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29. August 2014

Babbel: "Jeder kann etwas lernen"

Markus Witte leitet mit Babbel eines der erfolgreichsten deutschen Start-ups.  Foto: Peter Jülich

Der Chef der Sprach-App Babbel, Markus Witte, über eigenständiges Lernen, Motivation und Nutzer, die sich beim Kundendienst entschuldigen, weil sie nicht fleißig genug waren.

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Manchmal passt die ganze Welt in einen Innenhof: Barcelona, Sydney, London, New York oder Tokio heißen die Räume, in denen die Mitarbeiter von Babbel arbeiten. Durch große Glasscheiben können ihnen Besucher dabei zuschauen – oder Chef Markus Witte. Er leitet eines der erfolgreichsten deutschen Start-ups, eine wahrlich internationale Firma. Ob Englisch, Spanisch, Norwegisch oder Indonesisch, wer eine Sprache lernt, soll das mit Babbel tun. 2008 gestartet, nutzen heute Millionen Menschen weltweit die Anwendung auf ihren Handys, Tablets oder Computern. Eine Revolution. In der Firmenzentrale herrscht noch immer Gründerstimmung: Viel Club Mate, Gekritzel an Glasscheiben und Babbel-Fahrräder im Hof – die Firma hat jedem Mitarbeiter eines spendiert. Markus Witte empfängt im Raum Barcelona, zu einem langen Gespräch über einen völlig neuen Markt – und darüber, wie Lernen Spaß machen kann.

Herr Witte, wie kommt man auf die Idee, eine Revolution auf dem Sprachlern-Markt anzuzetteln?
Wir sind da zufällig reingerutscht. Wir waren ein Team von Menschen, die eigentlich ein Portal zum Lernen von Musikinstrumenten aufbauen wollten. Dann sind wir darauf gestoßen, dass die Produkte zum selbständigen Sprachenlernen total unbefriedigend sind und hatten die mehr oder weniger verrückte Idee, dass wir das ändern könnten.

Sind Sie ein Sprachtalent?
Überhaupt nicht. Ich bin kein Sprachnerd, aber ich interessiere mich sehr für das Thema Lernen. Selbstgesteuertes Lernen ist für mich ein Lebenstraum.

Schule war nicht Ihr Ding?
In der Schule lernt man, dass man sowieso alles nicht gut kann. In dieser institutionellen Umgebung werden viele Leute frustriert. Wir versuchen, das Sprachenlernen so weit zu vereinfachen, dass es für jeden funktioniert. Ich bin fest davon überzeugt: Jeder kann etwas lernen, wenn es in ausreichend kleine Portionen verpackt ist. Das ist unsere Mission.

Bei Babbel basiert alles auf Freiwilligkeit. Die Menschen machen das aus eigener Motivation, und Sie müssen sie überzeugen, dass das Spaß machen kann. Mit welchen Ansätzen funktioniert das besonders gut?
Es geht darum, ganz viele kleine Dinge richtig zu machen. Die Nutzbarkeit muss stimmen, die Verfügbarkeit muss stimmen, die Inhalte müssen relevant sein.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Wenn ich Sätze lerne wie „Ich bin ein Mann“, ist das schön und gut. Aber ich werde diesen Satz nie sagen. Wenn ich hingegen Sätze lerne wie „Ich hätte gerne ein Bier“ oder „Gibst Du mir deine Telefonnummer?“, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich das nutze, sehr hoch. Als ich angefangen hatte mit Babbel Türkisch zu lernen, konnte ich zwei Tage später im Döner-Laden „Hallo“, „Danke“ und „Tschüss“ sagen, und das ist cool. Das ist ein Erlebnis, das mich bestätigt. Das macht Spaß.

Das alleine wird aber nicht ausreichen.
Nein. Wir arbeiten daran, mit den Nutzern rauszufinden, was für sie funktioniert. Wir testen viel, wir probieren aus. Wo geben die Nutzer auf? Wo haben sie Probleme? Dann sehen wir: Mensch, diese Grammatik-Seite, da springen alle ab, die versteht kein Mensch. Also versuchen wir es noch einmal, bis wir an dem Punkt sind, wo die meisten dabeibleiben.

