Nachdem sie Anfang der Woche den europäischen Staaten mit einer Abstufung ihrer Bonitätsnote gedroht hat, nimmt die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) jetzt die Großbanken Europas ins Visier. Völlig unbeeindruckt von der harschen Kritik, die auf sie niederprasselt, hat S&P zu einem Rundumschlag ausgeholt und mehrere große Kreditinstitute unter verschärfte Beobachtung gesetzt. Neben Deutscher Bank und Commerzbank prüft die US-Agentur eine Herabstufung der französischen Geldhäuser BNP Paribas, BPCE, Crédit Agricole und Société Générale, der britischen Großbank Barclays, der österreichischen Kontrollbank und der italienischen Großbank Unicredit.
Für den aktuellen Blitz-Stresstest forderte die europäische Bankenaufsicht EBA mindestens neun Prozent hartes Kernkapital von Europas Banken: Bis Ende Juni 2012 müssen die Institute diesen Wert erreichen. In dem Test ermittelten die Aufseher, wie groß die Kapitallücke der Geldhäuser bei einer Bewertung der von ihnen gehaltenen Staatsanleihen zu Marktpreisen ist.
Den Bedarf an frischem Kapital hatte die EBA Ende Oktober auf gut 106 Milliarden Euro beziffert. Die Kennzahl wird berechnet, indem man das Kernkapital (damit ist das unmittelbar haftende Eigenkapital gemeint) durch die Summe der Risikoposten (etwa Kredite und Wertpapiere) teilt. Die Kernkapitalquote sagt also aus, inwieweit die Risikopositionen durch eigene Mittel gedeckt sind, sprich wie dick der Risikopuffer der Bank ist. Die Kernkapitalquote gilt darum als wichtige Zahl, um Stabilität und Stärke einer Bank zu beurteilen. Wer mehr Kernkapital hat, kann Verluste besser abfedern.
Die EU-Aufseher hatten beim letzten großen Stresstest im Sommer 2011 als Untergrenze fünf Prozent hartes Kernkapital von Europas Banken gefordert.
Ebenso stellte die Agentur die Bonität der staatlichen deutschen Förderbank KfW unter verschärfte Beobachtung, wodurch deren Top-Rating AAA bedroht ist. S&P begründete die Aktion mit der „kritischen Rolle“ der Förderbank angesichts ihres öffentlichen Auftrags. Zudem verweist die Agentur auf ihre enge Verzahnung mit dem deutschen Staat.
Der Schlag gegen die Banken kommt nicht unerwartet. Vielmehr ist er die Folge der Ankündigung der Bonitätswächter vom Montag, die Ratingeinstufung von 15 der 17 Euro-Länder und damit auch für die sechs Staaten mit der Top-Kreditwürdigkeit AAA wegen der sich immer weiter zuspitzenden europäischen Schuldenkrise zu überprüfen. Denn die Bonitätsnoten der Banken orientieren sich zu einem maßgeblichen Teil an denen ihrer Heimatländer. Für die Staatsbank KfW gilt diese Verknüpfung sogar noch stärker. „Das ist keine Überraschung“, sagte denn auch eine KfW-Sprecherin zur Ankündigung von S&P.
Refinanzierung verteuert sich
Für die Überprüfung der Kreditwürdigkeit der Banken hat die Ratingagentur nun maximal 90 Tage Zeit. Sie hat aber bereits angekündigt, dass sie ihre Entscheidung so schnell wie möglich nach Abschluss des EU-Gipfels bekanntgeben werde.
Sollte es tatsächlich zu einer Abstufung kommen, würde das die Refinanzierung der Banken deutlich verteuern und damit erschweren. Denn ein gutes Rating ist die Voraussetzung dafür, dass sich die Geldhäuser zu günstigen Konditionen frisches Geld am Kapitalmarkt besorgen können. Fällt dagegen die Bonitätsnote, steigen die Zinsen für das geliehene Geld.
Ungemach droht den Banken auch von dem Blitz-Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht (EBA), der nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe veröffentlicht werden sollte. Aus Finanzkreisen verlautete vorab, dass den europäischen Großbanken insgesamt 114,7 Milliarden Euro fehlten, um in der Euro-Schuldenkrise zu bestehen. Bislang war man von einer Lücke von 106 Milliarden Euro ausgegangen. Diese Rechnung basierte aber auf Daten, die lediglich die Entwicklung bei den Banken bis Mitte des Jahres abgebildet hatten.
Die Kapitallücke der deutschen Geldhäuser soll 13,1 Milliarden Euro betragen. Das größte Loch unter den deutschen Instituten mit bis zu fünf Milliarden Euro wird bei der Commerzbank erwartet, an der der Staat ein Viertel hält. Der Deutschen Bank fehlen nach früheren Angaben aus Kreisen drei Milliarden Euro.
Rund drei Milliarden Euro der Gesamtlücke der deutschen Banken fehlen aber lediglich auf dem Papier. Der Grund: Die Europäische Bankenaufsicht hat die bereits in die Wege geleitete Kapitalaufstockung der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) und der NordLB nicht anerkannt, weil sie erst nach dem Stichtag für den Stresstest Ende September umgesetzt wurde. (mit Reuters)
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