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Biosprit: Teure Schnapsidee

Autofahrer ignorieren den Biosprit E10 weitgehend. Das könnte dem Fiskus Millionen bringen - nämlich, wenn die Mineralölkonzerne saftige Strafzahlungen leisten müssten.

E10 wird von den meisten Autofahrern ignoriert.
E10 wird von den meisten Autofahrern ignoriert.
Foto: dpa

Noch im März dieses Jahres warb Bundesumweltminister Norbert Röttgen mit Verve für das gerade eingeführte Biobenzin E10. Das Misstrauen der Verbraucher könne abgebaut werden. E10, dem statt fünf Prozent wie bei herkömmlichem Super nun zehn Prozent pflanzliches Ethanol (also Alkohol) beigemischt sind, sei „gut für die Umwelt und ein gutes Produkt“, schwärmte er.

Die Autofahrer sehen das immer noch anders. Neuen Zahlen zufolge grenzt die E10-Akzeptanz an Totalverweigerung. Die Konsequenz: Vermutlich sind kommendes Jahr heftige Strafzahlungen durch die Mineralölkonzerne fällig, die letztlich von den Autofahrern getragen werden müssen – und auf den Konten des Finanzministers landen.

Was ist E10?
Klimawandel

E10 besteht aus Normal- oder Superbenzin, dem zehn Prozent sogenannter Biosprit beigemischt wird. Dieses Ethanol wird aus Nahrungsmitteln gewonnen: Rüben, Mais oder Weizen.

Winterware: Große Teile des bislang produzierten E-10-Kraftstoffs dürfen nur noch bis Ende April verkauft werden. Dann endet die gesetzliche Frist für den Verkauf der sogenannten Winterware. Die DIN-Norm 51626-1 für E10 regelt nämlich, dass die Winterware regulär nur zwischen dem 16. November und dem 15. März verkauft werden darf. Eine Übergangsfrist endet am 30. April.

Sommerware: Vom 1. Mai an darf die Branche dann nur noch die E-10-Sommerware verkaufen.

Der Unterschied zwischen Winter- und Sommerware ist der Dampfdruck: Dieser beträgt im Winter bis zu 90 Kilopascal, im Sommer maximal 60 Kilopascal.

Das Problem für die Mineralölwirtschaft könnte sein, dass sie zum Ende der Wintersaison auf großen Restbeständen des Ladenhüters E10 sitzenbleibt. Diese bis zur nächsten Wintersaison aufzubewahren, dürfte unmöglich sein, die Lager-Kapazitäten werden für Sommerware benötigt. Die Mineralölwirtschaft ist verpflichtet, von 2011 an eine Quote von 6,25 Prozent Biosprit mit dem herkömmlichen Treibstoff zu verkaufen. Anderenfalls drohen Strafzahlungen. Das E10 wird erst im Tankwagen zugemischt.

Verträgt mein Auto E10?

Das lässt sich in Listen beim ADAC oder DAT erfahren. Bereits eine einzige irrtümliche Tankfüllung mit E10 kann zu ernsten Schäden führen. Wichtig: Das Auto dann gar nicht erst starten, sondern Vertragswerkstatt oder Kundendienst des Herstellers kontaktieren. Der Tank muss dann leer gepumpt werden.

Sollte ich E10 tanken?

Das hängt davon ab, welchen Lobbyisten man glaubt. Der BUND hält den Stoff für nicht geeignet. Der Verbrauch an Benzin steigt außerdem um rund drei Prozent im Vergleich zu Benzin ohne Ethanol, im Vergleich zu E5 um 1,5 Prozent. (fr/dpa)

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Drei Cent billiger

Super beliebt: Die EU hat Klimaziele für den Verkehr gesetzt. Seit März gibt es an Tankstellen deshalb E10-Benzin. Kritiker, die von „Bio-Plörre“ sprechen, warnen vor Umweltschäden und steigenden Nahrungsmittelpreisen durch Biosprit. Befürchtungen, E10 könne auch als geeignet ausgewiesenen Motoren schaden, haben sich nicht bewahrheitet. Dennoch tanken die meisten Autofahrer das drei Cent teurere Super 95 (mit fünf statt zehn Prozent Ethanol).

