Wie geht es Ihnen, wenn Sie solche Sätze von Thilo Sarrazin lesen: Türken und Araber haben keine produktive Funktion. Sie liefern ständig Bräute aus Anatolien nach. Sie produzieren Kopftuchmädchen.
Mich schüttelt es. Das ist Stammtisch-Talk. Nur wissen diejenigen, die am Stammtisch sitzen, dass sie bierselig sind und das nicht so ganz ernst meinen. Herr Sarrazin aber ist Vorstandsmitglied der Bundesbank.
Ist er als solcher noch tragbar?
Das muss die Bundesbank mit sich ausmachen. Ich meine, dass Leute in einer solchen gehobenen Position, die zur politischen und finanziellen Elite gehören,wissen müssen, was sie mit ihren Aussagen bewirken. Wenn Sarrazin das nicht weiß, kann er nicht einmal Polizeibeamter oder Lehrer sein. So wie Sarrazin sich verhält, gehört er nicht in den Vorstand der Bundesbank.
Erkennen Sie in seinen Äußerungen nicht einen wahren Kern?
Ich erkenne da keine Faser der Berliner Wirklichkeit wieder. Was ich erkenne, sind oft gehörte Ressentiments bei einzelnen Bürgern der Stadt, die besonders da kursieren, wo die unmittelbare Begegnung mit Einwanderern nicht stattfindet. Da finde ich solche Negativ-Einstellungen sogar verständlich, weil es im Alltag oft zu Konflikten kommt.
Also hat Sarrazin nur gesagt, was andere sich nicht trauen?
Nein. Was er sagt, ist abwertend, niedermachend, destruktiv und ausgrenzend. Nach der allgemeinen Definition, was rassistisch ist, könnte man seine Äußerungen da einordnen. Jeder, der sich mit Einwanderungspolitik beschäftigt, weiß, dass wir nie wirklich eine solche Politik hatten. Er weiß auch, dass viele unserer Migranten aus sozial schwachen und bildungsfernen Schichten kommen. Das bedeutet, dass sie drei, vier Generationen brauchen, bis sie den Standard erreicht haben, den auch die Deutschen seit den 50er Jahren erst nachholen mussten.
Wie kommt einer wie Sarrazin dazu, so zu reden?
Ich kann mir das nur so erklären, dass er damit bisher Erfolg hatte. Das ist ja das Erschreckende an dem Vorgang. Je niederträchtiger er zugeschlagen hat, etwa gegen Hartz-IV-Empfänger, desto höher ist er aufgestiegen. Ich will das eigentlich nicht glauben, aber es drängt sich der Verdacht auf, dass es in bestimmten Kreisen der deutschen Elite durchaus üblich ist, so verächtlich über Menschen zu reden, die täglich ihren schweren Dienst versehen oder am unteren Ende der sozialen Stufenleiter stehen. Da leben einige in dieser arroganten Selbstgerechtigkeit: Wir sind die eigentlichen Leistungsträger im Land.
Als Bundesbanker ist Sarrazin auch Repräsentant im Ausland. Kann er sich da noch blicken lassen?
Sicher ist, dass in den Vereinigten Staaten, in England und auch in Frankreich solche Bemerkungen sofort zu personellen Konsequenzen geführt hätten. Das ist ein Stil, der dort nicht geduldet wird. Ich verstehe nicht, warum wir das hier hinnehmen. Ich glaube, Herr Sarrazin wird es schwer haben, bei internationalen Gesprächspartnern Vertrauen zurückzugewinnen.
Interview: Vera Gaserow
Lesen Sie auf den nächsten Seiten: Die aktuellen Sprüche von Sarrazin - und was die Berliner dazu sagen.
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.
Am 31. Mai diskutiert FR-Redakteur Tobias Schwab mit Fernsehköchin Sarah Wiener und weiteren Gästen das Thema "Wer verdient am Kaffee?"
Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.