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01. April 2011

Carsharing: Konzerne setzen auf Gemeinschaftsautos

 Von Frank-Thomas Wenzel
Neues Geschäft: Autokonzerne wollen ins Carsharing einsteigen. Foto: dpa

Seit den 80er Jahren gibt es das Carsharing in Deutschland - und noch immer sorgen Autos, die gemeinsam genutzt werden und nicht vor der eigenen Haustür stehen, bei vielen Autofahrern für skepsis. Doch auch die großen Autokonzerne haben das Geschäftsmodell für sich entdeckt - sie wollen so neue Kundengruppen erschließen.

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Drei Jahrzehnte Carsharing

Die Entwicklung des Carsharing ist eng mit der Umweltbewegung verknüpft. In Deutschland entstanden die ersten Projekte in den 80er Jahren. Häufig handelte es sich um genossenschaftliche Projekte, die mit viel ehrenamtlicher Arbeit aufgebaut wurden. Im Laufe der Jahre haben sich mehrere große kommerzielle Anbieter durchgesetzt, dazu zählt auch die Deutsche Bahn.

Sie sind jung, haben in der Regel einen Universitätsabschluss. Schicke Klamotten sind ihnen wichtig. Diese Spezies wohnt in Großstädten. Für teure Urlaube sind sie bereit, viel Geld auszugeben. Das iPhone ist den Frauen und Männern ein wichtiges Statussymbol.

Kraftfahrzeuge spielen nur eine untergeordnete Rolle. Es noch nicht einmal wichtig, einen Wagen zu besitzen. Ausgerechnet die jungen Menschen mit hohem Einkommen „die man am ehesten für Autonarren halten könnte, lehnen es ab, mit dem Auto Eindruck zu schinden“, schreibt die Unternehmensberatung Progenium in einer aktuellen Studie.

Konzerne erkennen neuen Trend

Die großen Konzerne haben den Trend erkannt und reagieren darauf. Sie steigen ins Carsharing ein. Daimler kündigt für nächsten Mittwoch „eine kleine Revolution“ an. Dann startet in Hamburg Car2go. 300 Exemplare ausschließlich des Kleinwagens Smart werden im Lauf des Jahres in der Hansestadt stationiert. Nutzer können im Stadtgebiet das Auto in nächster Nähe mittels eines Smartphone-Apps finden. Geöffnet wird es mit einer Chipkarte, die auf dem Führerschein angebracht wird. Am Ziel angekommen stellt der Fahrer das Auto einfach auf einem öffentlichen Parkplatz ab. Die Parkgebühren sind im Mietpreis von 29 Cent pro Minute inklusive.

Auf der Car2go-Website ist vom „ersten eigenen öffentlichen Verkehrsmittel“ die Rede. Der Daimler-Konzern hat das Konzept bereits in Ulm, in Austin (Texas) ausprobiert, es soll neben Hamburg in diesem Jahr noch auf „weitere Städte in Nordamerika und Europa übertragen werden“, so ein Sprecher.

BMW will in München und Berlin nachziehen

BMW will „ab April“ in Zusammenarbeit mit dem Autovermieter Sixt nachziehen – die Genehmigung der Kartellbehörde steht noch aus. Zunächst 300 Fahrzeuge, Minis und 1er, sollen in München eingesetzt werden. „Drive-Now“ heißt das Projekt. Später im Jahr soll Berlin folgen. Die Bayern wären dann der siebte Carsharing-Anbieter in der Hauptstadt – in keiner anderen deutschen Kommune gibt es derart viele. Auch BMW setzt sich ambitionierte Ziele. In Europa und auch „auf anderen Kontinenten“ soll es Drive-Now geben und eine Million Nutzer im Jahr 2020 haben.

„Wir wollen mit unserem Konzept Menschen ansprechen, die Autos nutzen, aber nicht besitzen wollen“, erläutert eine Daimler-Sprecherin. Die Gruppe der potenziellen Kunden werde in in den nächsten Jahren weiter wachsen. Auch bei Peugeot und VW wird offenbar über ein Engagement im Carsharing nachgedacht.

Konzerne hoffen auf dreifachen Nutzen

Die Konzerne verfolgen mit ihren Projekten mehrere Ziele gleichzeitig. „Jede Fahrt mit Car2go ist auch eine Probefahrt mit einem Smart“, sagt eine Daimler-Sprecherin. Da schwingt die Hoffnung mit, die jungen Besserverdiener doch noch vom Kauf eines Kleinwagens zu überzeugen. Zweitens wird mit den Carsharing-Angeboten ein weiterer Absatzkanal geschaffen. Und drittens sind Plattformen wie Car2go und Drive-Now groß angelegte Markt- und Konsumentenforschung, die in Richtung Elektromobilität zielt. Daimler will 2012 den Smart mit Elektromotor anbieten. „Wir planen, den E-Smart dann auch im Carsharing einzusetzen“, betont die Daimler-Sprecherin. Antriebstechnik und Mobilitätskonzept seien maßgeschneidert für die Stadt. So sieht es auch BMW. Die Münchner wollen 2013 ihren elektrischen i3 auf den Markt bringen. Es sei „durchaus denkbar“ ihn bei Drive-Now einzusetzen. Schließlich trägt das Elektroauto mit der Carbonkarosserie den Beinamen „Megacity Vehicle“.

Etablierte Anbieter sind skeptisch

Die etablierten Carsharing-Anbieter blicken indes skeptisch auf die Aktivitäten der Konzerne. „Für uns ist das nur ein dem Carsharing ähnliches Angebot“, sagt Willi Loose, Geschäftsführer des Bundesverbandes Carsharing. Hauptkritikpunkt: Daimler verstehe sein Konzept als Konkurrenz zum öffentlichen Personennahverkehr. Auf der Website von Car2go heißt es: Fragen wie: Wann kommt eigentlich der nächste Bus?“ gehörten der Vergangenheit an. Das klassische Carsharing setzt hingegen auf die Verknüpfung von Bussen und Bahnen.

Das Auto soll nur dann eingesetzt werden, wenn das Ziel überhaupt nicht oder nur schwer mit dem ÖPNV erreichbar ist. Auch die Preisgestaltung behagt Loose nicht. Ein reiner Minutenpreis provoziere dazu, Umwege zu fahren, etwa über Autobahnen, auf denen man schnell voran komme. Das widerspreche dem ökologischen Ansatz des Carsharing.

Preiskämpfe sind möglich

Zudem macht sich eine Sorge breit: Viele Anbieter arbeiten nur knapp über der Gewinnschwelle, um günstige Tarife zu bieten. Ein Autokonzern könnte zwei, drei Jahre richtig Geld in seine Projekte pumpen, Preiskämpfe inszenieren. „Dann wären die anderen schnell weg“, sagt ein Insider. Loose ist optimistischer. Er verweist auf Erfahrungen in Ulm. Dort hätten traditionelle Anbieter Zulauf durch Leute, die bislang bei Car2go waren: „Denen ist es entweder zu teuer geworden oder sie wollten eine größere Auswahl an Fahrzeugen haben.“

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