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Missbrauch bei EC-Karten: Bonitäts-Check an der Kasse

Deutschland hat einen neuen Datenschutzskandal. Nach Informationen der Frankfurter Rundschau sammeln offenbar alle großen Anbieter von Kassensystemen zur Kartenzahlung die Daten der Kunden - und prüfen damit deren Bonität.

 Foto: Alex Kraus

Nach Informationen der Frankfurter Rundschau sammeln offenbar alle großen Anbieter von Kassensystemen zur Kartenzahlung die Daten der Kunden. Sie setzen sie systematisch für sofortige Bonitätsprüfungen an der Kasse ein. Die Datenbanken geben dann bei künftigen Einkäufen eine Empfehlung darüber ab, ob dem Kunden getraut werden kann.

Ist der Kunde besonders vertrauenswürdig, darf er mit Unterschrift bezahlen. Das kostet die Handelsfirmen weniger Geld, bringt aber das Risiko mit sich, dass die Abbuchung einige Tage später misslingen könnte. Bei unsicheren Kunden müssen die Kassierer auf Befehl des Systems, das in Sekundenschnelle arbeitet, die Eingabe der Sicherheitsnummer PIN fordern. Offenbar spielt nicht nur eine Rolle, ob in der Vergangenheit Abbuchungen misslungen sind – das halten Datenschützer für zulässig, weil die Unternehmen das Recht haben müssen, sich vor zahlungsunfähigen oder betrügerischen Kunden zu schützen. Darüber hinaus wird aber eine Positivliste geführt, in die zum Beispiel Häufigkeit und Höhe der Einkäufe einfließen.

Das Scheckkartennetz easycash und weitere Anbieter verstoßen nach Ansicht von Verbraucherschützern gegen Datenschutzrichtlinien.
Das Scheckkartennetz easycash und weitere Anbieter verstoßen nach Ansicht von Verbraucherschützern gegen Datenschutzrichtlinien.
Foto: dpa

Der Radiosender NDR-Info hatte berichtet, dass Easycash, Deutschlands größter Betreiber von Bezahlstationen für Electronic Cash (EC), Daten über 50 Millionen Karten speichert. Daraus werden Rückschlüsse auf die Zahlungsfähigkeit und Verlässlichkeit der Besitzer gezogen. Nach Recherchen der Rundschau werden derartige Datenbanken aber von allen namhaften Anbietern eingesetzt, darunter auch den Branchengrößen Intercard und Telecash. Auch diese bieten Bonitätsprüfungen direkt an der Kasse an und nutzen dafür ihre umfangreichen Datensätze, die sie über die Abwicklung der Zahlungen erworben haben.

Händler wollen sparen

Die Systeme existieren, damit sich die Einzelhändler Geld sparen können. Was die wenigsten Kunden wissen: In vielen Läden ist inzwischen die Zahlung mit Karte und Unterschrift, ebenso aber mit Karte und der Geheimnummer am gleichen Terminal möglich. Unterschied: Die Zahlung mit PIN ist für den Händler sehr sicher. Denn die Bank prüft sofort, ob das Geld auf dem Konto ist und bucht den Betrag. Dafür wird aber eine Gebühr von 0,3 Prozent des Umsatzes (mindestens acht Cent) fällig. Wenn mit Unterschrift bezahlt wird, entstehen fast keine Kosten. Aber: Die Abbuchung kann platzen, weil der Kunde zum Beispiel sein Konto stark überzogen hat.

Hier kommen die Datensammlungen über die Karten ins Spiel: Die Anbieter der Bezahlstationen prüfen in Sekunden, ob der Kunde so vertrauenswürdig ist, dass sich der Einzelhändler das teure PIN-Verfahren sparen kann.

Neben dem deutschen Marktführer Easycash bietet nach Informationen dieser Zeitung auch die Nummer zwei, Telecash, einen solchen Service, wie auf Anfrage bestätigt wurde. Bei einem weiteren Anbieter, Intercard, wird das Verfahren offen beworben. Intercard schreibt über das Verfahren IC Vario: „Jeder Umsatz wird zunächst über das günstige unterschriftenbasierte POZ Plus-Verfahren autorisiert. Nur bei erkannten Risiken wird automatisch auf das PIN-basierte electronic-cash-Verfahren umgeschaltet, um gegebenenfalls die Zahlung durch Anfrage bei der Bank des Kunden absichern zu lassen.“

Ergo: Direkt an der Kasse werden von allen großen EC-System-Anbietern Weizen und Spreu unter den Kunden getrennt. Dabei greifen die Firmen aber nicht nur auf Sperrdateien zurück. Diese vermerken Kunden, deren Abbuchungen tatsächlich jüngst geplatzt sind. Sondern es werden auch Positivlisten angelegt. Bei Intercard heißt es zum Beispiel, dass 75 Prozent aller im Handel eingesetzten Karten in einer sogenannten White-List geführt werden. Darin werden offenbar Daten über Häufigkeit des Karteneinsatzes und eingesetzte Summen ausgewertet. Daraus kann ein grober Rückschluss auf die Bonität gezogen werden. Diese Bewertung bleibt auch allen anderen Kunden, die die Kasse beobachten, nicht verborgen.

Beim für Easycash zuständigen Datenschutzbeauftragten des Landes NRW hieß es gestern, der Fall werde geprüft. Der Datenschutzbeauftragte Schleswig-Holsteins, Thilo Weichert, sagt schon jetzt: „Das ist eindeutig rechtswidrig. Kontodaten und genaue Infos über Einkäufe sind ganz klar personenbezogene Daten, die nicht auf diese Art verwendet werden dürfen. Hier wird offenbar eine illegale Bonitätsauskunftei betrieben. Für mich ist das ein neuer Datenschutzskandal.“ Easycash wies die Anschuldigungen gestern als „pauschale Kritik“ zurück. Das Unternehmen arbeite eng mit den Datenschutzbehörden zusammen.

Autor:  Jakob Schlandt
Datum:  23 | 9 | 2010
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