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16. September 2014

Baubeginn für Versandlager nahe Prag: Amazon liefert künftig aus Tschechien

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Bereits seit Juli laufen die Erdarbeiten für die Errichtung des Amazon-Versandlagers in Dobrovíz bei Prag.  Foto: Imago/CTK Photo

Monatelang bekämpfen Bürger eines Dorfs nahe Prag den Bau eines großen Amazon-Versandlagers. Als der US-Konzern finanzielle Zugeständnisse macht, ändern sie allerdings ihre Meinung. Die Errichtung eines zweiten Logistikzentrums in Brünn scheitert hingegen am Widerstand von Bürgern und Politik.

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Stolz präsentieren die fünf Herren in dunklen Anzügen den silbernen Zylinder mit der Erinnerungsurkunde bevor sie ihn im Grundstein verschwinden lassen. Für Politiker und Vertreter der Immobilienwirtschaft ein Routinevorgang. Doch die Grundsteinlegung, die Ende vergangener Woche im Dorf Dobrovíz vor den Toren der tschechischen Hauptstadt Prag über die Bühne gegangen ist, bedeutet weit mehr als bloß die Errichtung einer neuen Gewerbeimmobilie. Die 95 000 Quadratmeter messende Halle wird immerhin das größte gewerblich genutzte Mietobjekt in Tschechien sein und auch der Mieter steht schon fest: Der US-amerikanische Internethändler Amazon wird hier ein neues Logistikzentrum errichten.

"Dieses Projekt zeigt die wachsende Bedeutung der Tschechischen Republik in Mitteleuropa und der Welt", verkündete Tim Collins, Amazon-Gebietsleiter für Europa, anlässlich der Grundsteinlegung überschwänglich. Seine Lobeshymne auf Tschechien gilt wohl vor allem den zuständigen Politikern, die sich bemüht haben, Amazon die Realisierung des Projektes so einfach wie möglich zu machen. Dabei haben sie auch vor einem Konflikt mit den Dorfbewohnern nicht zurückgeschreckt.

Diese leisteten nämlich viele Monate lang erbitterten Widerstand gegen den Bau der Riesenhalle, in der schon in wenigen Monaten Tausende Angestellte Pakete für den US-Versandriesen Amazon zusammenstellen werden. Das gewaltige Objekt zerstöre das Ortsbild und ziehe jede Menge Schwerverkehr an, klagten die Bürger von Dobrovíz, denen bereits der Lärm des nahe gelegenen Prager Flughafens zu schaffen macht.

Schnell war eine Bürgerinitiative gegründet, es folgten zähe Verhandlungen mit dem Investor, der die Halle im Auftrag von Amazon errichtet, auch der Landkreis Mittelböhmen und das Wirtschaftsministerium in Prag schalteten sich ein. Mal war die Rede vom Bau vier kleinerer Hallen, die im Raumordnungsplan für das bestehende Gewerbegebiet bereits berücksichtigt waren, mal sah es so aus, als könnte das Projekt scheitern. Damit wollten sich allerdings Kreisregierung und Wirtschaftsministerium nicht abfinden: Zu groß war die Sorge um das Image des Wirtschaftsstandortes Tschechien, zu verlockend die Aussicht auf neue Arbeitsplätze und zusätzliche Steuereinnahmen.

Auslieferung vor allem nach Deutschland

Und auch Amazon hatte großes Interesse daran, sein neues Versandlager genau an diesem Standort zu errichten. Schließlich betreibt der US-Konzern in Dobrovíz bereits seit dem vergangenen Jahr ein Logistikzentrum, das von deutschen Kunden retournierte Waren entgegennimmt und weiterverarbeitet. Auch die Nähe zum Prager Flughafen und zur Autobahn Richtung Bayern spricht aus der Sicht von Amazon klar für die Lage des neuen Versandlagers.

Denn beliefert werden sollen von der Region Prag aus nicht etwa tschechische Kunden. Die sind für Amazon keine wichtige Zielgruppe: Bis heute gibt es nicht einmal eine tschechische Version des Amazon-Onlineshops; wer in Tschechien etwas bei Amazon bestellen will, muss dies über den deutschen oder den englischen Internetauftritt des Konzerns tun.

Vielmehr sollen von Dobrovíz aus hauptsächlich Kunden in Deutschland beliefert werden. Dieser Plan ist Teil einer neuen Logistikstrategie von Amazon, die für die Bedienung des deutschen Marktes auf relativ grenznahe Logistikzentren in den östlichen Nachbarländern setzt. In Polen hat das Unternehmen bereits zwei ähnlich große Versandlager eröffnet. Für Amazon ein eleganter Weg, den zunehmenden Problemen mit unzufriedenen Mitarbeitern und aufsässigen Gewerkschaften in Deutschland und anderen westeuropäischen Staaten aus dem Weg zu gehen. Ein Zusammenhang, den der Konzern freilich so nicht sehen will.

Vor allem aber lässt sich mit diesem Modell bei den Lohnkosten kräftig sparen: Zwar hat die tschechische Regierung gerade erst gegen den Widerstand der Industrie- und Wirtschaftsverbände eine Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns durchgesetzt. Mit umgerechnet rund 330 Euro liegt er aber immer noch weit unter westeuropäischem Niveau. In Polen bietet Amazon nach Berichten dortiger Medien seinen Mitarbeitern einen durchschnittlichen Stundenlohn von umgerechnet knapp vier Euro.

Dieses starke Lohngefälle lässt selbst die höheren Transportkosten nicht weiter ins Gewicht fallen. Zudem bleibt ein Großteil er Logistikkosten ohnehin bei den deutschen Verlagen hängen, die in Zukunft einen bedeutenden Teil ihrer Auflage nach Polen und Tschechien liefern müssen.

