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Umwelttechnologien: Biosprit verursacht Chaos

Deutschlands Vorreiterrolle bei umweltverträglichem Biosprit droht zum Desaster für Raffinerien, Ölmühlen und Bauern zu werden: Die Zertifizierung bis zum Jahreswechsel kann kaum noch gelingen

        

Die Anbaufläche für Raps wird stetig ausgeweitet.
Die Anbaufläche für Raps wird stetig ausgeweitet.
Foto: dpa

Deutschlands Vorreiterrolle bei umweltverträglichem Biosprit droht zum Desaster für Raffinerien, Ölmühlen und Bauern zu werden. Erst ein Bruchteil der Sammelbetriebe für Raps und andere Biospritpflanzen kann nachweisen, dass die Pflanzen umweltverträglich sind. Doch von 1. Januar 2011 an sind solche Zertifikate Pflicht: An den Tankstellen darf dann nur noch Biosprit verkauft werden, der nachweisbar die Treibhausgasemissionen reduziert und für den keine neuen Flächen verbraucht werden.

Nach Unterlagen der Prüfungsgesellschaften sind erst 40 von etwa 1500 landwirtschaftlichen Sammelbetrieben in Deutschland zertifiziert. Bis Mitte Oktober, so wird in der Biospritbranche geschätzt, müssten alle Betriebe spätestens die gesetzlich vorgeschriebene Öko-Prüfung absolviert haben, damit die Produktion wie gewohnt weitergehen kann. Das ist nicht mehr zu schaffen. Elmar Baumann, Geschäftsführer des Verbandes der Biokraftstoffindustrie (VDB), sagt: „Es ist bereits heute absehbar, dass der Mangel an zertifizierten Rohstoffen speziell die deutsche Biokraftstoffproduktion in der Anfangsphase eklatant beeinträchtigen wird.“ Und beim Deutschen Raiffeisenverband heißt es: „Die Zeit wird knapp, obwohl wir mit Hochdruck an der Zertifizierung arbeiten.“

Das Problem: Es wurde viel zu spät angefangen, die Betriebe zu zertifizieren – und das, obwohl der Einführungszeitpunkt noch um ein halbes Jahr nach hinten verschoben wurde. In der Branche heißt es: „Wir haben das wohl alle unterschätzt.“ Allerdings wird auch der Politik eine Mitschuld gegeben. Erst im Januar habe ein klarer Anforderungskatalog vorgelegen, viele Vorschriften hätten dann sogar noch präzisiert werden müssen. Als das System einigermaßen reibungslos lief – rund 40 Zertifizierer sind in Deutschland nun unterwegs – sei die Ernte dazwischengekommen. Jetzt ist es wohl zu spät, obgleich die Zertifizierer ausgebucht sind und unter Hochdruck arbeiten.

Was passiert nun, wenn von 1. Januar an kaum Biosprit mit Öko-Siegel zu beschaffen ist, weil nicht ausreichend zertifizierte Rohstoffe geliefert wurden? Um die Beimischung von Biosprit zum Mineralöl kommen die Ölkonzerne nicht herum, sie ist gesetzlich vorgeschrieben. Importe fallen als Ausweichmöglichkeit aus, denn außerhalb Deutschlands gibt es quasi noch gar keine zertifizierten Rohstoffe. Die Branche hofft, sich mit Teilmengen und nachträglichen Zertifizierungen irgendwie durch die ersten Monate des Jahres retten zu können – doch ob das gelingt, ist fraglich.

Hohe Strafen drohen

Muss tatsächlich Ware ohne Öko-Siegel eingesetzt werden, gibt es deftige Strafen. Für Diesel zum Beispiel liegt die Pönale bei 62 Cent pro Liter – die von den Mineralölkonzernen wohl nach unten an die Vorlieferanten weitergereicht werden kann. Die Strafe ist derart hoch, dass sie für viele Betriebe existenzgefährdend werden könnte, Chaos in der gesamten deutschen Biospritindustrie vom Bauern bis zur Ölmühle wäre die Folge. Die Politik müsste helfend eingreifen. Dort ist das Problem aber bislang kaum auf Interesse gestoßen.

Deutschland droht also ein klassischer Fehlstart mit einem global beachteten Vorzeigeprojekt. Hierzulande werden bereits die Nachhaltigkeitsregeln der EU umgesetzt – unter anderem als Reaktion auf die heftige Kritik von Umweltschutzorganisationen. Sie hatten angeprangert, dass Biosprit kaum Kohlendioxid einspare und zusätzliche Flächen verbrauche. Der schnelle Befreiungsschlag könnte nun viel Schaden anrichten.

Autor:  Jakob Schlandt
Datum:  9 | 9 | 2010
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