Hauch von Provokation, ja, beinahe lammfromm.
Bei seinem Auftritt will sich Sarrazin - völlig ungewohnt - nicht zu dem Interview äußern. Die scharfen Worte von Bundesbank-Präsident Axel Weber, der Sarrazin inzwischen indirekt den Rücktritt aus dem Vorstand nahe gelegt hat, zeigen offenbar Wirkung. Inzwischen geht auch die Berliner SPD auf Distanz zu Sarrazin. Landeschef Michael Müller bezeichnete das Interview als "völligen Fehlgriff". Und ein Berliner Ortsverein beantragte bereits ein Parteiordnungsverfahren. "Sie können mich alle noch so erwartungsvoll angucken", sagt er kurz bevor er ans Rednerpult tritt. "Ich halte eine Rede, und dann fahre ich nach Frankfurt." Er habe sich für seine Äußerungen bereits entschuldigt, fügt er hinzu. Dann spricht der 64-Jährige, der bis Mai sieben Jahre lang Berlins Finanzsenator war, über die Krise und die neue Regierung. Man hat den Eindruck, Sarrazin redet mit angezogener Handbremse. Er macht kurze Pausen, wägt genau ab, was er zu sagen hat. Nur nicht wieder anecken. So wie in dem jüngsten Interview, oder so, wie das eine oder andere Mal als Finanzsenator, als er Hartz-IV-Empfänger über Speisepläne und Heizkosten belehrte oder Angestellte im öffentlichen Dienst als "übel riechende Beamte" beleidigte.
Nur manchmal kommt ein wenig der Mann durch, der Klartext liebt. Etwa, als er die vielen falschen Prognosen von Wirtschaftsforschern kritisiert und gleichzeitig auf seine eigene Situation anspielt: "Es ist nicht schlimm, wenn man irrt." Schlimm sei nur, wenn man sich als Einzelner irre. Sage man, was alle sagen, sei das kein Problem - "das lässt sich übrigens auf viele Themen ausdehnen."
Dann geht es um Krisenbewältigung. Das Schlimmste sei wohl überstanden, meint Sarrazin, doch ein Riesenproblem bleibe: Der Schuldenberg. Er rät - ganz Bundesbanker - der Regierung, schnell mit der Sanierung des Haushaltes zu beginnen. Denn 2010 und 2011 folgten die nächsten Wahlen in mehreren Bundesländern. Dann seien unpopuläre Schritte nicht durchsetzbar. Doch Sarrazin vermeidet es, konkrete Vorschläge zu machen. Er erntet dennoch Beifall. Während er draußen in seinen Audi A 8 steigt, verkauft ein junger Mann neben dem Auto marktschreierisch die Zeitschrift Lettre International: "Mit dem kompletten Interview von Thilo Sarrazin", ruft er.
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