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24. Januar 2013

Brand in Pakistan: Hoffen auf Entschädigung

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Foto: dpa

Nach dem Brand in einer pakistanischen Textilfabrik mit hunderten Toten warten Hinterbliebene auf Entschädigung von der Textilkette Kik.

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Nach dem Brand in einer pakistanischen Textilfabrik mit hunderten Toten warten Hinterbliebene auf Entschädigung von der Textilkette Kik.

Karatschi –  

Sharjeel Ahmad starb, weil er leben wollte. Der 24-Jährige kündigte seinen alten Job, da ihm der tägliche Weg zur Arbeit in der pakistanischen Wirtschaftsmetropole Karatschi wegen der vielen Terroranschläge zu riskant wurde. Stattdessen heuerte der junge Mann aus dem Elendsviertel Balia Town in der Textilfabrik Ali Enterprises an, die nur ein paar Hundert Meter von seiner Behausung entfernt liegt. Zwei Monate und 20 Tage nach seinem ersten Arbeitstag verbrannte Sharjeel Ahmad am 11. September 2012 zusammen mit etwa 300 anderen Menschen in der betongrauen Fabrik. Dort stellten mehr als 1000 Frauen und Männer unter anderem Jeans für den Billiganbieter Kik her, die in Deutschland unter dem Label Okay für 15,99 Euro angeboten werden. Verkohlte und von der Flammenhitze verbogene Fenstergitter erinnern heute noch an den folgenschwersten Fabrikbrand seit Jahren.

Sharjeels Bruder Khurram steht mit einer Liste der Todesopfer in einer Gasse von Balia Town. Der Name seines Bruders fehlt. „Ich weiß nicht, ob die Leiche meines Bruders sich unter den bisher nicht identifizierten 23 Toten befindet, die noch in der Leichenhalle liegen“, sagt der schmächtige Mann mit Brille und einem schütteren Vollbart. Vorläufig besitzt Khurram lediglich eine Essenskarte als Beweis, dass sein Bruder in der Textilfabrik gearbeitet hat.

„Wahrscheinlich wird es letzten Endes von Kik abhängen, ob er jemals Entschädigung erhält“, sagt Karamat Ali, Vorsitzender der im Gewerkschaftsumfeld tätigen Gruppe Pakistan Institute for Labour Education and Research (PILER). „Da die Besitzer keine Arbeitsverträge abgeschlossen haben, fällt manchmal sogar der Beweis schwer, dass die Toten oder Vermissten überhaupt in der Fabrik angestellt waren“, erklärt der 68-Jährige. Seine Organisation handelte mittlerweile mit Kik aus, dass das deutsche Unternehmen eine Million US-Dollar Entschädigung für die hinterbliebenen Familien zahlt. Pro Familie entspricht dies etwa 200 000 pakistanischen Rupien, umgerechnet 1 500 Euro. Noch ist nicht klar, wann die Summe bereitstehen wird. Die Angehörigen der Opfer haben seit September ohnehin mit Behördenwillkür und bürokratischen Hindernissen zu kämpfen.

Drohung am Telefon

Nicht einmal das Strafverfahren wegen Mordes gegen die Fabrikbesitzerfamilie von Ali Enterprises kommt voran. Arshad Bhaila und Shahid Bhaila, die Söhne des Firmenpatriarchen Abdul Aziz Bhaila von Ali Enterprises, sitzen zwar seit Monaten in Untersuchungshaft. Aber Faisal Siddiqui, der Rechtsanwalt mehrerer Nicht-Regierungsorganisationen, die den Prozess vorantreiben wollen, ist alles andere als optimistisch: „Die Eigentümer setzen Mafiamethoden ein, um einer Verurteilung zu entkommen“, sagt er. Selbst bei dem Juristen klingelte vor ein paar Wochen das Telefon. Eine anonyme Stimme warnte: „Lass die Hände von dem Fall, sonst wird es Konsequenzen geben.“ Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die wichtigsten Zeugen ihre Aussage unter dem Druck der Besitzer ändern würden, ist Siddiqui überzeugt. Dabei sei klar: „Es hat so viele Tote gegeben, weil der einzige Ausgang abgesperrt war, und die Arbeiter nicht fliehen konnten.“

