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07. Oktober 2012

Automarkt SUV: Umstrittene Geländewagen boomen

 Von Frank-Thomas Wenzel
Peugeot 2008 - Mit mächtigem Kühlergrill in die SUV-Kompaktklasse.Foto: Getty Images

Die Autoindustrie steht vor einem Abschwung. Doch ein umstrittenes Marktsegment boomt weiterhin: die sportlichen Geländewagen, die SUVs.

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Die „sinnlich geformten Kotflügel“ sollen „natürliche Athletik“ suggerieren. Die Räder sind groß und die Bodenfreiheit ist reichlich, das soll ein „aktives Leben ohne Limits“ symbolisieren. So preist auf dem Pariser Autosalon (noch bis 14. Oktober) der Autohersteller Peugeot sein neues Modell 2008 an.

Das Auto, dessen Design laut Peugeot Sicherheit, Robustheit und Kraft vermitteln soll, kommt mit großen Ambitionen daher. Und mit entsprechenden Absatzerwartungen in aller Welt. In Paris wird der Peugeot 2008 als jüngstes SUV (Sports Utility Vehicle) der Marke präsentiert. Und er ist nicht allein in der Kategorie der Sportnutzfahrzeuge, die auch als Geländelimousinen bezeichnet werden. In Paris wird das Dutzend an Neuheiten in diesem Segment fast voll, die Automesse in der französischen Hauptstadt ist ein Festival der SUVs.

Die Autobauer konzentrieren viel Kreativität auf dieses Fahrzeugsegment, das sich aus der Nische der Geländewagen und ländlichen Nutzfahrzeuge entwickelt hat. Jeeps, Landrover und andere automobile Kraxler waren fürs Gelände gedacht und früher auch hauptsächlich dort unterwegs.

Trend kommt aus den USA

Seit den 80er-Jahren hat sich das geändert. Die dicken Dinger eroberten die Städte. Der Trend kommt aus den USA. Doch auch in Europa tat sich was. Als Vorläufer der SUVs in Europa gelten die ersten Baureihen des Range Rover (siehe großes Foto) und des Lada Niva aus den 70er-Jahren. In Sachen SUVs sind Peugeot und alle anderen Hersteller besonders emsig: Denn kein Fahrzeugsegment wächst so schnell wie dieses.

Vor zehn Jahren hatten die Sportnutzfahrzeuge in Deutschland nach den Erhebungen des Center Automotive Research (Car) an der Uni Duisburg-Essen noch einen Marktanteil von vier Prozent – in diesem Jahr dürften es rund 15 Prozent sein. 2013 sollen es 18 Prozent werden, weitere Steigerungen gelten für die Car-Experten als sicher. In den USA ist schon jetzt fast jedes Dritte verkaufte Auto ein SUV.

Die Motivation der Autobauer ist klar: Viele Modelle sind nichts anderes als Abkömmlinge von stinknormalen Kompakt- und Mittelklassewagen. Sie sind aber in der Regel stärker motorisiert und besser ausgestattet, also auch teurer – und bringen den Autobauern deshalb tendenziell höhere Gewinnspannen.

Für Jens Hilgenberg, Autoexperte beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), ist die Sache relativ einfach: „Trends werden von den Autobauern gesetzt, und irgendwann entwickeln sich selbst verstärkende Effekte.“ Je mehr SUVs auf der Straße zu sehen sind, umso mehr Autofahrer denken über den Kauf eines solchen Autos nach. So einfach ist das? Hilgenberg räumt ein, dass noch mehr hinzukommt. Zu den Vorteilen für den Nutzer gehöre eine bequemere Höhe beim Einsteigen. Und eine größere Übersicht durch die erhöhte Sitzposition plus mehr Blech um sich herum erzeuge „subjektive Sicherheit“.

Frank Schwope, Auto-Analyst bei der Nord LB, spricht gar von einem „Gefühl der Überlegenheit“ für den SUV-Fahrer. Und Automobilwissenschaftler Stefan Bratzel attestiert den SUVs ein „sportlich- muskulöses Auftreten“. Riecht es da immer noch nach Männerschweiß? Alles Protzerei und Potenzgehabe? Bratzel relativiert: SUVs seien längst nicht mehr nur die Autos der Egomanen, die sich ohne Rücksicht auf Verluste durch den Verkehr kämpfen, denen die Umwelt und ihre Mitmenschen ziemlich egal sind – als viel geschmähte Musterbeispiele für die Panzer mit Straßenzulassung gelten der Q7 von Audi und der Cayenne von Porsche. Diese Autos, die mehr als zwei Tonnen schwer sind und entsprechend viel Sprit verbrauchen, werden zwar immer noch verkauft. Bratzel macht aber auf den Aufschwung der SUVs der mittleren und kleinen Größe aufmerksam. Die werden gern von Frauen benutzt, die ihre Kinder zur Schule und zum Sport fahren und Großeinkäufe damit machen.

