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10. Juli 2012

Bildung in Südkorea: Zu gut ausgebildet für den Arbeitsmarkt

 Von Jakob Schlandt
Südkoreanische Schulkinder bereiten sich schon früh auf den Einstieg ins Berufsleben vor.Foto: dpa

Südkorea leidet unter einer ungewöhnlichen Wirtschaftssituation: Es gibt zu vielen Uni-Absolventen und das hat drastische Folgen für den Arbeitsmarkt. Meister-Schulen nach deutschem Vorbild sollen das Problem lösen.

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SEOUL –  
arbeitsmarkt

Wenig rentabel: Wer in Südkorea studiert, erhöht sein Einkommen damit weniger als in vielen anderen Ländern. Es gibt zu viele Absolventen, damit sinkt der Wert der Qualifikation.
Viel Arbeit: Südkoreas wirtschaftlicher Aufstieg in den vergangenen Jahrzehnten von einem der ärmsten zu einem der reichen Länder hat die Arbeitslosenquote niedrig gehalten.

Vor dem Pisa-Test hat in Südkorea keiner Angst. Schließlich liegt das 50-Millionen-Einwohner-Land zusammen mit Finnland stets ganz vorn. Die Bevölkerung gilt als exzellent ausgebildet. Im Ausland wirbt Korea mit seinen hoch qualifizierten Beschäftigten um Investoren. Die Schüler sind wissbegierig und fleißig, fast alle wollen an die Uni und haben große Karrierepläne. Und die Regierung unterstützt sie mit Bildungsausgaben, die zu den höchsten der Welt zählen.

Ein Bildungsparadies im Vergleich zu Deutschland, so scheint es auf den ersten Blick. Doch ausgerechnet in Korea wächst die Unzufriedenheit. Die Befürchtung macht sich breit, dass das Land sich in die Falle gepaukt hat – die „Überbildungsfalle“. Inzwischen wird sogar neidisch ins Ausland geguckt – und ausgerechnet Deutschland ist das neue Vorbild.

        

Jungpyo Kong, 26, ist Student in Seoul und möchte bei einem Großkonzern unterkommen.
Jungpyo Kong, 26, ist Student in Seoul und möchte bei einem Großkonzern unterkommen.

Zu viel Bildung – geht das überhaupt? Es kommt wohl auf die Definition an. Zu viel Bildung, das heißt in Südkorea zu viel Zwang, zu einseitige Erfolgskriterien, und vor allem: Zu viele Akademiker. Sagenhafte 86 Prozent aller Highschool-Absolventen (die von fast allen Schülern besucht wird) beginnen mit einem Studium. Mehr als 70 Prozent der jungen Südkoreaner gehen an die Uni – in Deutschland sind es nach einem deutlichen Anstieg in den vergangenen Jahren nur etwas mehr als 40 Prozent. Deutlich mehr als die Hälfte der jüngeren Südkoreaner hat laut OECD einen Uni-Abschluss. Das ist wohl Weltrekord.

Einer von diesen Absolventen ist bald Jungpyo Kong. Der 26-Jährige studiert Management und Deutsch an der prestigeträchtigen Hongdae Universität in Seoul und wird kommendes Jahr abschließen. „Es wird immer schwerer auf dem Arbeitsmarkt für uns, selbst wenn man von einer guten Uni kommt“, sagt er. Ein wenig Bange ist ihm vor der Zukunft schon. Eine Freundin, erzählt er, arbeite ein Jahr nach ihrem Abschluss immer noch als Teilzeit-Assistentin. Reportagen im Fernsehen und den großen Tageszeitungen Südkoreas berichten über drastischere Beispiele. Nach vier Jahren Studium muss manch Uni-Absolvent noch eine weitere und keineswegs erwünschte Ausbildung dranhängen: Zum Barmann bei der Kaffeekette Starbucks etwa. Wohin soll das Land auch mit all den hoch qualifizierten Absolventen? Auch in Korea muss Arbeit an den Fließbändern, mit dem Schraubschlüssel oder dem Putzeimer in der Hand verrichtet werden. Auf Arbeitsmigration wird weitgehend verzichtet. Südkorea hat eine Ausländerquote von knapp zwei Prozent. Und so bleiben zwangsläufig viele Koreaner nach dem Studium mit ihren Träumen auf der Strecke. Für sie ist das nicht nur schmerzlich, sondern ein Alptraum. Denn der soziale Status hängt stark mit dem formellen Rang zusammen, das ist dem einflussreichen Konfuzianismus in Südkorea zuzuschreiben.

        

Byoung-Ho Choi, 40, erlebt als Lehrer täglich, wie hoch der Druck ist, auf die Uni zu gehen.
Byoung-Ho Choi, 40, erlebt als Lehrer täglich, wie hoch der Druck ist, auf die Uni zu gehen.
Foto: Jakob Schlandt (2)

Scharfer Kontrast zu Deutschland

Der Kontrast zu Deutschland ist scharf. Bei uns hat das Handwerk sprichwörtlich goldenen Boden. Ein Mechatroniker bei Daimler hat es in den Augen vieler weiter gebracht als ein Doktor der Philosophie, der sich von einem schlecht bezahlten Job zum nächsten hangelt. Das wäre in Korea eher andersherum.

