New York. Sie verhandeln wieder. Nachdem die Gespräche zwischen dem größten US-Flugzeugbauer Boeing und der Mechanikergewerkschaft IAM am 13. Oktober geplatzt sind, sitzen die Verhandlungsführer nun wieder an einem Tisch. Tom Wroblewski, der für die 27 000 Mechaniker spricht, und Doug Kight, der den Konzern vertritt.
Es ist der längst Streik seit 1995. 48 Tage und 10 Stunden zählt die digitale Streikuhr im Internet. Direkt darunter läuft eine zweite Uhr. Sie zeigt die Kosten, die der Arbeitskampf bei Boeing verursacht. Jeden Tag verliert Boeing 100 000 Dollar an Umsatz.
Die Zahl der Fluggäste ist im September zum ersten Mal seit fünf Jahren gesunken. Der Internationale Luftfahrtverband (IATA) führt das auf die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise zurück. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum fiel die Zahl der Passagiere um 2,9 Prozent, wie der Verband am Freitag in Genf mitteilte. Er sprach von einer alarmierenden Entwicklung. Im Frachtverkehr war der Rückgang mit einem Minus von 7,7 Prozent noch deutlicher. Das ist der tiefste Einbruch seit 2001, dem Jahr der Terroranschläge in den USA. Die Luftfahrtgesellschaften haben in diesem Jahr bislang 5,2 Milliarden Dollar (4,1 Milliarden Euro) verloren, sagte IATA-Generaldirektor Giovanni Bisignagi.
Eine Gewinnwarnung hat Air France- KLM als erste der großen europäischen Fluggesellschaften ausgesprochen. Es werde "sehr schwierig", den angepeilten operativen Gewinn von einer Milliarde Euro in diesem Geschäftsjahr zu erreichen, teilte der französisch-niederländische Konzern gestern mit. Europas Branchenprimus weitete umgehend sein Sparprogramm aus. Air France-KLM will nun weniger investieren und zudem seine Kapazitäten überprüfen.
Ginge es ums Geld, hätte man sich wahrscheinlich längst geeinigt. Doch dieses Mal geht es um viel mehr. Es geht um die Zukunft der Flugzeugindustrie in Amerika: 70 Prozent der Arbeiten hat Boeing bereits an Zulieferer im Ausland vergeben, weitere Verlagerungen sollen folgen. "Die Zeit steht nicht still", argumentiert Kight. "Wir können hier keine Jobs garantieren." Das wollen die Flugzeugmechaniker nicht gelten lassen. "It's our time - this time" haben sie in großen roten Lettern auf ihre Schilder geschrieben.
"Wir sind bereit, alles zu tun, um den Kampf gegen Boeing zu gewinnen", heizt Wroblewski seinen Gewerkschaftern ein. Doch der Druck auf ihn wächst. Denn die Welt hat sich, seit die IAM am 6. September in Streik ging, verändert. Die Finanzkrise hat ihren Weg in die reale Wirtschaft gefunden. Die Zahl der Fluggäste ist deutlich gesunken. Auch die Quartalszahlen von Boeing, die der Konzern am Mittwoch veröffentlicht hat, waren ein Warnsignal. Der Nettogewinn fiel um 38 Prozent.
Dreamliner kommt später
Konzernchef Jim McNerney musste seine Prognose für 2008 und für nächstes Jahr zurückziehen. Durch den Streik verzögert sich erneut das Prestigeprojekt des Langstreckenmodells 787 Dreamliner.
Und der Streik ist teuer. 150 Dollar pro Woche bekommen die Mechaniker aus der Streik-Kasse. Das ist so wenig, dass einige deshalb stundenweise Regale im Supermarkt einräumen, um ihre Rechnungen bezahlen zu können. Angesichts der vielen Amerikaner, die jeden Tag ihren Arbeitsplatz verlieren, schleicht sich langsam aber sicher die Angst ein. "Am Ende", sagt einer von ihnen, "sind wir doch schon froh, wenn wir einfach nur unsere Arbeit behalten."
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