Die Gewinner des Energiekonzepts der Bundesregierung stehen fest: Die vier Atomstromer Eon, RWE, Vattenfall und EnBW. Dort schossen die Aktienkurse gestern in die Höhe und begeisterte Mitteilungen wurden veröffentlicht. Beim größten deutschen Versorger Eon hieß es etwa, die Laufzeitverlängerungen würden "begrüßt". Vorstandschef Johannes Teyssen ließ mitteilen: „Die Bundesregierung macht damit deutlich, dass die Kernenergie als ein wichtiger Eckpfeiler unserer Energieversorgung noch länger gebraucht wird."
Der Bundesverband der Verbraucherzentralen ist allerdings entsetzt. Holger Krawinkel, Energieexperte des VZBV, sagte dieser Zeitung: "Ich bin sprachlos über das Ergebnis. Es ist dreist, dass die Abschöpfung nur ein Drittel der Gewinne betragen soll und die Atomkonzerne auch in anderen Fragen so billig davonkommen." Am Oligopol der Konzerne ändere sich so nichts. Darüber hinaus herrsche nun drei Jahre Stillstand in der gesamten Energiebranche, weil die Umsetzung aller Pläne von der kommenden Bundestagswahl abhänge. Eine neue Regierung könnte die Laufzeitverlängerungen wieder rückgängig machen. "Wir dürfen uns aber bei den Investitionen in erneuerbare Energien und Netzausbau aber keinen Stillstand mehr leisten, dazu ist die Gefahr durch den Klimawandel zu groß."
Woher soll der Strom kommen - aus Atomkraft oder Solarstrom aus der Wüste? Windenergie von der Nordsee? Oder Gas aus Russland? Nachlesen und Mitreden
Und auch bei den ökonomischen Verlierern macht sich Wut und Frustration breit. Sowohl kleinere private Energie-Unternehmen als auch Stadtwerke und die Öko-Strom-Branche reagierten gestern empört auf die Laufzeitverlängerungen für Kernkraftwerke.
Albert Filbert, Chef des Darmstädter Versorgers HSE, sagte dieser Zeitung: "Unsere Investitionen in Kraftwerke sind im Glauben auf politische Verlässlichkeit geschehen. Die Laufzeitverlängerung ist für Stadtwerke und kommunale Versorger eine sehr nachteilige Entscheidung." Filbert, der der 8KU vorsteht, einer Vereinigung acht großer Stadtwerke, sieht nun einen Milliardenschaden auf die kommunalen Versorger zukommen. Die Auslastung des Kraftwerksparks der Unternehmen sinke durch die längeren Laufzeiten deutlich. "Den Schaden für kommunale Versorger durch die zwölfjährige Laufzeitverlängerung schätzen wir auf 4,5 Milliarden Euro", sagte Filbert.
Darüber hinaus bliebe das Oligopol der vier großen Atomstromkonzerne, die mehr als 80 Prozent der Stromerzeugung auf sich vereinen, ungebrochen. "Die Entscheidung entzieht auch allen zukünftigen Investitionen in Kraftwerke die Grundlage", sagte Filbert. Dies betreffe konventionelle Kraftwerke wie Kohle- und Gas. Bis 2030 sei soviel Erzeugungskapazität vorhanden, dass es keine neuen Bauvorhaben geben werde. "Der Wettbewerb ist damit quasi tot. Aber das interessiert die Bundesregierung offenbar nicht."
„Die Stadtwerke sind enttäuscht“, sagte Stephan Weil, Chef des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), am Montag in München. „Die Bundesregierung hat sich leider einseitig auf Seiten der großen Versorger gestellt“, klagte er. Die Pläne behinderten die Einführung neuer Technologien, kleineren Stromanbietern würden große Investitionen in Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen erschwert.
Viele Energieunternehmen würden sich nun nochmals überlegen müssen, ob sie ihre entsprechenden Projekte angehen. Derzeit befinden sich nach VKU-Angaben neue kommunale Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von 3500 Megawatt im Bau oder in der Genehmigungsphase und weitere mit einer Leistung von 5000 Megawatt in der Planung. „Wir sind weiter entfernt vom gesellschaftlichen Konsens denn je zuvor... Das ist eine schlechte Grundlage für Investitionen“, klagte der Verbandschef und Oberbürgermeister von Hannover.
Rückendeckung bekam Weil von Münchens Vize-Oberbürgermeister Hep Monatzeder. „Die Laufzeitverlängerung ist ein Kniefall vor der Atomlobby, ein schwarzer Tag für die deutsche Energieerzeugung und ein Bremsklotz für die Investitionen in erneuerbare Energien“, sagte der Grünen-Politiker.
"Wettbewerb bleibt auf der Strecke"
Auch der Bundesverband Neuer Energieanbieter, in dem sich kleine, private Konkurrenten zu den vier großen Versorgern organisieren, reagierte enttäuscht. Der Wettbewerb auf dem Erzeugermarkt bliebe weiterhin auf der Strecke, hieß es. "Die Bundesregierung muss jetzt zeitnah dafür sorgen, dass die Betreiberseite für dieses Milliardengeschenk eine Gegenleistung erbringt, die nicht nur den Finanzminister freut - sondern endlich die oligopolistischen Strukturen auf dem Erzeugermarkt aufbricht", sagte Robert Busch, Geschäftsführer des Bundesverbandes Neuer Energieanbieter. Auch Filbert kündigte an, Kompensationszahlungen für die Stadtwerke anzustreben.
