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Bangladesch: Geiz ist gefährlich

Discounter und Markenartikler lassen in Bangladesch zu unmenschlichen Bedingungen produzieren. Von Thorsten Herdickerhoff

Textilien für Europa, gefertigt in Asien: An den Sozialstandards hapert es immer noch.
Textilien für Europa, gefertigt in Asien: An den Sozialstandards hapert es immer noch.
Foto: rtr

Sie arbeitet von morgens acht bis abends acht, oder bis zehn, oder bis elf, sechs Tage die Woche, oft sogar sieben. Dafür bekommt sie ungefähr 30 Euro im Monat. Eine Wohnung kann sie nur zusammen mit ihren zwei Schwestern bezahlen, ein Raum mit einem Doppelbett und etwas Platz drumherum. Ihr zweijähriger Sohn muss bei den Großeltern auf dem Land aufwachsen.

Suma Sarker lebt in Bangladesch. Die junge Witwe arbeitet in der Textilindustrie, seit ihrem 13. Lebensjahr. Derzeit ist die 22-Jährige zusammen mit einer Gewerkschafterin in Deutschland. Die Kampagne für saubere Kleidung hat sie eingeladen, um hier über ihre Arbeits- und Lebensbedingungen zu berichten. Denn aus Deutschland kommen viele der Aufträge für die Fabriken, und in Deutschland werden die von ihnen hergestellten Textilien gekauft, ob im Markenladen oder im Discounter.


Foto: FR-Infografik/Breuer

In der Textilindustrie Bangladeschs arbeiten rund zwei Millionen Menschen. Sie produzieren hauptsächlich für den Weltmarkt. Die Marken heißen Puma, Lidl, KiK oder H&M. Puma stand 2006 am Pranger wegen Kinderarbeit in Bangladesch, woraufhin sich der Konzern von einem Zulieferer dort trennte.

H&M steht aktuell im kritischen Licht der Öffentlichkeit: Report Mainz berichtete über Arbeitsbedingungen in einer Fabrik in Bangladesch, die für H&M produziert: erzwungene Überstunden bis tief in die Nacht, Hungerlöhne, Beschimpfungen, Schläge, sexuelle Nötigung.

Verstöße sind die Regel

Bis vor kurzem hat Suma Sarker in einer Fabrik gearbeitet, die für KiK und Lidl produziert. In dieser Zeit kam sie selten vor 22 Uhr nach Hause, 30 Überstunden pro Woche sind die Regel. Bezahlt wird die Mehrarbeit höchstens zur Hälfte, sie erhält nie eine Abrechnung. Der Arbeitsdruck in der Fabrik ist so hoch, dass sie kaum dazu kommt, etwas zu trinken oder zur Toilette zu gehen. Tut sie es doch, wird sie von den Vorarbeitern angeschnauzt, schneller zu arbeiten. Verpasst sie das hohe Arbeitsziel, beschimpfen die Vorarbeiter sie als Hure. Als ihr Mann, der dort als Wachmann arbeitete, bei einer Gasexplosion umkommt, kündigt sie und heuert bei der nächsten Fabrik an. Wo es ähnlich zugeht.

Eine aktuelle Untersuchung unter Leitung von Korshed Alam zeigt, dass Suma Sarker kein Einzelfall ist. Alam ist Mitglied der bengalischen Nichtregierungs-Organisation AMRF. Sie befragte mehr als 130 Arbeiterinnen und Arbeiter in sechs Fabriken, die für Lidl und KiK produzieren.

Sozialstandards ohne Garantie

Die Liste der Verstöße gegen nationales Arbeitsrecht und den Verhaltenskodex der beiden Firmen ist lang. Zu den genannten Missständen fügen sie hinzu: Es gebe kaum schriftliche Arbeitsverträge, wer krank wird, verliere den Job, die Arbeiterinnen müssten bei Kontrollbesuchen lügen, die die Einhaltung des Arbeitsrechts und der Verhaltenskodizes prüfen sollen, und in keiner der Fabriken gebe es eine Gewerkschaft oder einen Betriebsrat.

Lidl listet in einer Stellungnahme der FR seine bisherigen Bemühungen für bessere Arbeitsbedingungen auf. Am Ende heißt es: "Trotz unseres bisherigen Engagements können wir heute noch keine Garantie für die vollständige Einhaltung aller Sozialstandards geben." Berichte über schlechte Arbeitsbedingungen in den Fabriken ihrer Lieferanten machten auch sie "sehr betroffen".

Die Firma KiK beruft sich in seiner Stellungnahme auf seinen Verhaltenskodex: "Damit ist gewährleistet, dass die von KiK aufgestellten Arbeits-Richtlinien überall Gültigkeit haben", schreibt das Unternehmen der FR. Sie setzen auf die Kontrollen durch unabhängige Auditoren. Sollten die Kontrolleure Missstände feststellen, "werden Verbesserungspläne entwickelt, die abgearbeitet werden müssen. Hierbei unterstützt KiK seine Lieferanten, um zu einer effizienten Lösung zu kommen".

Nach Informationen der Kampagne für saubere Kleidung wird die Umsetzung der Verbesserungspläne oft nicht weiterverfolgt, so dass "ein Plan den nächsten jagt", sagt Kampagnen-Mitglied Gisela Burckhardt. Sie sieht das Problem nicht so sehr im Management der Fabriken, sondern bei den Auftraggebern.

"Wenn KiK höhere Preise zahlt, dann könnten die Auftragnehmer vor Ort auch höhere Löhne zahlen." Stattdessen drohten die großen Unternehmen auch auf politischer Ebene, sich aus dem Land zurückzuziehen, falls die Löhne angehoben werden. Deshalb sei die Politik eher arbeiterfeindlich. So verbot die Regierung im Jahr 2006 Streiks.

Trotzdem bilden sich Gewerkschaften, auch wenn sie im Untergrund agieren müssen. Die organisierten Arbeiter versuchen zu helfen, wo sie können. Vor allem denen, die durch die harte Arbeit krank werden. Sie kaufen Medikamente und bezahlen Operationen, doch sie schaffen es nicht immer. Eine Näherin bekam nach 19 Arbeitsjahren starke Nierenprobleme, offensichtlich wegen der Schwierigkeiten, während der Arbeit zu trinken. Daran ist sie vor zwei Wochen gestorben.

Autor:  THORSTEN HERDICKERHOFF
Datum:  25 | 11 | 2008
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