Das Produkt ist sehr spielerisch: Man wischt und schiebt, klickt Bildchen an, sortiert Wörter. Die haptischen Erlebnisse sind immer wieder anders. Wollten Sie dieses Spielerische oder hat sich das so ergeben?
Eigentlich ist Babbel weniger spielerisch geworden. Da haben wir am Anfang mehr Gewicht draufgelegt. Ein Faktor, der für uns sehr zentral geworden ist, ist direktes Feedback. Viele ältere Lernprodukte funktionieren so, dass ich eine ganze Seite ausfülle und dann absende, erst dann sehe ich, ob ich etwas richtig oder falsch gemacht habe. Bei Babbel gibt es immer sofort Feedback. Das hat an sich schon eine spielartige Komponente.

Lässt sich die Motivation der Lernenden steigern?
Wir versuchen nicht die Motivation zu erhöhen, sondern das Lernen so einfach zu machen, dass die Motivation, die man hat, ausreicht. Frustration rauszunehmen, ist schon die halbe Miete.

Ich beobachte, dass Babbel regelrecht süchtig machen kann: Man kennt ein Wort, schreibt es aber falsch, also dreht man noch eine Runde, um es richtig einzutippen. Oder man muss noch 60 Wörter wiederholen, macht 30, und denkt sich dann, dass man die restlichen nun auch noch machen könnte. Ist das nur ein Nebeneffekt?
Das wäre natürlich toll, wenn das für den Großteil der Nutzer so wäre. So ist es aber nicht. Wir stehen zeitlich in der Konkurrenz mit Youtube, mit Facebook, mit Onlinespielen. Niemand in unserer Gesellschaft hat noch Zeit, jeder hat seine 24 Stunden am Tag voll. Die Frage ist: Wie schafft man es, dass man vom Nutzer fünf bis zehn Minuten Aufmerksamkeit am Tag bekommt?

Warum wollen Sie das?
Weil wir bizarrerweise wirklich daran interessiert sind, dass die Leute etwas lernen. Wir wollen nicht einfach ein Produkt verkaufen, wie die alte CD-Rom-Industrie. Wenn die ihre Lern-CDs erst einmal verkauft hatte, war es ihr eigentlich egal, was die Leute damit machen. Wir wollen alleine schon wegen unseres Geschäftsmodells, dass die Leute dabeibleiben, nur dann funktioniert das Ganze auch ökonomisch....

…weil Sie ein monatlich kündbares Abo haben.
Genau, im Unterschied zum einmal zu bezahlenden Preis. Und wir glauben, dass längerfristig das Produkt gewinnt, mit dem man wirklich etwas lernt. Deswegen müssen wir dafür sorgen, dass wir nicht nur eine tolle Lernmethode haben, sondern dass sie auch regelmäßig genutzt wird. Wenn wir einen Sog erzeugen können, dass die Leute die Babbel-App einmal am Tag öffnen und stattdessen fünf Minuten weniger Facebook machen, dann machen wir die Welt vermutlich nicht schlechter.

Am häufigsten lernen Babbel-Nutzer Englisch.  Foto: Babbel

Sie wissen vermutlich mehr über das Lernen als jeder andere, weil sich bei Ihnen sehr viele Daten ansammeln. Wie lernen die Menschen?
Es gibt kein Standardmuster. Wir sehen sehr häufig, dass die Nutzer in der ersten Phase sehr viel lernen, und dann eine Weile gar nicht mehr. Das versuchen wir auszugleichen. Was auch sehr spannend ist: Wir haben Zyklen von circa zwei Wochen, in denen Nutzer konsistent lernen. Dann lernen sie wieder zwei Wochen nicht – und dann kommen sie wieder zurück.

Das ist nicht so überraschend.
Oh, ich finde schon. Bei Online-Spielen habe ich eine Nutzungsquote, die einfach nur nach unten geht. Beim Sprachenlernen gibt es dagegen immer wieder Reize von Außen: Man geht zum Beispiel zum Italiener und holt danach die Italienisch-App wieder hervor. Der Nutzer, der konsistent jeden Tag zehn Minuten lernt, der ist ganz selten.

