Stuttgart. Walter Sittler, der Schauspieler, hat sich einen Strohhut aufgesetzt. 35 Grad im Schatten, mindestens, im Stuttgarter Talkessel, der Mittlere Schlossgarten in fröhlichem Belagerungszustand: 10.000, vielleicht sogar 20.000, wie die Veranstalter vermelden, fächeln sich Luft zu, halten Schilder hoch, tragen bedruckte T-Shirts: "Keiner will nach Ulm" oder, lautschriftlich, "grana:da sauerei" ("granatenmäßige Sauerei").
Sittler ist eine feste Größe im Protest gegen das auf rund 6,5 Milliarden Euro taxierte Bauprojekt Stuttgart 21 von Bahn, Land Baden-Württemberg, Stadt und Region Stuttgart. S21 - das sind eine ICE-Neubaustrecke nach Ulm und der Umbau des Stuttgarter Kopfbahnhofs in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof. Offizieller Baustart war im Februar.
Der Protest richtet sich vor allem gegen den Bahnhofsumbau. Alte Platanen und die Seitenflügel des Bonatz-Bahnhofs sollen weichen. Aber es ist auch ein Protest gegen undemokratische Entscheidungsprozesse. 64.000 Bürger-Unterschriften hatten die Planer ignoriert und auf bindende Verträge verwiesen. "Protestivals", Montagsdemos und Sternmärsche sollen nun darauf aufmerksam machen, dass Stuttgart gleich mehrere Infarkte vor sich hat: verkehrlich, finanziell und für die Stuttgarter in Form von weniger Lebensqualität durch die 15 bis 20 Jahre dauernden Bauarbeiten. Das Geld solle besser in Bildung oder Kinder investiert werden.
Ziviler Ungehorsam
Die Projektpartner widersprechen: Werde nicht gebaut, fließe kein Geld. Und: 1,5 Milliarden Euro sind bereits weg, für Planungen ausgegeben. Der Umbau des Schienen-Verkehrsknotens sei die "einmalige Chance", an die Ost-West-Magistrale (Paris-Bratislava) angebunden zu werden.
Im Schlossgarten singt der Rapper Borna seinen "Oben bleiben"-Song: "Ihr nennt das Politik, ich nenn´ das Verrat". Es spricht der Grüne Winfried Hermann, Anti-S21-Aktivist der ersten Stunde, es spricht Linke-Chef Klaus Ernst. Es wird geklatscht, gebuht.
Die Veranstalter des "Aktionsbündnisses" spielen Original-Töne von Alt-Regierungschef Hans Filbinger ein: "Das Atomkraftwerk Wyhl wird gebaut". Dann eine Stimme: "Wyhl wurde durch gewaltfreien Widerstand gestoppt." Ebenso Wackerdsorf. "Und Stuttgart 21?", tönt es verheißungsvoll aus den Lautsprechern. Rund 16 000 Menschen haben sich als "Parkschützer" eintragen lassen, wollen sich an Bäume ketten, wenn Bagger anrücken.
Sittler empfängt frenetischer Applaus. "Stuttgart 21 ist ein Kanibale", ruft der Mime. "Er frisst alles auf: das Geld der Steuerzahler, der Stadt, des Landes, er frisst den Rest an demokratischen Strukturen." Seine Prognose: Historiker würden einmal feststellen, dass der friedliche Protest der "Anfang einer Mehrheit jenseits von Schwarz-Gelb und der Beginn einer Phase der Demokratisierung Baden-Württembergs" sei. 2011 sind Landtagswahlen.
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