Nach den jüngsten Verwerfungen an den Finanzmärkten droht den Banken eine neue Abschreibungswelle. Nach dem internationalen Bilanzierungsstandards IFRS müssen sie die Wertpapiere in ihren Handelsbüchern alle drei Monate neu bewerten. Dafür wird nicht etwa ein Durchschnittswert herangezogen, sondern der Marktwert zum Stichtag. Ausgerechnet auf den für die Bewertung maßgeblichen 30. September fiel aber die Marktreaktion auf das Scheitern des US-Rettungsplans für Banken.
"Da wird mit Sicherheit weiterer Wertberichtigungsbedarf entstehen", sagte Sebastian Reuter, Aktienanalyst bei der Privatbank Hauck & Aufhäuser. Die Befürchtung, dass die Schweizer Großbank UBS am Donnerstag auf ihrer außerordentlichen Aktionärsversammlung in Basel den Auftakt machen könnte, bewahrheitete sich jedoch nicht. Nach vier Quartalen mit Milliardenverlusten stellte das Institut für das dritte Quartal 2008 einen kleinen Gewinn in Aussicht. Das Jahr 2009 insgesamt werde profitabel ausfallen, teilte die UBS vor Beginn des Aktionärstreffens mit. Eine Generalentwarnung für den Finanzsektor halten Experten jedoch nicht für angebracht. "Es ist keine Frage, dass die jüngste Marktpreisentwicklung auf die Bilanzen der Banken durchschlagen wird", sagte der selbstständige Ratingexperte Thomas von Lüpke. "Die Zeiten sind für die Banken spannender als ihnen lieb sein kann."
Aller Wahrscheinlichkeit nach werden neue Abschreibungen die Vertrauenskrise noch verschärfen. Immer wieder wehren sich Banker wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann gegen den Vorwurf, die Belastungen in Folge der Krise nur scheibchenweise einzugestehen. Tatsächlich sind sie durch die Bilanzierungsregeln dazu gezwungen.
Den US-Banken könnte dies dagegen zumindest von diesem Quartal an erspart bleiben. Denn gestern hat ihnen die US-Wertpapieraufsicht SEC mehr Spielraum bei der Bewertung ihres Handelsbestands eingeräumt. Wenn Wertpapiere wegen der aktuellen Turbulenzen de facto unverkäuflich sind, müssen sie künftig nicht mehr zu Schleuderpreisen bewertet werden. Die Bewertung darf von jetzt an auf Schätzungen des Managements basieren.
Bislang haben die Banken rund um den Globus mehr als 550 Milliarden Dollar für wackelige Kredite und darauf basierende Wertpapiere abgeschrieben. Wie groß die neue Belastung ausfällt, ist nicht absehbar. "Der zusätzliche Abschreibungsbedarf könnte aber dazu führen, dass einige deutsche Institute einen Jahresfehlbetrag ausweisen", sagte Jörg Birkmeyer, Kreditanalyst bei der DZ Bank.
Die Analysten von JP Morgan rechnen damit, dass die europäischen Banken im zweiten Halbjahr noch einmal mehr als 28 Milliarden Euro abschreiben müssen. Dazu würden vor allem die Wertverluste bei forderungsbesicherten US-Anleihen nach der Lehman-Pleite und bei stark gehebelten Übernahmefinanzierungen beitragen. Zu den am härtesten betroffenen Instituten werde die Deutsche Bank mit Abschreibungen von 4,5 Milliarden Euro zählen. An der Spitze rangiere die britische Großbank Lloyds mit 5,7 Milliarden.
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