In einem dramatischen Appell an Großaktionär Schaeffler fordert Continental-Vorstandschef Neumann ein rasches Konzept für die Zukunft der beiden angeschlagenen Konzerne.
Conti und Schaeffler rücken nun wohl doch zusammen.
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Hannover. In einem dramatischen Appell an Großaktionär Schaeffler hat Conti-Vorstandschef Karl-Thomas Neumann ein rasches Konzept für die Zukunft der beiden angeschlagenen Konzerne gefordert.
Ein weiteres Zuwarten in der extrem schwierigen wirtschaftlichen Lage berge das Risiko einer "unkontrollierten Entwicklung", sagte Neumann am Rande der Hauptversammlung. Schaeffler und Continental sind hoch verschuldet, die Branchenkrise hat die beiden Autozulieferer voll erwischt. Neumann kündigte an, innerhalb von maximal 100 Tagen selbst ein tragfähiges Zukunftskonzept vorlegen zu wollen.
Continental alleine könne die benötigten Antworten auf die grundlegende Fragen aber nicht liefern, sagte Neumann mit Blick auf Schaeffler. Er warnte vor Egoismus und forderte den "guten Willen" aller Beteiligten. Ohne grundlegende Weichenstellungen sei der Handlungsspielraum von Conti sehr eingeschränkt, bis hin zu "starken Lähmungserscheinungen".
Neumann sagte, es sei etwa offen, ob sich Conti auf das Geschäft als Autozulieferer konzentrieren solle und was dann aus der Reifensparte werde. Offen sei zudem, wie das Automobilgeschäft alleine in der aktuellen Krise ohne die Beiträge der Reifensparte die Zukunftsthemen finanzieren solle.
Schaeffler/Conti - eine tränenreiche Ehe
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Schaeffler/Conti - eine tränenreiche Ehe
Es ist die Solidarität ihrer Angestellten, die Schaeffler gerührt hat, teilt sie mit. "In einer so schwierigen Situation, wenn die Menschen so eindrucksvoll zueinander stehen, kann schon ein Mal eine Träne fließen. Dafür muss man sich nicht schämen", lässt sich die 67-Jährige zitieren. 5000 Beschäftigte demonstrieren an dem Tag der Gefühlswallung für eine staatliche Überbrückungshilfe für das angeschlagene Unternehmen. Da steigt die Stimmung auch bei der Eigentümerin wieder...
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Sind auf einem Bild noch die Tränen zu sehen, zeigt Schaeffler auf einer weiteren Aufnahme schon wieder lächelnd die Zähne. In der fränkischen Heimat weiß sie noch viele Unterstützer hinter sich. Während die Belegschaft durch Herzogenaurach zieht, schließen sich Einwohner der Demonstration an, Speditionen flankieren einen Teil der Wegstrecke mit ihren Lastwagen. In der Politik bekommt Schaeffler weniger Beistand.
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Man könne nicht "im Nerzmantel nach Staatshilfe rufen", kontert Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) Schaefflers Bitte um Unterstützung aus Berlin. Schaefflers stets mondänes Auftreten - hier bei einem Empfang im Januar in Kitzbühl - erweist sich in der selbst mitverschuldeten Krise als kontraproduktiv. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will nicht die "Zeche für riskante Entscheidungen zahlen." Deshalb sucht Schaeffler neue Verbündete und findet sie...
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Maria-Elisabeth Schaeffler rückt an die Gewerkschaften ran - und kommt zu einer Pressekonferenz sogar in die Frankfurter IG-Metall-Zentrale. Sie verkündet den Schulterschluss mit Gewerkschaftschef Berthold Huber. Die IG Metall ruft nun laut mit nach Staatshilfe für Schaeffler, das Unternehmen stärkt im Gegenzug die Mitbestimmung, will weiter Tariflöhne zahlen und Entlassungen vermeiden.
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Trotz des Paktes mit der IG Metall könnte Schaeffler bald rot sehen. Die Continental-Übernahme ist auf Pump finanziert, die Schulden betragen mehr als zehn Milliarden Euro. Um die Pleite abzuwenden, will sich Familie Schaeffler von einem "wesentlichen Teil" ihres Eigentums an der Firma trennen. Unklar ist, wie viel das sein wird - klar ist jedoch: Die Not des Unternehmens ist groß.
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Der Weg ins Übel beginnt im März 2008. Mit Hilfe der Bank Merrill Lynch pirscht sich Schaeffler an den deutlich größeren Autozulieferer Continental heran. Während das Konzern-Management in Hannover ahnungslos ist, schließt Schaeffler Swap-Geschäfte, um zugriff auf Conti-Aktien zu bekommen. Deals mit anderen Banken folgen.
