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27. Januar 2012

Bundesagentur für Arbeit: „Jeder zweite Arbeitsvertrag ist befristet“

Seit der Einführung sind so wenig Menschen wie noch nie auf Hartz IV angewiesen.  Foto: dpa

Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, über Hartz-IV-Leistungen, ungenutzte Millionenbeträge und notwendige Investitionen in die Bildung.

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Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, über Hartz-IV-Leistungen, ungenutzte Millionenbeträge und notwendige Investitionen in die Bildung.

Deutschland steht in der Weltwirtschaft gut da. Die Rezession ist abgeblasen, die Verbraucher sind in Kauflaune, und die Arbeitslosenzahlen liegen seit Monaten unter der Drei-Millionen-Grenze. Wir sprachen mit Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, über Hintergründe, Widersprüche und die Tragfähigkeit der aktuellen Entwicklung.

Herr Alt, die Arbeitslosenzahlen sind deutlich gesunken. Wie nachhaltig ist diese Entwicklung?

Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit.
Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit.
 Foto: dpa/David Ebener

Wir können uns wirklich freuen: Die Zahl der Arbeitslosen ist auf dem tiefsten Stand seit der Wiedervereinigung und die der Erwerbstätigen auf dem höchsten. Aber die Euro-Krise kann die Lage jederzeit verändern. Und auf dem Arbeitsmarkt haben wir eine Reihe unbefriedigender Tatbestände: Jeder zweite neue Arbeitsvertrag ist befristet und es gibt noch zu viele, die Vollzeit arbeiten wollen, aber nur einen Teilzeitjob bekommen. Eine relevante Zahl von Menschen hat kein existenzsicherndes Einkommen. Künftig muss mehr in Bildung investiert und ausländische Abschlüsse müssen leichter anerkannt werden.

Müsste die Lage bei guter Konjunktur nicht besser sein?

Wir haben schon auch Erfolge: Hartz IV hat von der guten Wirtschaftsentwicklung erheblich profitiert. Zum ersten Mal seit der Einführung von Hartz IV vor sieben Jahren liegt die Zahl der Arbeitslosen in der Grundsicherung unter zwei Millionen, genauer gesagt bei 1,9 Millionen. Es sind so wenig Menschen auf Hartz IV angewiesen wie noch nie. Die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten ist erstmals unter 4,5 Millionen gesunken. Es gibt weniger Bedarfsgemeinschaften als bisher. Das ist eine Entwicklung in die richtige Richtung. Dass viele Menschen nicht mehr auf Grundsicherungsleistungen angewiesen sind, zeigt allein die Zahl, dass wir im letzten Jahr 2,9 Milliarden Euro weniger an Sozialtransfers ausgegeben haben als 2010.

Liegt das nicht daran, dass zu wenig Geld da ist? Der Umfang der Hilfen ist schließlich deutlich stärker gesunken als die Zahl der Hartz-IV-Empfänger.

Das ist richtig. Es ist uns aber leider auch nicht gelungen, das gesamte Geld, das uns zur Verfügung stand, immer richtig zu investieren. Rund 400 Millionen Euro von 4,1 Milliarden sind 2011 ungenutzt liegen geblieben. Und die hätten wir gut verwenden können: Die Hälfte der Langzeit-Arbeitslosen hat keinen Berufsabschluss, viele haben keinen Schulabschluss, viele Jugendliche haben keine Ausbildung.

Zur Person

Heinrich Alt, Jahrgang 1950, ist im Vorstand der Bundesagentur für Arbeit für den Bereich Grundsicherung zuständig. Er hat in Trier Politikwissenschaft und Germanistik studiert und begann seine berufliche Laufbahn zwei Jahre nach Abschluss des Studiums beim Landesarbeitsamt Rheinland-Pfalz-Saarland. Zur Bundesagentur kam Alt 2001.

Haben die Jobcenter geschlampt?

Nein. Es gibt vielfältige Gründe. Zum Beispiel ist dort Geld nicht ausgegeben worden, wo sich der Arbeitsmarkt positiver entwickelt hat als gedacht. Dort wurden Maßnahmen geplant, für die es dann plötzlich keine Teilnehmer mehr gab, weil die eben einen Job gefunden hatten. Ein Drittel der Menschen, die für Bürgerarbeit vorgesehen waren, haben jetzt eine Arbeitsstelle. Weiterbildungen kamen nicht zustande, weil sich wegen zu geringer Teilnehmerzahl kein Träger gefunden hat.

Die Bundesregierung wird das interessiert zur Kenntnis nehmen und die 400 Millionen Euro streichen.