Bis zu 500 Millionen Euro fällig

Dieser Zeitung liegen exklusiv Statistiken des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV) vor, die zeigen, dass E10 sich bislang nicht am Markt etablieren kann. Demnach entfielen im Einführungsmonat Februar gerade einmal acht Prozent des Benzinmarkts auf E10, im März waren es laut der Verbandsstatistik 10,2 Prozent. Im April und Mai fiel dieser Wert sogar noch. Lediglich im Juni konnte ein Fortschritt verzeichnet werden: Immerhin tankten zuletzt 13,9 Prozent aller Autofahrer mit Otto-Motor den Biosprit – auch das ist aber ein sehr niedriger Wert. Bislang war geschätzt worden, dass etwa 30 Prozent der Autofahrer E10 tanken, sofern es an den Zapfsäulen überhaupt zu haben ist. Etwas mehr als jede zweite Tankstelle in Deutschland hat E10 im Angebot, der Anteil steigt langsam.

Dennoch ist für das Gesamtjahr 2011 bereits absehbar, dass E10 auf keinen Fall die von der Mineralölbranche einst angestrebten Anteil von weit über 50 Prozent am Benzinmarkt erreicht und damit zur Hauptsorte wird. Dieser Anteil wäre aber mindestens nötig, um den gesetzlich vorgeschriebenen Anteil der Biosprit-Beimischung am gesamten Benzinverkauf zu erfüllen. Er liegt bei energetisch 6,25 Prozent. Weil Ethanol einen niedrigeren Energiegehalt als Benzin hat, sind zehn Prozent Ethanol nötig, um im Benzinmarkt die Quote zu erfüllen. ADAC-Experte Jürgen Albrecht ist überzeugt, dass auf dem Benzinmarkt die angestrebten Biosprit-Ziele nicht zu erreichen sind. „Die Kunden sind weiterhin verunsichert, was vor allem an der schlechten Informationspolitik von Regierung und Konzernen liegt“, sagte er.

Nun drohen heftige Strafzahlungen. Ab Mitte April kommenden Jahres wird über die Quotenerfüllung abgerechnet. Liegt sie zu niedrig, muss an den Finanzminister gezahlt werden. Umgerechnet auf den Liter sind gut zwei Cent fällig, wenn an der Tankstelle statt E10 herkömmlicher Sprit verkauft wird, schätzt der ADAC. „Ein Teil der Einnahmen wird vermutlich beim Finanzministerium landen“, sagte ADAC-Experte Albrecht. Der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB) und andere Branchenverbände schätzen, dass der gesamte Benzinmarkt theoretisch Strafzahlungen von nahezu 500 Millionen Euro verursacht, falls überhaupt kein E10 verkauft würde.

Aber wie hoch sind die Strafzahlungen tatsächlich, die 2011 fällig werden? Das ist im Augenblick schwer abzuschätzen, sagen sowohl die beteiligten Verbände als auch der ADAC. Auch die Mineralölkonzerne geben sich auf Anfrage einsilbig und wollen offiziell keine Schätzungen abgeben. Es ist ein Spiel mit einigen Unbekannten. Denn es gibt mehrere Möglichkeiten, um die Quote auf anderen Wegen als mit E10 zu erfüllen. „Die Konzerne können zum Beispiel Ausgleichszertifikate erwerben, die durch den Verkauf von reinem Biodiesel oder Pflanzenölen entstehen“, sagte Albrecht. Unbekannt ist ebenfalls, wie viele angesammelte Biospritmengen aus der Vergangenheit noch verrechnet werden können.

Schon jetzt aber bilden die Mineralölkonzerne Rückstellungen, um entweder die Strafen zu bezahlen oder die teuren Ausgleichszertifikate einzukaufen. Dies schlagen sie auf den Preis aller Spritsorten außer E10 auf. Vom VDB, der den Biospritmarkt genau im Blick hat, hieß es, dass die Biodiesel- und Pflanzenöl-Mengen nicht ausreichten, um das E10-Defizit auszugleichen.

Offiziell wagt noch niemand eine genaue Schätzung. Unter der Hand hieß es jedoch von informierten Personen, es seien durchaus Strafzahlungen in dreistelliger Millionenhöhe zu erwarten – über die sich dann Finanzminister Wolfgang Schäuble freuen kann. Dann wäre E10 zur Steuererhöhung geworden. Im Finanzministerium hieß es auf Anfrage, das Aufkommen aus den Biosprit-Abgaben für 2011 könne noch nicht abgeschätzt werden. Für die Kunden an den Tankstellen ist es letztlich egal, ob der Aufschlag, den sie berappen müssen, für die Strafzahlungen oder teure Ausgleichsmaßnahmen ausgegeben wird. Für sie steht fest: Mit E10 hat die Politik ihnen eine Preiserhöhung durch die Hintertür eingebrockt.

Autor:  Jakob Schlandt
Datum:  1 | 8 | 2011
Kommentare:  2
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