Das wars mit der Geländegängigkeit

Auch lasse sich das Zerrbild vom Spritfresser nicht mehr aufrechterhalten. „Viele SUVs der neuen Generation verbrauchen weniger als ein Passat oder ein Kompaktwagen älterer Bauart“, sagt Bratzel. Deutschlands beliebtestes SUV, der kompakte VW Tiguan, bringt es in seiner Standardversion mit Turbo-Diesel auf einen Normverbrauch von 5,3 Liter auf 100 Kilometer. Start-Stopp-Automatik und anderen Spritspartechniken gehören längst zur Standardausstattung der SUVs.

Bratzel ist davon überzeugt, dass die gesellschaftliche Akzeptanz eines SUVs inzwischen nur noch dann gewährleistet ist, wenn der Halter seinem Nachbarn halbwegs akzeptable Verbrauchswerte präsentieren kann. Der 5,3-Liter-Tiguan kann indes nur deshalb relativ sparsam sein, weil ein früher entscheidendes SUV-Merkmal nicht mehr besitzt: Allradantrieb.

Stattdessen ist hier ein konventioneller Frontantrieb – wie beim kleinen Bruder Golf – an der Arbeit. Der Tiguan ist damit nicht allein. Bei zunehmend mehr SUVs wird die Kraft nur noch auf eine Achse übertragen – das wars mit der Geländegängigkeit. „Das aktive Leben ohne Limits“, mit dem Peugeot wirbt, lässt sich halt nur dort realisieren, wo die Straßen asphaltiert sind. Das macht aber gar nichts, denn nur ein ganz geringer Prozentsatz aller SUVs dürfte jemals über einen Feldweg bewegt worden sein. Mehr noch: Der Peugeot 2008 ist bewusst als „urbaner Crossover“ konzipiert.

Ein Graus für den BUND

Das zeigt: Das SUV-Universum expandiert und differenziert sich aus. In Fachblättern und Internetforen wird viel darüber berichtet, dass Audi eine Reihe „coupéhafter“ Fahrzeuge plane: Q4, Q6 und Q8. In Paris wird die Studie Crosslane gezeigt, die 2014 mit abnehmbarem Dach als Q2 den Start gehen soll. Schwope geht sogar davon aus, dass die Konzernschwester VW in den nächsten Jahren die gesamte Palette seiner Kompakt- und Kleinwagen in SUV-Varianten präsentieren könnte – bis hin zum Kleinsten, dem Up.

Neue Fertigungstechniken machten es möglich, auch Autos in kleineren Auflagen lukrativ zu produzieren. Die Car-Forscher gehen auch deshalb davon aus, dass die Zahl der SUV-Modelle auf dem deutschen Markt von derzeit 73 binnen vier Jahren auf 90 steigen wird.

Also noch mehr Crossover-SUVs in Coupé-Cabrio-Version. Für Jens Hilgenberg vom BUND ist das ein Graus. Zwar sieht auch er, dass die Nachfahren des Range Rover sparsamer werden. „Doch viel weniger Spritverbrauch wäre möglich, wenn Autos aerodynamisch verbessert würden.“ Doch dafür müssten die Fahrwerke tiefer gelegt werden, stattdessen setze sich mit den SUVs mehr Bodenfreiheit durch, die aber völlig sinnfrei sei.

Hinzu komme: Je mehr SUVs auf den Straßen unterwegs seien, desto stärker gehe der Vorteil der größeren Übersicht verloren, da andere SUVs zunehmend die Sicht versperrten. Zudem würden durch mehr wuchtige, hochgebockte Autos zunehmend die schwächsten Verkehrsteilnehmer bedroht, etwa Radfahrer oder die Fahrer neuer kleiner Elektromobile wie dem Renault Twizy. „Moderne Verkehrskonzepte werden so behindert“, sagt Hilgenberg.

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