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Pflegesektor: Boom mit Fragezeichen

Das Institut der deutschen Wirtschaft prophezeit der Pflegebranche bis 2020 ein Wachstum um 72 Prozent. Allerdings kann die Entwicklung am Fachkräftemangel scheitern: Es fehlen schon jetzt Menschen, die sich professionell um Alte und Kranke kümmern.

Eine Frau wird von einer Pflegerin gefüttert. Die Altenheim-Bewohnerin ist auf Hilfe angewiesen - doch schon jetzt fehlt es der Pflegebranche an Personal.
Eine Frau wird von einer Pflegerin gefüttert. Die Altenheim-Bewohnerin ist auf Hilfe angewiesen - doch schon jetzt fehlt es der Pflegebranche an Personal.
Foto: dpa
Berlin –  

Die Pflege kranker und alter Menschen ist ein ganz und gar unglamouröser und unspektakulärer Beruf. Dafür aber einer mit einer sicheren Zukunft. Ein spektakuläres Wachstum sagt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) der Pflegebranche vorher. Der Wirtschaftszweig werde bis 2020 um 72 Prozent wachsen, heißt es in einer gestern vorgestellten Studie, die im Auftrag des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste erarbeitet wurde. Demnach könnte der Wert der in der Pflegebranche erbrachten Leistungen bis 2020 auf rund 43 Milliarden Euro steigen. Das rasante Wachstum vergangener Jahre würde damit noch schneller. Schon von 1996 bis 2008 wuchs die Pflegebranche im Schnitt mit 5,7 Prozent jährlich, wie das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifor in Darmstadt errechnet hat.

Doch hinter der Prognose steht ein großes Fragezeichen. Denn der Branche gehen schon jetzt die Fachkräfte aus. Laut einer Untersuchung des Instituts Arbeit und Technik der Fachhochschule Gelsenkirchen ist die anfallende Arbeit in vielen Einrichtungen bereits heute mit dem vorhandenen Personal kaum noch zu bewältigen. Immer mehr Leiharbeiter würden als letztes Mittel eingesetzt, um die Versorgung noch aufrechterhalten zu können, so die Studie. Laut Institut ist die Zahl der Zeitarbeiter in der Pflege in fünf Jahren um fast ein Drittel gestiegen.

Warnung vor Desaster

Der Präsident des Bundesverbandes der Anbieter sozialer Dienste, Bernd Meurer, richtete deshalb gestern einen dramatischen Appell an die Politik, mehr für die Behebung des Fachkräftemangels zu tun. „Die Situation ist eklatant“, sagte er. Abteilungen in manchen stationären Einrichtungen stünden still, weil das Personal fehle. „Wenn wir das noch lange laufen lassen, endet das im Desaster.“

Aus Bayern und Hamburg gibt es Meldungen, wonach Pflegedienstanbieter ihren Mitarbeitern Prämien bezahlen für die Vermittlung von Fachkräften. Sie können sich auf mehrere tausend Euro pro Kopf belaufen. Auch die Rekrutierung von Auszubildenden fällt der Branche schwer. Die etwas bessere Lage am Ausbildungsmarkt führt dazu, dass die Pflege mit Industrie oder Banken um Auszubildende wetteifert - und dabei wegen ihres Images, aber auch wegen ihrer belastenden Arbeitsbedingungen einen schweren Stand hat. Meurer fordert deshalb mehr Zuwanderung aus dem Ausland. Denn ohne qualifizierte Mitarbeiter werden auch die Wachstumschancen verspielt.

Die sind ohne Zweifel gegeben. Dass die Nachfrage nach Pflegedienstleistungen in den kommenden Jahren steigen wird, ist unbestritten. Die Bevölkerung altert. Das Statistische Bundesamt hat errechnet, dass die Zahl der Pflegebedürftigen von 2,2 Millionen im Jahr 2007 auf 2,9 Millionen im Jahr 2020 und auf 4,5 Millionen im Jahr 2050 steigen wird. Hinzu kommt, dass durch die Zersplitterung der Familien und eine Zunahme von Single-Haushalten die heute noch weit verbreitete Pflege durch Angehörige immer seltener werden wird.

Ausbildung vernachlässigt

Benötigt werden professionelle Pfleger. Wenn der Fachkräftemangel gelöst wird, könnte laut Studie die Zahl der rechnerischen Vollzeitstellen in ambulanten und stationären Einrichtungen von aktuell 680.000 auf 900.000 im Jahr 2020 und auf 1,6 Millionen im Jahr 2005 steigen. Die Zahl der tatsächlich Beschäftigten dürfte noch deutlich höher ausfallen, da in der Pflegebranche weiterhin sehr viel Teilzeit gearbeitet wird. Das liegt daran, dass viele Frauen mit Familie in dem Beruf arbeiten.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisiert, dass Politik und Arbeitgeber versäumt hätten, genügend Fachkräfte auszubilden. Dabei sei seit Jahren bekannt, dass mehr Fachkräfte benötigt würden. „In den letzten Jahren war es so, dass es für die dreijährige Ausbildung an Schulen mehr Bewerberinnen gab als praktische Ausbildungsplätze zur Verfügung standen“, so der DGB. Noch immer müssten viele Auszubildende zudem Schulgeld zahlen.

Klar ist: Wird das Fachkräfteproblem nicht gelöst, bleibt auch das spektakuläre Wachstum aus.

Autor:  Daniel Baumann
Datum:  2 | 8 | 2011
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