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Biogas: Von wegen Klimaschutz

Anlagen für Biogas haben grundsätzlich ein großes ökologisches Potenzial. Doch einer neuen Studie zufolge verstärken viele den Klimawandel wegen technischer Mängel sogar. Von Joachim Wille.

Aus Gülle wird Biogas: Die Anlage in Samswegen bei Magdeburg produziert im Jahr fünf Millionen Kilowattstunden Strom.
Aus Gülle wird Biogas: Die Anlage in Samswegen bei Magdeburg produziert im Jahr fünf Millionen Kilowattstunden Strom.
Foto: ddp

Biogas boomt - es gilt als ideale Öko-Energie, um den Klimaschutz zu verbessern und die Abhängigkeit von Energieimporten zu senken. Doch es gibt Biogas-Anlagen, die dem Klima mehr schaden als nützen. Sie müssen dringend technisch nachgerüstet werden. Das zeigt eine neue Studie des Bundesumweltministeriums, die der Frankfurter Rundschau vorliegt.

Grundsätzlich hat Biogas ein großes Potenzial, um Strom und Wärme zu liefern oder fossiles Erdgas zu ersetzen. Die vom Gabriel-Ministerium beauftragten Wissenschaftler schätzen, dass fünf Prozent des deutschen Stromverbrauchs aus den grünen Kraftwerken kommen können. Allerdings warnen sie vor Fehlentwicklungen, die dem Umwelt- und Naturschutz schaden.

In den Anlagen werden Reststoffe aus der Landwirtschaft wie Gülle und Grünschnitt sowie Energiepflanzen wie Mais eingesetzt. Daraus entsteht in Fermentern ein brennbares, methanhaltiges Gas, das Strom-Generatoren antreibt oder - bislang aber erst in geringem Maß - aufbereitet und ins Erdgas-Netz eingespeist wird.

Unverbranntes Methan entweicht

Die Umweltforscher zeigen nun, dass bei der Mehrzahl der etwa 4000 Anlagen in Deutschland Methan unverbrannt in die Atmosphäre entweicht. Das ist problematisch, da Methan ein sehr stark wirkendes Treibhausgas ist. "Die Emissionen können so hoch sein, dass die Wirkung der CO2-Einsparung aufgehoben wird und in Extremfällen die Treibhaus-Wirkung unter dem Strich sogar noch steigt", kommentiert Experte Guido Reinhardt vom Heidelberger Institut für Energie- und Umweltforschung (Ifeu), der die Studie leitete.

Das Hauptproblem sind die Lager, in denen die Gär-Reste aus der Fermentierung gesammelt werden, bevor sie als Dünger auf den Äckern landen. Darin entstehen teils noch erhebliche Methan-Mengen. Über die Hälfte der Anlagen hat keine Abdeckung über den Lagern, beim Rest sind rund 50 Prozent nicht dicht abgedeckt.

Bei offenen Lagern können bis zu 15 Prozent des insgesamt erzeugten Methans in die Atmosphäre entweichen. Reinhardt: "Aus Klimaschutz-Sicht ist das fatal." Kritisch sei auch die Belastung mit dem Schadstoff Ammoniak, der in dem Material konzentriert ist. Er ist neben Autoabgasen für den saueren Regen verantwortlich.

"Entwicklung sollte zurückgedreht werden"

Da nur ein Teil der Öko-Kraftwerke nach gutem Standard arbeitet, fordern die Forscher, die restlichen Anlagen mit dichten Abdeckungen nachzurüsten. Der Aufwand hierfür sei oft vertretbar, meinen die Fachleute - weil die Anlagen dann mit dem aufgefangenen Methan auch mehr Strom und Wärme produzieren können. Die Genehmigungsvorschriften sollten entsprechend verschärft werden.

Die Untersuchung identifiziert aber noch weitere Problemfelder der Biogas-Nutzung. Eins davon: Zunehmend werden Energiepflanzen wie Mais und Getreide in den Anlagen eingesetzt, während die Nutzung von Gülle und anderen Grün-Reststoffen stagniert. Ausgelöst wurde diese ökologisch kontraproduktive Verdrängung durch einen finanziellen Anreiz im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Biogas-Produzenten erhalten eine höhere Strom-Einspeisevergütung, wenn sie nachwachsende Rohstoffe einsetzen.

Die Folge: Nur 15 Prozent der Gülle, die bei der Viehhaltung in den Bauernhöfen anfällt und ein großes Entsorgungsproblem darstellt, wird in Biogas-Anlagen genutzt. "Diese Entwicklung sollte zurückgedreht werden", meint Ifeu-Mann Reinhardt. "Solange es noch in rauen Mengen ungenutzte Gülle gibt, müsste man sie zuerst nutzen". Auch Abfälle aus Bio-Tonne und Garten könnten stärker zur Energiegewinnung eingesetzt werden - mit deutlich positiver Klimawirkung. Derzeit landen nur zehn Prozent in Biogas-Anlagen. Geeignet wären rund 50 Prozent.

"Förderung konzentrieren"

Den zuletzt forcierten Anbau von Biogas-Mais sehen die Experten auch kritisch, da er negative Folgen für den Naturschutz haben kann. Mais-Monokulturen sind ungünstig, sie leisten der Bodenerosion Vorschub und erfordern viel Dünger und Pestizide. Der Rat: Wenn Anbau von Energiepflanzen, dann mit größerer Pflanzenvielfalt und Fruchtfolge, also etwa Mais und verschiedene Getreide, und nicht auf Flächen, die vorher Dauergrünland waren.

Die Nutzung von Biogas als Erdgas-Ersatz sehen die Ökoexperten eher kritisch. Die Einspeisung ins Netz mache sehr große, zentrale Biogas-Anlagen mit weiträumigem Anbau von Energiepflanzen notwendig und sei verlustreich durch den Aufwand zur Reinigung des Gases. Dies sei ökologisch ungünstiger als etwa kleinere, dezentrale Anlagen, bei denen Strom und Wärme genutzt werden. Reinhardt: "Die Förderung der Biogas-Einspeisung muss auf die ökologisch günstigen Varianten konzentriert werden." Bislang ist die Nutzung des "grünen Gases" im Netz noch eine Nische. Die Stromkonzerne Eon und RWE engagieren sich in dem Sektor, der Hamburger Ökostrom- und Gasanbieter Lichtblick verkauft in mehreren Bundesländern Erdgas mit fünfprozentiger Biogas-Beimischung.

Sigmar Gabriel (SPD), Auftraggeber der Studie, bezeichnet die Untersuchung als "hilfreich, um Schwachstellen aufzufinden und zu beseitigen". Die Biomasse-Nutzung soll aber ausgebaut werden. Die jüngste, im Juni verabschiedete EEG-Neufassung steuere die Biogas-Nutzung bereits um in Richtung mehr Effizienz. So solle das Gas künftig "in der Regel" nur in Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung genutzt werden.

Den Herstellern von Biogas-Anlagen jedenfalls hat die EEG-Novelle nach schwerem Geschäftseinbruch wieder Auftrieb verschafft. Die Nachfrage hatte sich 2007 halbiert, da unklar war, wie die weitere Förderung aussehen würde.

Autor:  JOACHIM WILLE
Datum:  15 | 8 | 2008
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