Hermann Albers, Präsident des Bundesverbands Windenergie, sprach nach dem Bekanntwerden des Energiekonzepts sogar von "Sargnägeln für die erneuerbaren Energien und für die Windkraft". Die Potenziale der Windenergie seien systematisch kleingerechnet worden, um die Laufzeitverlängerungen scheinbar notwendig zu machen. "Es ist ein krasses Missverhältnis entstanden, das Energiekonzept ist ein katastrophaler Rückschritt."
Konkret werde etwa die Erzeugungskapazität der Windräder an Land für 2050 mit gut 36 Gigawatt angegeben (das entspricht bei optimalem Wind der Leistung von etwa 50 großen Kohlekraftwerken). "Angesichts von derzeit 25 Gigawatt installierter Leistung ist das ein schlechter Witz", sagte Albers dieser Zeitung. Der Verband rechne damit, dass schon 2020, also dreißig Jahre früher, 45 Gigawatt allein an Land zu schaffen seien. Bei Windkraft-Anlagen auf hoher See fielen die Ausbaupläne ebenfalls deutlich hinter die Erwartungen zurück.
Besorgniserregend sei darüber hinaus, das der Vorrang für Erneuerbare im Stromnetz in Frage gestellt werde. "Wir sollen uns an den 'Markt' anpassen. Dabei wird aber vergessen, dass dieser Markt ökologische Risiken nicht in den Preisen berücksichtigt." Es müsse andersherum gedacht werden: "Die Erneuerbaren müssen zum Zentrum des Marktes werden und die anderen, rückwärtsgewandten Technologien sich anpassen", sagte Albers.
Konkret sieht Albers nun Deutschlands Vorreiterstellung im Bereich Öko-Energie in Gefahr. "Die Regierung setzt mit ihrem Handeln hunderttausende Arbeitsplätze aufs Spiel."
Ordentlicher Zuverdienst
Die vier großen Energiekonzerne RWE, Eon, EnBW und Vattenfall können nach einer unabhängigen Berechnung durch den schwarz-gelben Atomkompromiss auf Zusatzeinnahmen von insgesamt 127 Milliarden Euro hoffen. Das Freiburger Öko-Institut ging dabei am Montag für die nächsten Jahre von leicht steigenden Strompreisen aus. Nur 25 Prozent der Zusatzgewinne würden durch die Brennelementesteuer bis 2016 und Sonderabgaben für den Ausbau der Öko-Energien vom Staat abgeschöpft.
Börsianer freuen sich mit Energielieferanten
Mit steigenden Kursen haben die Aktien der Energieriesen am Montag auf die Entscheidung der Bundesregierung über eine Laufzeitenverlängerung für Atomkraftwerke reagiert. Analysten erklärten in ersten Reaktionen, der Beschluss falle für die Versorger noch besser aus als ursprünglich angenommen. Energiekonzerne wie E.ON, RWE oder EnBW würden bei den Kompensationen für die längeren Laufzeiten weit weniger belastet als erwartet. Die Versorger hatten in einer breiten Kampagne für die längeren Laufzeiten geworben.
Nach Angaben von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle und Bundesumweltminister Norbert Röttgen sollen die älteren deutschen Atomkraftwerke mit einem Baujahr vor 1980 acht Jahre länger laufen dürfen, neuere Anlagen 14 Jahre. Aktien von RWE stiegen am Morgen um über 2,6 Prozent auf 54,65 Euro, E.ON-Papiere gewann sogar über drei Prozent auf 23,66 Euro. Beide Titel legten damit deutlich stärker zu als der Leitindex Dax, der lediglich 0,2 Prozent höher notierte. EnBW-Aktien verteuerten sich sogar um knapp vier Prozent.
Die Entscheidung der Bundesregierung falle „klar positiv“ für die beiden Energieriesen RWE und E.ON aus, erklärten Analysten der DZ-Bank. Im Durchschnitt dürften die Meiler zwölf Jahre länger laufen - deutlich mehr als die von den Experten zuvor angenommenen zehn Jahre. Die Beiträge der Versorger zur Förderung von erneuerbaren Energien fielen zudem deutlich geringer aus als von den Analysten prognostiziert und seien „weitgehend zu vernachlässigen“. Offenbar gebe es auch keine verbindlichen Anforderungen für höhere Sicherheitsstandards der Atomkraftwerke. Zudem sei auch nicht zu erwarten, dass auch der Bundesrat den Plänen der schwarz-gelben Bundesregierung zustimmen müsse.
Auch die Analysten der WestLB kamen zu dem Schluss, dass die Belastungen für die Versorger deutlich geringer ausfallen dürften als ursprünglich befürchtet. Für Theo Kitz, Experte bei Merck Finck & CO, fällt die Verlängerung der Laufzeiten länger aus, als zu erwarten war. Es bleibe aber abzuwarten, ob die Pläne nicht doch auch im Bundesrat beraten werden müssten, warnte er Investoren. Analysten der Royal Bank of Scotland erklärten, die Auswirkungen der Entscheidungen sei für E.ON noch positiver als für RWE zu bewerten, da die Atomkraftwerke des Düsseldorfer Konzerns moderner seien.
Zu den Akw-Betreibern in Deutschland gehören neben E.ON und RWE auch EnBW und Vattenfall. Sprecher von RWE und E.ON hatten die Ergebnisse des Berliner Spitzentreffens der schwarz-gelben Koalition zunächst nicht kommentieren wollen. (mit rtr/dpa)
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.