Da habe ich keine Befürchtung für dieses Jahr. Die Mittel sind bereits verteilt.

Aber gekürzt wurde Ihr Etat von der Regierung trotzdem. Wie wirkt sich das aus?

Wir müssen noch sorgfältiger überlegen, welche Qualifizierungen wirklich nötig und welche Menschen für welche Maßnahme geeignet sind. Eines kann man schon sehen: Weil die Schülerzahlen zurückgehen und die Betriebe bei Ausbildungsverträgen kompromissbereiter werden, brauchen wir weniger Berufsvorbereitung, dafür aber mehr Ausbildungsbegleitung, damit schwächere Jugendliche das Ausbildungsziel erreichen.

Es gibt weniger Arbeitslose – da braucht man in den Jobcentern ja auch nicht mehr 63.000 Mitarbeiter. Da kommt doch die nächste Etatkürzung, oder?

Davon rate ich ab. Es ist eine Fehleinschätzung, wenn man glaubt, für niedrigere Arbeitslosenzahlen bräuchte man weniger Personal. Nicht der Arbeitslosen-Bestand macht die meiste Arbeit, sondern die Bewegung, die Zu- und Abgänge. Und die gibt es in Deutschland in immer größeren Maß. Unser Arbeitsmarkt ist sehr volatil. Außerdem sind die Arbeitslosen, die wir in den Jobcentern betreuen, eher die anspruchsvolleren Integrationsaufgaben.

Was heißt das also für die Zahl der Mitarbeiter?

Das heißt, dass es sinnvoller ist, die Zahl der Mitarbeiter konstant zu halten, statt ständig Stellen auf- und abzubauen. Wir brauchen professionelle, gut ausgebildete Berater, keine Befristungen. Arbeitsvermittlung ist nur dann richtig erfolgreich, wenn sie von Profis gemacht wird. Da gehört Erfahrung und ständige Weiterbildung dazu. Mit Mitarbeitern, die sich nur befristet in Jobcentern aufhalten, sind die Erfolge geringer.

Sie haben vom volatilen Arbeitsmarkt gesprochen. Wie hoch ist die Zahl derer, die in Jobs vermittelt werden, dort aber nicht lange bleiben?

Zu hoch: In der Grundsicherung kommt die Hälfte der Menschen, die wir auf dem Arbeitsmarkt integrieren konnten, innerhalb eines Jahres wieder zurück in die Arbeitslosigkeit. Das liegt an dem Wachstum der Zeitarbeit, oder daran, dass jeder zweite Arbeitsvertrag befristet ist. Es hat auch damit zu tun, dass wir zurzeit vor allem in die Herstellung von Beschäftigungsverhältnissen investieren und nicht in deren Stabilisierung. Menschen, die noch nie oder lange nicht in Beschäftigung waren, müssen wir eine Weile begleiten, wenn sie einen Job gefunden haben, so dass sie nicht nur einen Arbeitsplatz erhalten, sondern ihn auch behalten.

Wie könnte das aussehen?

Da geht es um Coaching: Es muss in den Jobcentern Ansprechpartner geben, wenn es Probleme gibt. Wir können Nachqualifizierungen anbieten. Alleine einen Arbeitsplatz zu finden, löst das Problem bei vielen Menschen noch nicht. Nehmen Sie die große Gruppe der Alleinerziehenden. Man kann nicht erwarten, dass jemand, der sich lange nur um seine Kinder gekümmert hat, es über Nacht schafft, Beruf und Familie in Einklang zu bringen. Was passiert, wenn in den ersten Wochen nach Arbeitsantritt ein Kind krank wird? Das Jobcenter könnte Tagesmütter vermitteln und finanzieren. Wenn wir solche Dinge nicht anpacken, können wir an der hohen Rückfallquote nichts ändern.

Bräuchten Sie dafür mehr Geld?

Das lässt sich nicht genau beziffern. Langfristig gesehen ist das aber auf jeden Fall der preiswertere Weg. Mit dem Arbeitsministerium sind wir im Gespräch, mit den Jobcentern mehrjährige Zielvereinbarungen zu schließen. So können Fehlanreize beseitigt werden, Arbeitslose der jährlichen Zielerreichung wegen eher mit kurzfristigen Maßnahmen zu versorgen. Aber gerade in der Grundsicherung brauchen wir einen längeren Atem um wirklich nachhaltig erfolgreich zu sein. Wenn die Vermittler im Einzelfall bis zu drei Jahre Zeit hätten, um einen Arbeitslosen für den Arbeitsmarkt aufzubauen, wäre das besser.

Das Gespräch führte Daniela Vates.

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