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17. August 2013

Banken & Finanzmarkt: Lügen, betrügen, manipulieren

 Von 
Krumme Geschäfte: Die Banken haben es derzeit häufiger mit der Polizei zu tun.  Foto: dapd

Gefälschte Zinsen, überhöhte Rohstoffpreise, versteckte Verluste – immer neue Skandale erschüttern die Finanzmärkte. Der Fehler liegt im System.

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Die Weltfinanzmärkte gleichen einem gigantischen Kasino, wo in Sekunden Vermögen gemacht und vernichtet werden. Doch der Vergleich hinkt. Denn beim Spekulations-Roulette verlassen sich viele Spieler nicht auf den Zufall.

Sie lassen Wetteinsätze verschwinden, rechnen sich reich oder arm, setzen Geld, das sie nicht haben. Und die ganz Großen tun sich zusammen, manipulieren das Rad, die Kugel oder bestechen den Croupier. „Der gesamte Finanzsektor ist äußerst betrugsanfällig“, sagt Dorothea Schäfer, Forschungsdirektorin Finanzmärkte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Seit Monaten geht eine nie gekannte Untersuchungs- und Klagewelle über die Finanzindustrie nieder. Behörden durchforsten Büros, sammeln Akten und E-Mails. Fast in jeder Woche kommt ein neuer Skandal ans Licht. Wertpapierhändler haben gelogen und gefälscht, ganze Abteilungen haben Geschäfte in Milliardenhöhe in die gewünschte Richtung gelenkt.

Gute Bedingungen für Trickser

Zinsen, Devisenkurse, Strom, Aluminium, Hauskredite – alles ist Material für dubiose Geschäfte. „Der Finanzsektor ist durch eine kaum noch überschaubare Anzahl von Nachrichten über gezielte Manipulationen und Betrügereien gekennzeichnet“, so Banken-Kritiker Rudolf Hickel.

Tatsächlich finden Trickser in der Finanzwelt gute Bedingungen vor. Denn die Produkte, mit denen dort gehandelt wird, sind extrem komplex. Dadurch wird es möglich, bestimmte Geschäfte einfach zu verstecken. Der 35-jährige Jerôme Kerviel, Händler bei der französischen Bank Société Générale, zum Beispiel hatte im Jahr 2010 zu Hochzeiten ein Investment-Volumen von 50 Milliarden Euro, das entspricht der Wirtschaftsleistung Bulgariens. Doch seine Vorgesetzten wussten davon nichts – oder behaupten das zumindest.

Die verschachtelten Finanzkonstrukte sind zum Teil so kompliziert, dass nicht einmal die Banker sie durchschauen. Er stehe „inmitten all dieser exotischen Geschäfte, die ich konstruiert habe, ohne unbedingt die Auswirkungen all dieser Monstren zu verstehen“, gestand der inzwischen verurteilte Goldman-Sachs-Banker Fabrice Tourre seiner Freundin.

Je komplexer ein Geschäft, umso schwerer ist es zu durchschauen und um so leichter zu missbrauchen. „In der Realwirtschaft hat der Kunde meistens etwas in der Hand, dessen Qualität er prüfen kann“, erklärt DIW-Expertin Schäfer. „Ich kann sehen, ob die Semmel das wert ist, was der Bäcker verlangt.“

"Der Fehler liegt im System"

Ganz anders im luftigen Spekulationsgeschäft. Hier prüft keine Stiftung Warentest den Brötchenteig. Ob ein Finanz-“Produkt“ gut ist oder nicht, hängt allein von seiner Wertentwicklung ab. Und damit von der Einschätzung der Marktteilnehmer, zu welchem Preis sie das Produkt in der Zukunft verkaufen können. Das schafft Raum für Manipulation.

So gelang es Julien Grout von der US-Bank JP Morgan, Handelsverluste von Hunderten von Millionen auf wenige Millionen herunterzurechnen. Wie? Bei der Bewertung seiner Positionen suchte Grout sich einfach aus den vielen Preisen von Brokern jene heraus, die ihm am besten passten – ohne Rücksicht darauf, ob überhaupt jemand diese Preise zahlen würde.

Grout ist in den USA inzwischen angeklagt, ebenso wie sein Vorgesetzter Javier Martin-Artajo. Andere sind bereits verurteilt, meist junge, ehrgeizige Männer. „In den Handelsabteilungen der Banken sammelt sich ein bestimmter Menschentyp“, so Schäfer. „Wer hier arbeitet, muss auf extreme Gewinne zielen und kein Risiko scheuen.“ Wie Bruno Iksil, Händler bei JP Morgan, den Kollegen wegen seiner engstirnigen Handelsstrategie „Höhlenmensch“ nannten. Dennoch sei es zu einfach, die Schuld auf überspannte Individuen abzuschieben, sagt Schäfer. „Banken entlassen einzelne Händler und gehen zur Tagesordnung über“, kritisiert die DIW-Ökonomin. „Dabei liegt der Fehler im System.“

So stehen die Bankhändler unter riesigem Druck, hohe Gewinne zu erzielen. Der verurteilte Kweku Adoboli, der seiner Bank UBS einen 2,3-Milliarden-Euro-Verlust bescherte, verteidigte sich damit, seine Vorgesetzten hätten seine Handlungen stillschweigend geduldet. Auch der angeklagte JP-Morgan-Manager Martin-Artajo beteuert, seine Anweisungen seien aus „New York“ gekommen, also aus der Zentrale. Doch der ist bislang nichts nachzuweisen.