Man ist ja auch schnell abgelenkt.
Mal fehlt die Zeit, mal ändert sich der Tagesrhythmus, dann meldet sich wieder der innere Schweinehund. Wir arbeiten gerade daran, das explizit zu machen. Wir wollen vom Nutzer wissen: Was ist dein Reiz? Wann am Tag willst Du Sprachen lernen? Das versuchen wir zu unterstützen, zum Beispiel durch Erinnerungen.

In welchen Situationen lernen die Menschen?
Wir erfassen keine Orte. Was wir wissen, haben wir aus Nutzerbefragungen. Demnach haben wir im städtischen Bereich viele Menschen, die im Nahverkehr lernen, die in der U-Bahn noch ein paar Vokabeln wiederholen. Das ist wunderbar. Im Büro lernen angeblich nur 20 Prozent unserer Nutzer. Ich glaube, dass der tatsächliche Prozentsatz viel höher ist, aber das will keiner zugeben. Zu Hause auf dem Sofa wird vor allem mit dem Tablet gelernt. Das ist aus meiner Sicht das beste.

Was ist die häufigste Motivation dafür, eine Sprache zu lernen? Geht es nur darum, ein paar Grundkenntnisse für den Spanien-Urlaub zu erwerben, lernen die Leute für den Beruf oder gibt es die Idee, einfach so noch eine Sprache zu können?
Es gibt eine diffuse Motivationslage: Wenn wir die Nutzer nach ihrer Motivation fragen, nennen sie fast immer einen klaren Grund. Wenn man dann aber mit ihnen telefoniert und nachfragt, merkt man: So klar ist das gar nicht. Die Nutzer rationalisieren, damit sie einen Grund haben, zum Beispiel: Meine Großeltern waren Italiener, und deswegen möchte ich die Sprache können. Aber dann kommt im Gespräch plötzlich raus: Ich bin auch in einer Lebenssituation, wo ich selber wachsen will, wo ich mehr erleben, mehr erfahren will. Das ist ein Thema von Selbstbereicherung. Da sind wir erstaunlicherweise in Konkurrenz mit ganz anderen Angeboten: Mit Gehirntrainern oder mit dem Erlernen eines Musikinstruments.

Welche Sprache wird am häufigsten gelernt?
Selbstverständlich Englisch. Fast die Hälfte lernt Englisch.

Zur Person

Markus Witte, 44, ist Mitgründer und Chef des Berliner Unternehmens Lesson Nine GmbH, das hinter der Sprachlern-App Babbel steht. Er hat Kommunikations- und Kulturwissenschaften studiert und unterrichtete zeitweise an der New York University und an der Humboldt Universität.

Babbel entstand, weil Mitgründer Lorenz Heine Spanisch sprechen wollte, aber keine einfache Lernmöglichkeit fand. Also programmierte er seinen eigenen Vokabeltrainer. Dritter Mitgründer ist Thomas Holl. Ab 2007 bauten sie Babbel auf. Schon 2008 ging die App online.

Heute arbeiten 250 Mitarbeiter aus 26 Nationen für die Firma – von Übersetzern bis zu Programmierern. Über 25 Millionen Menschen haben die App zum Sprachenlernen heruntergeladen. Pro Stunde kommen 1300 neue Nutzer hinzu. Zu Umsatz und Gewinn macht das Unternehmen keine Angaben. db

Was folgt?
Spanisch und Französisch relativ gleichauf. Danach Italienisch und Deutsch.

Wenn man als Nutzer nach einem Sprachlern-Produkt sucht, ist man im Prinzip aufgeschmissen. Es ist schwierig, sich für einen Anbieter zu entscheiden. Denn man lernt das Produkt ja erst mit der Nutzung kennen.
Richtig. Das ist die Kehrseite von der Beobachtung, dass der Markt so unreif ist. Die Nutzer haben in der Regel keine klare Vorstellung davon, was eigentlich Qualität ist in diesem Markt. Was ist ein gutes Produkt? Was erwarte ich? Was darf es kosten? Muss es gratis sein? Stört das bisschen Werbung wirklich? Ja, tut es.

