Rio de Janeiro. Ins Aleixo-Viertel verirren sich keine Touristen. Sie bleiben im Zentrum von Manaus, spazieren um die piekfein renovierte Oper oder zum Rio-Negro-Palast, einstmals die Villa des deutschen Gummi-Barons Waldemar Scholz. Hier ist der Mythos Manaus zu spüren, hier ahnt man noch etwas von dem tropischen Verfall, der die einst boomende Kautschuk-Metropole vor knapp hundert Jahren ereilte.
Nicht so im Aleixo-Viertel. Die Amazonas-Stadt erlebt einen spektakulären Immobilienboom. Die Zahl der Quadratmeter, für die Baugenehmigungen erteilt werden, steigt seit 2005 um jährlich rund 40 Prozent. Feine Restaurants in modischen Vororten, dicke Geländewagen auf verstopften Stadtautobahnen, glitzernde Kaufpaläste voller Konsumenten - Manaus profitiert mehr noch als andere Städte und Regionen vom florierenden Binnenmarkt Brasiliens, an dem die Krise praktisch spurlos vorbei gegangen ist.
Denn in der Urwald-Metropole gibt es besonders hohe Steuervorteile, weshalb sich auch mehr als 500 Firmen an dem ansonsten abgelegenen Standort angesiedelt haben. Sie stellen Massenkonsumartikel praktisch nur für den brasilianischen Markt her - von Motorrädern über Handys bis zu Wegwerf-Kulis. In Manaus, die viertreichste Stadt Brasiliens, ist die Industrie in den vergangenen fünf Jahren um 33,8 Prozent gewachsen. Im Schnitt waren es in Brasilien rund 20 Prozent.
São Paulo, der Wirtschaftsmotor des Landes, hatte schon immer seine Reichen und Superreichen. Aber Brasiliens gegenwärtige Prosperität erreicht längst neue Regionen und neue soziale Schichten. Der früher bettelarme Nordosten, aus dem die Menschen seit Generationen abgewandert sind - wie Präsident Luiz Inácio Lula da Silva als Kind - holt neuerdings auf und wächst, ähnlich wie Manaus, stärker als der Landesdurchschnitt.
Das hat auch positive Folgen für die Verteilung des Wohlstands. Eine immer breiter werdende Mittelschicht wächst heran. Seit 2005 sind etwa 23 Millionen Menschen in die Mittelschicht aufgestiegen - und trotz der Weltwirtschaftskrise nicht wieder abgestürzt, wie die Statistiken zeigen. Mittelschicht beginnt in Brasilien zwar schon bei einem Monatseinkommen von 400 Euro. Aber mittlerweile liegen 120 der 190 Millionen Brasilianer darüber. Wer einen Job hat - allein in diesem Jahr kamen 1,4 Millionen Menschen zu einer festen Beschäftigung - gilt als kreditwürdig, der Kauf auf Pump ist in Brasilien gang und gäbe.
Bei Kaffee, Zucker und Rindfleisch ist Brasilien Exportweltmeister. Und bei Erzen, Zellulose und vor allem Soja gehört das Land zur Weltspitze. Der Zuschlag für die Fußball-WM 2014 und Olympia 2016 wird in Brasilien als symbolische Anerkennung der neuen Potenz des Landes empfunden. "Endlich sind wir nicht mehr zweitklassig", jubelte Präsident Lula.
Die Reformen der 1990er Jahre, die Brasilien von der extrem hohen Inflation erlösten und den Staat zur Haushaltsdisziplin verpflichteten, tragen heute Früchte. Dennoch gibt es große Versäumnisse. Die Infrastruktur ist marode. Nur zwölf Prozent aller Straßen sind zum Beispiel asphaltiert. Und auch wenn zwölf Millionen der ärmsten Brasilianer heute eine staatliche Grundversorgung erhalten - das Schulsystem ist miserabel, die öffentlichen Gesundheitsversorgung auch. Millionen leben in dürftigen Wohnungen, nicht mal die Hälfte aller Haushalte hat eine akzeptable Abwasserentsorgung.
Manaus bildet keine Ausnahme. Etwa 800.000 der 1,8 Millionen Einwohner sind weder an die Trinkwasserversorgung noch an Abwasserkanäle angeschlossen.
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