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20. Februar 2016

Bier: Von wegen Reinheitsgebot

 Von 
Hopfen und Malz.  Foto: Michael Schick

Brauer wollen immer häufiger Biere mit besonderen Zutaten herstellen. Am 23. April feiert das bayrische Reinheitsgebot seinen 500 Geburtstag.

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Es gilt als ältestes noch gültiges Verbraucherschutzgesetz der Welt: Am 23. April wird das bayerische Reinheitsgebot für Bier, das 1906 per Reichsgesetz zum gesamtdeutschen wurde, 500 Jahre alt. Die Branche feiert sich deshalb ausgiebig. Zu verdanken haben Deutschlands Bierbrauer das dem bayerischen Herzog Wilhelm IV. und seinem Bruder Ludwig X., die vor einem halben Jahrtausend in Ingolstadt per Verordnung bestimmt haben, dass Brauer fortan nur noch Wasser, Hopfen und Gerstenmalz verwenden dürfen. Ein Stück Verbraucherschutz war das schon deshalb, weil im Mittelalter immer wieder Stechapfel, Binsenkraut oder Tollkirsche ins Gebräu gewandert sind, um dessen Wirkung zu steigern – oft mit fatalen Folgen. Dennoch sind heute nicht alle Brauer immer glücklich mit dem Reinheitsgebot.

Genehmigungspraxis variiert

„Das ist nur ein perfekter Marketingspruch mit Schlupflöchern und es behindert einige Bierinnovationen“, sagt der Brauer Oliver Wesseloh von der Hamburger Kreativbrauerei Wiederkehr. Er ist auch Ex-Weltmeister der Biersommeliere, sollte also wissen, wovon er spricht. Rechtlich verbindlich sei hierzulande schon mal nicht das Reinheitsgebot, sondern das vorläufige Biergesetz von 1993, erklärt der Brauer. Das erlaube zum Beispiel bei obergärigem Bier wie Kölsch und Weizen die Verwendung bestimmter Zuckersorten und auch Hilfsmittel wie Kieselgur und einen Kunststoff namens PVPP, der Trübstoffe, aber auch Geschmack aus dem Gerstensaft filtere. In den meisten Bundesländern würden die Behörden zudem auf Basis des vorläufigen Biergesetzes das Brauen sogenannter besonderer Biere genehmigen.

Im Fall der Köstritzer Brauerei in Thüringen war das vor kurzem Witbier nach traditionell belgischer Brauart unter Verwendung von Koriander und Orangenschalen. Weniger Glück hatten Kollegen des bayerischen Craft-Brauers Camba Bavaria, die Milch-Stout nach britischer Rezeptur in ihren Kesseln angerührt hatten. Craft-Brauer sind wie Camba junge Kleinbrauereien, die alte Bierrezepte wiederentdecken, ausländische Spezialitäten auch in Deutschland brauen oder einfach experimentieren wollen.

Craft-Biere, die vor allem in den USA für Furore sorgen, schwappen immer mehr auch nach Deutschland und seien gerade sehr gefragt, sagt Camba-Geschäftsführer Götz Steinl. Für das Stout habe man nach Originalrezept Röstgerste und Milchzucker verwendet, nichts Unnatürliches wie Enzyme oder Aromen. Kein Bier zumindest nach bayerischer Interpretation des vorläufigen Biergesetzes und Verbrauchertäuschung, fanden die Behörden des Freistaats. Am Ende musste Camba eine Palette Stout entsorgen und das Brauen der Sorte einstellen. Niemand habe trotz intensiver Nachfragen sagen können, wie man das Stout etikettieren müsse, um es hier zu Lande produzieren zu dürfen, klagt Steinl. „Verstehen Sie mich nicht falsch, wir sind Fans des Reinheitsgebots“, sagt er. Aber 40 Kilometer weiter in Österreich dürfte man Stout brauen und das Bier wie britische Brauereien auch in Deutschland verkaufen. Camba dagegen habe das Nachsehen.

Bier braucht Rechtssicherheit

Die Bayern sind nicht allein. „In der Branche rumort es“, sagt ein Insider aus dem Zentrum der Branche. Die meisten Bundesländer würden besondere Biere manchmal erlauben. Bayern und Baden dagegen interpretieren das Reinheitsgebot grundsätzlich streng. Dass es an einer bundesweit eindeutigen Regelung mangle, zeige schon das Adjektiv „vorläufig“ im hiesigen Biergesetz.

Beim deutschen Brauerbund verweist man darauf, dass es 170 natürliche Sorten von Aromahopfen mit Geschmacksrichtungen wie Grapefruit oder Litschi gebe, 40 Malzsorten, die Bier nach Schokolade oder Karamell schmecken lassen, und 200 Hefestämme. Daraus könne man mathematisch gesehen rund eine Million verschiedene Biere brauen auf Basis des Reinheitsgebots. Das schränke Craft-Brauer nicht besonders ein, auch wenn das Biergesetz nicht überall in Deutschland gleich gehandhabt werde.

Der Trend zu und die Suche nach Bierspezialitäten sei unverkennbar, freut man sich beim bayerischen Brauerbund. Davon profitiere die traditionelle Vielfalt bayerischer Biere besonders. Speziell Craft-Biere würden das Biergesetz aber strapazieren und hätten einen bundesweiten Flickenteppich regional unterschiedlicher Genehmigungspolitiken geschaffen, räumt Brauerbund-Präsident Friedrich Düll ein. Auch in Bayern müsse eine Lösung her, um anderen natürlichen Rohstoffen als denen aus dem Reinheitsgebot, die Tür zu öffnen. Aber vor allem sei es am Gesetzgeber, aus dem vorläufigen endlich ein bundesweit einheitliches Biergesetz zu machen. Auch Bier brauche Rechtssicherheit.

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