Wie viel formelle Bildung und Hierarchie in Korea zählen, zeigt sich auch im Umgang mit den Lehrern. Byoung-Ho Choi sitzt an einem Samstagmorgen unter einem Sonnenschirm im Innenhof seiner Schule, einer Highschool in einem wohlhabenden Vorort im Südosten der Stadt. Hin und wieder kommt ein Schüler vorbei und grüßt den Englischlehrer ehrfürchtig. „Unser Bildungssystem ist wirklich in Schwierigkeiten“, sagt Choi. „Es geht nur darum, in den wichtigen Abschlussprüfungen die besten Noten zu bekommen, um auf eine der Top-Universitäten zu kommen.“

Kreativität, Zeit, sich selbst zu entdecken und die Persönlichkeit zu entwickeln? Das gebe es auf der Highschool kaum, beklagt Choi. Die Probleme, die daraus resultieren, sind sogar wissenschaftlich untersucht worden: Das südkoreanische Bildungsministerium kam voriges Jahr zum Schluss, dass die Fähigkeit, Autoritäten und Sachverhalte in Frage zu stellen, bei den Studenten nur sehr schwach ausgeprägt sei.

Choi hat einige Monate in Deutschland gelebt, mit Frau und Tochter in Bochum. Die Schule habe ihr viel besser gefallen dort, sagt er. „Sie fand es viel abwechslungsreicher und interessanter als in Korea.“ Gegen die übermächtige Bildungsmaschine in Korea komme ein einzelner Lehrer natürlich nicht an. Auch Choi wird daran gemessen, wie viele Absolventen eines Jahrgangs es auf die besten Unis schaffen. „Aber ich versuche, auf die Eltern und Schüler einzuwirken: Denkt doch noch mal in Ruhe nach, was ihr wirklich vom Leben wollt und ob ein Studium unbedingt nötig ist.“

Eine gute Berufsausbildung ohne Uni, angesehene Lehrberufe, hohe und praxisbezogene berufliche Qualitätsstandards: Das sind genau die Lücken im koreanischen Bildungssystem, die dem Land wehtun. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie von SERI, dem Forschungsinstitut des Samsung-Konzerns, sind 42 Prozent aller Uni-Absolventen in Korea überqualifiziert – oder besser: Nicht richtig qualifiziert, sondern „überbildet“. Der Schaden für die Wirtschaft beträgt jährlich mehr als 13 Milliarden Euro.

"Wir brauchen Facharbeiter"

Diese Verluste spüren auch die koreanischen Industrieunternehmen. Woo-Sung Shin ist Chef der koreanischen Tochter des deutschen Chemieriesen BASF, der dort erfolgreich mehrere große Werke betreibt. 500 Büroangestellte hat Shin in Forschung und Verwaltung – und keine Probleme, die Stellen zu besetzen. Anders sieht es bei den 1500 teils hoch qualifizierten Arbeitern aus, die der Konzern beschäftigt. „Wir brauchen mehr Facharbeiter mit guter Ausbildung“, beklagt er. Shin weiß auch schon, woran sich Korea orientieren sollte: „An Deutschland, wir können sehr viel von euch lernen.“

Tatsächlich haben die Südkoreaner 2010 eine Berufsausbildungsoffensive gestartet. 21 „Meister“-Highschools – sie tragen den deutschen Namen – sollen das Bildungssystem langsam nach unten erweitern und gleichzeitig höchste Qualität bieten. Ein Jahr zuvor hatte es Schelte von der OECD gegeben, die die schlechte Berufsausbildung in Südkorea kritisierte. Übrigens: Die OECD mokierte sich jahrelang über die zu niedrige Zahl an Uni-Absolventen in Deutschland.

Auf dem Programm der „Meister“-Schulen steht eine duale Ausbildung wie bei den meisten Lehrberufen in Deutschland. Doch das in Deutschland historisch langsam gewachsene System, bei dem der Staat, die Unternehmen und die Gewerkschaften eng zusammenarbeiten, lässt sich natürlich nicht schnell nach Südkorea transplantieren. Gerade einmal 3600 Schüler gingen zuletzt auf die Meister-Schulen. Die Zeitung Korea Times berichtete kürzlich, dass sie schwer mit „sozialen Vorurteilen“ zu kämpfen haben.

Auch Jungpyo Kong, der Student aus Seoul, hält Meister-Schulen für eine gute Idee. Doch er selbst möchte lieber machen, wovon die meisten jungen Koreaner träumen: Erst studieren, dann einen angesehenen Bürojob ergattern. „Bei Samsung oder LG würde ich gerne arbeiten.“ Das sind die erfolgreichen Elektronik-Riesen. Berufserfahrung hat der 26-Jährige kaum – wie viele Studenten, die ein hohes Lernpensum bewältigen müssen. „Diesen Sommer möchte ich unbedingt ein Praktikum machen“, sagt er. „Ich hoffe, dass es noch klappt.“

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