Mehrkosten für deutsche Verlage

Deutsche Zwischenhändler schätzen, dass in Zukunft rund 40 Prozents ihres Liefervolumens an Amazon den Umweg über Polen oder Tschechien machen werden. Das bedeutet für Händler und Verlage nicht nur höhere Transportkosten: „Uns als Zwischenbuchhändler graut es jetzt schon vor dem erhöhten Regelungs- und Verwaltungsaufwand, ganz zu schweigen von der Zunahme der Komplexität in der Kommunikation", so Matthias Heinrich vom Großhändler Brockhaus Commission gegenüber dem Börsenblatt des Deutschen Buchhandels.

„Auf Basis der bisherigen Vereinbarungen (portofreie Lieferung) müssten die Verlage trotz unserer verlagsübergreifenden Bündelung mit etwa doppelt bis viermal so hohen Transportkostenbelastungen rechnen“, prognostiziert Jochen Mende von der Verlagsauslieferung Prolit.

Timothy Collins (Amazon-Gebietsleiter für Europa), Pavel Sovička (Immobiliengesellschaft Panattoni Europe), Jan Mládek (tschechischer Wirtschaftsminister), Miloš Petera (Kreishauptmann von Mittelböhmen) und Martin Šafr (Bürgermeister von Doborvíz) bei der Grundsteinlegung für das neue Amazon-Versandlager nahe Prag.  Foto: Imago/ČTK Photo

In Dobrovíz im Prager Speckgürtel hofft man unterdessen, dass die Arbeiten am neuen Logistikzentrum von Amazon möglichst rasch voranschreiten. Schließlich verspricht der Konzern die Schaffung von mindestens 1700 ständigen Arbeitsplätzen, hinzu kommen bis zu 3000 weitere Stellen für Saisonarbeiter.

Zwar herrscht in der Hauptstadtregion nahezu Vollbeschäftigung und einzelne Branchen kämpfen dort sogar schon mit einem Mangel an Arbeitskräften. Doch für viele Arbeitssuchende aus wirtschaftlich benachteiligten Regionen im Nordwesten des Landes böte das Amazon-Versandlager die Chance auf eine Anstellung, gibt man sich im Wirtschaftsministerium in Prag überzeugt. "Ich hoffe, dass Amazon weitere bedeutende Investoren anziehen wird", sagt der sozialdemokratische Wirtschaftsminister Jan Mládek.

Sein Parteifreund Miloš Petera, Chef der Lokalregierung von Mittelböhmen, mahnt Amazon allerdings zur Fairness: "Ich gehe davon aus, dass Leiharbeiter bei Amazon nur in der unbedingt nötigen Anzahl arbeiten werden und dass die Mehrheit der Arbeitskräfte fest angestellte Mitarbeiter aus unserer Region sein werden."

Zufrieden mit dem Bau des neuen Amazon-Logistikzentrums ist inzwischen auch die Bürgerinitiative "Bürger für Dobrovíz", die das Projekt monatelang bekämpft hatte. "Dadurch, das Amazon mit uns nicht kommuniziert hat, haben sie unnötiger Weise ein ganzes Jahr verloren. Es hätte schon längst alles geregelt sein können. Jetzt ist bereits alles in Ordnung, im Moment haben wir keinerlei Vorbehalte", sagte Bürgeraktivist Martin Dostalík dem tschechischen Nachrichtenportal Idnes.cz.

Ein überraschender Sinneswandel, für den der US-Internethändler einiges an Geld in die Hand genommen hat: Eine Million Kronen, umgerechnet etwa 36 000 Euro, fließen in Zukunft pro Jahr direkt in die Gemeindekasse, außerdem finanziert Amazon die Modernisierung der Kläranlage und verpflichtet sich, bis zum kommenden Jahr für rund zweieinhalb Millionen Euro eine Umgehungsstraße zu bauen. Weitere finanzielle Mittel verspricht der Konzern für Sozialprojekte und die Verbesserung der medizinischen Versorgung im Ort.

Alles nur eine Frage des Geldes scheint die Devise zu lauten, nach der sich Amazon im Umgang mit widerspenstigen Bürgern richtet.

Heftiger Widerstand gegen zweiten Standort

Eine Taktik, die Amazon auch am zweiten geplanten Standort für ein Versandlager in Tschechien anzuwenden versucht hatte. Doch in Brünn, der zweitgrößten Stadt des Landes, blieben Bürger und Lokalpolitiker bei ihrer Ablehnung: Das riesige Logistikzentrum bringe eine Verkehrslawine und damit einen massiven Verlust an Lebensqualität mit sich.

Obwohl Wirtschaftsminister und Oberbürgermeister bis zuletzt massiv für das Projekt geworben hatten, weigerten sich die Stadtverordneten das neue Raumordnungskonzept zu beschließen. Eine "Dummheit", schimpfte Staatspräsident Miloš Zeman öffentlich über diese Entscheidung, die Amazon schließlich dazu brachte, das Projekt aufzugeben.

Nun sucht das Wirtschaftsministerium gemeinsam mit Regionalpolitikern nach einem neuen Standort für das zweite tschechische Amazon-Versandlager. Das Ministerium favorisiert einen Standtort in einer strukturschwachen Region mit hoher Arbeitslosigkeit, Amazon legt Wert auf gute Erreichbarkeit. "Dazwischen müssen wir einen Kompromiss finden", sagt Wirtschaftsminister Mládek.

Klar scheint außerdem zu sein, dass das zweite Amazon-Logistikzentrum im östlichen Landesteil angesiedelt wird. Denn dem Vernehmen nach plant der Internethändler von dort aus vor allem das nahe Österreich mit seinen Waren zu beliefern.

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