Berlin. Durch die Konjunktur- und Finanzkrise droht nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit (BA) ein deutlich stärkerer Abbau von Arbeitsplätzen, als von der Bundesregierung erwartet.
In seinen internen Szenarien meldet das BA-eigene Forschungsinstitut IAB Zweifel an der offiziellen Prognose an, wonach die Arbeitslosenzahl von Dezember 2008 bis Dezember 2009 um eine halbe Million auf 3,6 Millionen steigen wird.
Da sich die Lage erst von Monat zu Monat verschlimmern dürfte, rechnet die Regierung im Jahresschnitt sogar gerade mit 250.000 zusätzlichen Arbeitslosen.
"Die Prognosen im Jahreswirtschaftsbericht über die Arbeitslosenzahl halte ich für optimistisch", sagte IAB-Chef Joachim Möller der Frankfurter Rundschau. "Die Werte sind nur unter günstigen Bedingungen erreichbar."
Doch die sieht der Forscher nicht gegeben, da seiner Ansicht nach auch die offiziellen Wachstumsvorhersagen die konjunkturelle Talfahrt nicht hinreichend widerspiegeln. "Die Annahmen des Wirtschaftsministeriums für eine Erholung schon im zweiten Quartal sind aus meiner Sicht zu optimistisch", betonte Möller.
Den "maximalen Beschäftigungsverlust" in 2009 beziffert er "laut einer Faustregel" auf drei Prozent, was dem Abbau von annähernd einer Million sozialversicherungspflichtiger Jobs entspräche. "Der tatsächliche Beschäftigungsabbau dürfte jedoch deutlich geringer sein, nämlich nach einer weiteren Faustregel nur etwa ein Drittel bis halb so groß." Damit gingen im Jahresschnitt knapp eine halbe Million Stellen verloren. Andere Experten rechnen mit krasseren Einschnitten.
Der Leiter des gewerkschaftsnahen Forschungsinstituts IMK, Gustav Horn, befürchtet einen einen Anstieg der Arbeitslosigkeit auf vier Millionen bis Ende 2009.
"Ich bin pessimistisch, da die stabilisierenden Faktoren immer mehr an Kraft verlieren, je länger die Konjunkturkrise andauert", sagte Horn der FR.
Bislang seien die Auswirkungen wegen "Strukturveränderungen am Arbeitsmarkt" noch vergleichsweise glimpflich. So veränderten Unternehmen die Arbeitszeiten sehr schnell, die Stellenzahlen aber sehr langsam.
Sie nutzten Arbeitszeitkonten, Kurzarbeit und andere Instrumente, um Entlassungen zu vermeiden. Dies sei jedoch bei anhaltender Absatzflaute nicht durchzuhalten.
Auch Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung glaubt, dass das Schlimmste noch bevorsteht: "Selbst wenn Ende 2009 die Konjunkturerholung beginnen sollte, würde der Beschäftigungsabbau erst einmal weitergehen."
Das ganze Ausmaß des Schreckens lässt sich aber nach übereinstimmender Einschätzung von Experten kaum exakt erfassen, da die Wirtschaft rasend schnell von einem Wachstum in eine starke Schrumpfungsphase wechselt.
"Alle Prognosen über die Arbeitsmarktentwicklung sind derzeit kritisch zu sehen, da bei einem so starken Wachstumsrückgang Strukturbrüche nicht zu vermeiden sind", meint Joachim Möller, Chef des Forschungsinstituts IAB der Bundesagentur für Arbeit.