Sie bedauern die fehlende Konkurrenz im Sprachlernmarkt. Das finde ich bemerkenswert. Andere Unternehmer würden sagen: Großartige Gelegenheit für ein Riesengeschäft. Wir schaffen einen neuen Markt, setzen die Standards – und holen alle Kunden ab.
So kann man das natürlich sehen. Aber es ist auch ganz schön anstrengend, wenn man niemanden hat, von dem man lernen kann. Es gibt viel zu wenig Druck. Aus der Musiksoftware-Szene kenne ich das anders: Da kommt ständig etwas neues, man analysiert das neue Produkt der Konkurrenz und ist völlig entsetzt, wie gut es ist. Das fehlt uns.

Was treibt Sie an, dennoch weiterzuentwickeln?
Wir haben den Druck, dass wir bei weitem noch nicht zufrieden sind mit Babbel. Wenn man hier die Leute fragt, ist die Unzufriedenheit mit dem Produkt erfreulich hoch. Wir haben ja auch Nutzer, die sagen, dass sie zu wenig lernen. Und sie schieben das auf sich. Aber: Wir sind schuld. Das ist unser Problem, und wir müssen es lösen.

Können Sie es konkret machen, wie gut Sie sind?
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nutzer mit Babbel von der Stufe 1 des europäischen Referenzrahmens für Sprachen zur Stufe drei kommt, ist im Verhältnis zu einer Sprachschule armselig. Im Vergleich zu anderen Produkten auf dem Markt sind wir aber um mindestens Faktor zehn besser. Das ist aber noch nicht gut genug. Deshalb haben wir noch irre viel zu tun.

Wissen Sie, warum Sie schlechter sind als die Sprachschulen – oder suchen Sie noch danach?
Wir haben starke Hypothesen, aber ob das Problem gelöst ist, wissen Sie erst, wenn Sie eine Änderung umgesetzt haben und sie tatsächlich funktioniert.

Es gibt Menschen, die entschuldigen sich bei Ihrem Kundendienst dafür, dass sie nicht genügend gelernt haben.
(lacht laut)

Was löst das bei Ihnen aus?
Freude. Man kann das natürlich belächeln, aber diese Art von Reaktion freut mich total. Das sind Menschen, die nicht so ein sicheres Verhältnis zum Internet haben und nicht wissen, dass auf der anderen Seite niemand sitzt. Aber dass bei den Kunden der Eindruck entsteht, dass sich jemand um sie kümmert und sich wirklich für sie interessiert, das macht mich wirklich stolz.

Kriegen Sie eigentlich böse Briefe von Sprachschulen, weil Sie eine günstige Konkurrenz sind?
Nein, auf gar keinen Fall. Von Sprachschulen kriegen wir eher Kooperationsangebote. Die sehen, dass wir eine Einstiegsdroge sind. Denn mal ganz ehrlich: Wenn man eine Weile mit Babbel gelernt hat, dann holt man sich ergänzende Angebote hinzu. Man kann Sprachen nicht mit einer Methode lernen. Dann geht man in eine Sprachschule.

Was ist ihre Vision für das Unternehmen?
Wir wollen in Europa und den USA der Haushaltsname werden für privates Sprachenlernen. Wir wollen eine große, profitable Firma bauen, die solide ist. Wir wollen, dass wir das Produkt werden, mit dem man in jeder Situation Sprachen lernen kann.

Sie wachsen profitabel, das ist bei Start-up-Unternehmen relativ selten.
Das ist schon relativ außergewöhnlich. Wir hatten aber auch einfach wahnsinnig viel Glück, die richtigen Sachen im richtigen Moment getan zu haben. Im Nachhinein fühlt sich das dann immer so an, als ob wir einfach schlau genug gewesen wären. Aber es gibt Teams, die sind genauso schlau, und schaffen es nicht.

Interview: Daniel Baumann

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