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Am 11. Juli 2008 wird es ernst für Continental. Zu Gast in Hannover ist eine Delegation aus Herzogenaurach. Schaeffler eröffnet den Konzern seinen Übernahmeplan. Sie haben sich durch Optionsgeschäfte zu diesen Zeitpunkt schon den Zugriff auf gut ein Drittel der Conti-Aktien gesichert. Continental ist vor allem als Reifenproduzent bekannt. Über die Jahre hat sich der Konzern aber zum Allrounder unter den Autozulieferern gemausert. Die Produktpalette reicht von Bremssystemen bis zu komplexen Elektronikschaltungen. Schaeffler ist bereit, dafür viel Geld zu zahlen...
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Schaeffler bietet erst 63,73 Euro pro Anteil, später sogar 75 Euro. Deutlich mehr Aktionäre als erwartet nehmen die Offerte an, zumal der Wert der Conti-Aktien in der Krise nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman einbricht. Schaeffler muss 75 Euro zahlen für Papiere, die kaum mehr 20 Euro wert sind. Folge: Das Unternehmen rutscht in die Schulden. Und im Hause Conti wartet kein freundlicher Empfang...
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Der damalige Vorstandschef Manfred Wennemer spricht sich offen gegen die Übernahme aus. Auf eigenen Wunsch scheidet er schließlich aus dem Amt. Wennemer hat in seiner Amtszeit Conti konsequent an Kostengesichtspunkten ausgerichtet, Produktionszweige auch in Niedriglohnländer verlegt. Sein letzter Coup, die Übernahme der Siemens-Sparte VDO, verläuft weniger glücklich. Nach Wennemer verlassen weitere Manager den Konzern.
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Einer, der ebenfalls geht, ist Conti-Finanzvorstand Alan Hippe. Er wechselt zu Thyssen-Krupp. Medienberichten zufolge hat sich Hippe von dem Stahlkonzern abwerben lassen. Für seinen alten Arbeitgeber gibt er noch eine düstere Einschätzung: "Wenn man sich das Gesamtsystem Schaeffler-Continental anschaut, dann wird relativ evident, dass Eigenkapital fehlt", sagt Hippe. Und auch im Conti-Aufsichtsrat rumort es.
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Der damalige Chefaufseher Hubertus von Grünberg, der Schaeffler erst wohlwollend gegenüber steht, gerät zunehmend in Konflikt mit den Franken. Letzter Streitpunkt ist, dass das Familienunternehmen die eigene Autoteile-Sparte mit der von Conti zusammenführen und dort Schulden abladen will. Grünberg stellt seinen Aufsichtsratsvorsitz zur Verfügung, bleibt aber einfaches Mitglied im Gremium. Den Chefposten übernimmt ein Schaeffler-Vertrauter.
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Rolf Koerfer (links) soll künftig auf die Geschäfte von Conti wachen. Der Justiziar der Schaeffler-Gruppe gilt als Spezialist für Fusionen. Mit ihm ziehen Schaeffler-Eigentümerin Maria-Elisabeth Schaeffler (rechts), ihr Sohn Georg Schaeffler und Schaeffler-Geschäftsleiter Jürgen Geißinger in den Conti-Aufsichtsrat ein.
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Jürgen Geißinger, der Vorsitzende der Geschäftsleitung bei Schaeffler, hat das Familienunternehmen erst zu der Stärke geführt, die es in die Lage versetzt, nach der Macht bei Conti zu greifen. Unter seiner Führung hat sich der Umsatz bei Schaeffler mehr als verdreifacht. Die Fusion mit Conti stellt eine neue gewaltige Aufgabe.
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Ein Umbau bei Conti-Schaeffler scheint nötig. Die Reifensparte - Keimzelle des Konzerns aus Hannover - soll möglicherweise verkauft werden. Mit der Vorbereitung dieses Geschäfts ist Ex-Aufsichtsratschef Hubertus von Grünberg beauftragt.
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Von der forschen Unternehmenslenkerin zur Bittstellerin - Zusammen mit ihrem Sohn Georg buhlt Maria-Elisabeth Schaeffler indes um Hilfe: "Es geht bei unseren Gesprächen mit der Politik um eine zeitlich begrenzte Überbrückung in einer besonderen Ausnahmesituation für ein Unternehmen, das im Kern gesund ist."
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Die Schaefflers teilen mit, sie seien bereit, sich von einem Teil ihres Vermögens zu trennen, um die Verschuldung des Unternehmens zurückzuführen. Nach einer Überbrückungsphase mit Staatshilfe sollen Investoren in die Gruppe geholt werden, deren Geschichte mit der Gründung der Gesellschaft INA - die Abkürzung steht für Industriewerk Schaeffler Nadellager - begann.