Doch statt mit aller Härte gegen die Eigentümer vorzugehen, hört die Polizei lieber auf Ratschläge der Regierung. Selbst Pakistans Premierminister Raja Pervez Ashraf schlug sich am 29. Dezember in einer Rede vor der Handelskammer von Karatschi auf die Seite der Eigentümer von Ali Enterprises. „Der Mordvorwurf sollte fallengelassen werden“, verlangte der Regierungschef. Prompt formulierte die Polizei einen neuen Untersuchungsbericht, der den Wünschen Ashrafs und der Unternehmer entsprach.

Unkontrollierte Fabriken

Pakistans Textilindustrie ist mit Ausfuhren von rund 2,16 Milliarden US-Dollar eine der wenigen Stützen der krisengeplagten Wirtschaft am Indus. Wegen des chronischen Strom- und Energiemangels und der relativ hohen Löhne in Pakistan verlegen viele Unternehmen ihre Produktion lieber nach Bangladesch. Noch arbeiten in Karatschi laut vorsichtigen Schätzungen rund 300000 Menschen in den etwa 500 Textilfabriken. „Keine einzige“, so sagt Karamat Ali von der Organisation PILER, „ist bei den zuständigen Behörden registriert.“ Vor etwa zehn Jahren stellte das Arbeitsministerium sogar die regelmäßigen Inspektionen von Fabriken ein. „Ein Gericht hat nun angeordnet, dass diese Kontrollen wieder aufgenommen werden“, sagt Gewerkschafter Karamat Ali. Das sei die einzige positive Veränderung seit dem Feuer, auch wenn keine einzige Kontrolle bislang stattgefunden habe.

Die Untätigkeit der Behörden überrascht die 19-jährige Witwe Khulsum Hussein nicht. Sie sitzt mit ihren zwei kleinen Töchtern im Büro der Gewerkschaft National Trade Union of Pakistan, die als erste aufdeckte, dass Kik bei Ali Enterprises produzieren ließ, und klagt ihr Leid. Sie hat ihren toten Ehemann Ali Hussein bereits begraben. Wie alle 210 Familien, deren tote Angehörige bis Ende September identifiziert wurden, erhielt sie bald einen Scheck der Regierung über 900 000 Rupien (rund 9 000 Euro). Doch einlösen konnte die junge Frau ihn bis heute nicht. Die Begründung der Behörden: Ihr Ehemann sei zwar in Pakistan geboren. Da seine Eltern aber aus dem heutigen Bangladesch (dem früheren Ost-Pakistan) stammten, müsse erst überprüft werden, ob er kein Ausländer gewesen sei.

DNA-Tests verschlampt

Auch 52 weitere Familien von Todesopfern haben vier Monate nach dem Feuer noch immer keine Rupie Entschädigung erhalten, weil ihre Angehörigen erst seit Anfang Oktober oder noch gar nicht identifiziert wurden. Es sind tragische Fälle, wie die der 25-jährigen Nazir Perveen. Sie weiß immer noch nicht, ob ihr Ehemann Riaz Ahmad unter den nicht identifizierten Toten ist. Drei DNA-Proben hat Nazir bereits abgegeben. Aber Pakistans Behörden verschlampten die ersten beiden Tests.

„Ich glaube gar nichts mehr“, sagt der 51-jährige Asmat Ali, der aus Hyderabad gekommen ist, um in Balia Town seine toten Angehörigen abzuholen. „Ich will nur meine Kinder begraben“, sagt der 51-Jährige. Asmat Ali verlor bei dem Feuer vier Töchter und einen Sohn. Zwei Leichen wurden ihm inzwischen übergeben, die Identifizierung der anderen steht noch aus.

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