Kleinste Differenzen, riesige Gewinne

Spekulationen eindämmen

Verbieten: Sollte er Kanzler werden, will Peer Steinbrück den Banken jedweden Handel mit Lebensmitteln und Rohstoffen verbieten. Bei einer Veranstaltung der Stiftung Familienunternehmen und der Süddeutschen Zeitung in Berlin sagte er, der Abschluss von Rohstoff-Wetten zähle nicht zu den Aufgaben eines Finanzinstituts. Gleiches gelte für den Handel mit sogenannten Kreditausfallversicherungen, der vor fünf Jahren ein Grund für den Beginn der Weltfinanzkrise war.

Hintergrund: Die Volumen der Spekulation mit Rohstoffen hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Wetten auf die Preisentwicklung von Agrarrohstoffen waren viele Jahre lang den Banken gar nicht erlaubt. Die Termingeschäfte dienten einzig Bauern und Händlern, um sich gegen Preisschwankungen abzusichern. Die Wetten der Finanzmarktspekulanten führen dazu, dass die Preisausschläge nach unten und oben extremer geworden sind.

Auch bei den US-Behörden wächst der Verdacht, dass meist nicht Einzeltäter am Werk sind, sondern dass die Banken planvoll vorgehen. So verklagt die amerikanische Regierung die gesamte Bank of America, weil sie Hypothekenpapiere über 850 Millionen Dollar als zu sicher deklariert und damit zu überhöhten Preisen verkauft haben soll. JP Morgan und Goldman Sachs wird vorgeworfen, in ihren Lagern Aluminium zu horten und damit den Preis in die Höhe zu treiben.

Zuweilen scheinen die Geldhäuser auch gemeinsam vorzugehen. So hat die EU-Kommission 13 Großbanken im Verdacht, den billionenschweren Markt für Kreditausfallversicherungen manipuliert zu haben. „Derartige Strategien funktionieren besonders gut, wenn wenige Spieler das Geschäft kontrollieren“, erklärt Schäfer.

Das ist auch bei der Festlegung sogenannter Referenzwerte der Fall. Hier lockt das ganz große Geld. Zum Beispiel beim Referenzzinssatz Libor, den die Geldhäuser über Jahre manipuliert haben. Hier geht es nicht mehr um ein Wertpapier oder einen Markt. Hier geht es um viele Märkte.

Der Libor ist der Zins, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen. Und er dient als Maßstab für viele Geschäfte, deren Wert auf insgesamt 300 Billionen Dollar geschätzt wird. Bei solchen Summen bringen kleinste Differenzen riesige Gewinne.

Wegen der Libor-Manipulationen sind bislang die britische Barclays, die Royal Bank of Scotland und die UBS mit Sitz in der Schweiz zu Strafen von insgesamt 2,5 Milliarden Dollar verurteilt worden. Gegen ein Dutzend Banken weltweit laufen die Ermittlungen noch, auch gegen die Deutsche Bank.

Der nächste Skandal droht

Noch ist der Libor-Skandal nicht ausgestanden, schon droht der nächste: Die US-Derivateaufsicht prüft, ob Banken den Referenzwert ISDAfix ebenfalls manipuliert haben. Wie der Libor basiert der ISDAfix nicht auf tatsächlichen Handelsdaten, sondern auf Angaben der Banken. An ihm orientiert sich der Markt für Zinsswaps, der ein Volumen von 380 Billionen Dollar hat. Und auch auf dem kaum regulierten Devisenmarkt – mit einem täglichen Umsatz von vier bis fünf Billionen Dollar der größte Markt der Welt – sollen Banken geschummelt haben.

„Bis vor kurzem vertraute die Welt den Banken“, so Schäfer, „die Kontrollen waren daher ungenügend.“

Hier müsse viel mehr getan werden. Referenzwerte wie Libor oder ISDAfix könnten ebenso gut von Behörden festgelegt werden, „man muss das nicht den Banken überlassen“. Tatsächlich ist der Libor den Banken inzwischen aus der Hand genommen und einer Tochter der New Yorker Börse übergeben worden, die von der britischen Finanzaufsicht überwacht wird. „Es hat diesen Skandal gebraucht, damit die Gesellschaft das Vertrauen in die Banken verliert“, sagt Schäfer.

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