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Die Fusion der traditionsreichen Unternehmen Continental und Schaeffler sollte eine Erfolgsgeschichte werden. Der nach Bosch und Denso drittgrößte Autozulieferer der Welt sollte entstehen. Ob das Reifengeschäft Teil des Zusammenschlusses bleibt, ist ungewiss. (Text: Timo Kotowski)
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Die Tränen der Maria-Elisabeth S. gehen durch die Medien - bei einem Auftritt vor Beschäftigten der Schaeffler-Gruppe in Herzogenaurach werden der Eigentümerin und Gründer-Witwe Maria-Elisabeth Schaeffler die Augen feucht. Ist es wegen der Sorge um die Zukunft des Unternehmens, das sich mit seinem aggressiven Einstieg beim Continental-Konzern wohl verhoben hat? Schaeffler selbst hat eine eigene Erklärung für den Gefühlsausbruch...
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Schaeffler und Conti hatten zwar vereinbart, über eine Zusammenlegung der Automobilsparten zu sprechen und die Conti- Reifensparte auszugliedern - ein Konzept und ein Zeitplan aber liegen bislang nicht vor.
Schaeffler hatte sich bei der auf Pump finanzierten Übernahme des drei Mal größeren Continental-Konzerns im Zuge der Finanz- und Autokrise überhoben. Die hoch verschuldete Gruppe bittet um Staatshilfen und arbeitet seit Monaten an einem Zukunftskonzept. Auch Conti hat einen riesigen Schuldenberg, wegen der Milliarden-Übernahme von Siemens VDO.
Scharfe Kritik an Schaeffler äußerte Frank-Holger Lange von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Schaeffler versuche, eigene Interessen auf dem Rücken von Conti durchzusetzen. Das Vorgehen sei "egoistisch, selbstherrlich und verantwortungslos", sagte Lange - mit denselben Worten hatte im vergangenen Sommer der damalige Vorstandschef Manfred Wennemer Schaeffler kritisiert.
Heiko Barkemeyer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger forderte, Schaeffler dürfe nicht versuchen, Schulden auf Conti zu übertragen. Er sprach von einer "katastrophalen Entwicklung" bei Conti.
Der Conti-Konzern war im vergangenen Jahr in die roten Zahlen gerutscht und hat seinen Sparkurs deutlich verschärft. Die Dividende wurde gestrichen. Neumann sagte, Ende des Monats seien in Deutschland rund 25.000 Beschäftigte in Kurzarbeit, dies sind deutlich mehr als die Hälfte der Belegschaft in Deutschland.
Als Reaktion auf den anhaltenden drastischen Abwärtstrend habe Conti alleine bis Ende März weitere rund 6000 Jobs weltweit abgebaut. Bereits im vergangenen Jahr hatte Conti rund 8000 Stellen gestrichen.
Neumann bezeichnete die umstrittene Schließung von Reifenwerken am Stammsitz Hannover sowie im nordfranzösischen Clairoix angesichts des dramatischen Markteinbruchs erneut als wirtschaftlich alternativlos. "Unser Haus ist zu groß. Wir müssen unsere Kapazitäten an den tatsächlichen Bedarf der kommenden Jahre anpassen." Von den Schließungen sind insgesamt rund 1900 Beschäftigte betroffen.
Vor dem Tagungssaal protestierten rund 2000 Beschäftigte gegen die Pläne, darunter rund 1200 Conti-Arbeiter aus Frankreich. Die Demonstration blieb friedlich. Im Vorfeld waren Randale französischer Conti-Arbeiter befürchtet worden. Neumann sagte zu den Protesten: "Arbeit für alle bei der Continental lässt sich nicht herbeidemonstrieren."
Die Gewerkschaft IG BCE kündigte an, bei Continental solle künftig der Aufsichtsrat Werksschließungen zustimmen müssen. Die IG BCE wolle auf der Aufsichtsratssitzung im Anschluss an die Hauptversammlung einen entsprechenden Antrag stellen.
Der stellvertretende Aufsichtsratschef Werner Bischoff von der IG BCE sagte, damit sollten "Nacht- und Nebel-Aktionen" des Vorstandes künftig verhindert werden. Ziel in der Sitzung sei es zudem, dass der Aufsichtsrat den Vorstand auffordere, die Werksschließungen noch einmal zu überdenken.
Unterdessen gibt es für das vor dem Aus stehende Conti-Reifenwerk in Clairoix einen Kaufinteressenten. Dabei handle es sich um eine Investmentgesellschaft aus Dubai, sagte ein Conti-Sprecher in Hannover. Das Angebot werde sehr ernsthaft geprüft. (dpa)