Der IT-Gipfel findet jetzt zum vierten Mal statt. Manchmal hat man den Eindruck, dass Unternehmen und Verbände ihn nutzen, um vor Weihnachten noch einmal ihre Wunschliste vorzulegen.
Zerreden kann man ja alles. Wir haben schon viel bewegt. Die einheitliche Behördenrufnummer 115, die es an vielen Orten schon gibt, ist auch ein Ergebnis des IT-Gipfel-Prozesses. Wir haben inzwischen einen Bundes-CIO, den Beauftragten der Bundesregierung für Informationstechnik. Und die Breitbandstrategie und das IT-Konjunkturpaket wären ohne die Gipfel so nicht denkbar.
Karl-Heinz Streibich, Jahrgang 1952, ist seit Oktober 2003 Vorsitzender des Vorstands der Software AG in Darmstadt. Davor war der Diplom-Ingenieur für Nachrichtentechnik stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung von T-Systems.
Die Software AG ist nach SAP der zweitgrößte deutsche Softwarekonzern und der weltgrößte unabhängige Anbieter von Infrastruktursoftware für Geschäftsprozesse. Die Produktpalette umfasst unter anderem Lösungen für das Datenmanagement sowie die Erstellung und Modernisierung von Programmen in Unternehmen.
Die Darmstädter haben 40 Jahre internationale IT-Erfahrung und beschäftigten nach dem Kauf von IDS Scheer mehr als 6000 Mitarbeiter in 70 Ländern. Das Unternehmen erwartet für das laufende Jahre einen Umsatz in der Größenordnung von 840 Millionen Euro. Im nächsten Jahr will es die Milliarden-Schwelle erreichen. sch
Reicht das denn, wie sollte es aus Ihrer Sicht weiter gehen?
Der Staat muss wissen, dass er eine wichtige Rolle spielt, dass er bei der elektronischen Kommunikation mit Bürgern und Unternehmen nicht hinterher hinken darf. Wir können nicht Exportweltmeister bleiben, wenn wir bei Innovationen im E-Government in Europa nur die Nummer 13 sind. Das passt nicht zusammen. Und wir müssen es schaffen, auch in der Politik das Bewusstsein dafür zu fördern, welch eminent wichtige Rolle die IT bei der Produktivitätssteigerung in Firmen spielt.
Da haben Sie es nicht leicht. Für Politiker sind Autos wichtiger als IT, auch weil sie anders als Software greifbar sind.
Wir haben in Deutschland eine erfolgreiche Maschinenbau-Historie. Aber wenn es darum geht, Exportweltmeister zu bleiben, dann geht es künftig nicht nur um Greifbares. Geistige Güter werden die nächste Welle bestimmen. Um solche Zusammenhänge zu verdeutlichen, brauchen wir Zusammenkünfte wie die IT-Gipfel.
Warum ist gerade Software so wichtig?
Die Branche Software und IT-Dienstleistungen ist der "Maschinenbau des 21. Jahrhunderts" für den Export. IT und insbesondere Software waren in den vergangenen Jahren für mehr als die Hälfte des Produktivitätswachstums in Deutschland verantwortlich. Die Hardware ist weg aus Deutschland. Netzwerkprodukte sind weg. Software ist der einzige IT-Bereich, in dem Deutschland noch weltweit führend ist. Dort haben wir uns gehalten, wie die SAP, Software AG und die IDS Scheer zeigen.
Die deutsche Branche ist die größte in Europa. In den vergangenen Jahren sind mehr als 100.000 neue Jobs entstanden. Haben Sie dennoch Angst, dass sie abgehängt wird?
Ein klares Ja. Wir sind fast dazu verdammt, klein zu bleiben, wenn wir nicht aufpassen. Die Kleinteiligkeit in Europa ist das Problem. Zum Beispiel ist in Österreich groß, was bei uns eher klein ist. Was bei uns groß ist, ist in den USA eher klein. Der Umsatz von SAP macht nur zehn Prozent des Umsatzes von Hewlett-Packard aus, zwölf Prozent der IBM-Erlöse und 20 Prozent des Microsoft-Umsatzes.
In Deutschland können Unternehmen ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung nicht von der Steuerlast abziehen. Kann eine steuerliche Förderung helfen?
Ja, das hilft und es ist richtig. Wir schaffen mit Forschung und Entwicklung das Saatgut für den Wohlstand der Zukunft. Das sollte man steuerlich fördern. Sonst ist die Konsequenz, dass wir das irgendwann Offshore machen. Wenn es hier dreimal mehr kostet als dort. Sonst wird es nur noch Sales Outlets der IT-Marktführer aus den USA geben. Wir haben dann die Verkaufsstellen von IBM hier oder von Cisco. Wo bleiben wir dann?
Ohne kluge Köpfe geht es nicht. Mangelt es noch an IT-Fachkräften?
Das ist nicht das Problem. Der Fachkräftemangel hat sich durch die Finanz- und Wirtschaftskrise dramatisch entspannt. Die Software AG hat strategische Partnerschaften mit Hochschulen geschlossen. Die Leute, die wir brauchen, die bekommen wir auch. Wir müssen aber weiter auf Bildung und Weiterbildung setzen. Dabei geht es nicht nur um IT-Fachkräfte, sondern auch um IT-Kompentenzen, sogenannte eSkills, in der Gesellschaft.
Was kann die Politik noch tun?
Berlin und Brüssel können Rahmenbedingungen setzen und Leuchtturmprojekte schaffen. Präsident Kennedys Ankündigung 1961, vor Ende des Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond zu landen und wieder sicher zur Erde zurückzubringen, war ein Leuchtturmprojekt - und der Anfang der IT-Industrie in den USA.
Woran denken Sie, wenn es um neue Leuchttürme geht?
Da braucht man gar nicht in die Glaskugel zu gucken. Es gilt einmal, die Unternehmenssoftware zu stärken. Da sind wir Weltmarktführer, sowohl die SAP als auch die Software AG. Der Fokus darauf sollte jetzt verstärkt werden. Zweitens sind wir in Europa prozessorientierter als die USA. Also heißt es, noch mehr in die E-Government-Prozesse zu investieren und dieses Thema anzuschieben. 14 Milliarden Euro IT-Budget hat der öffentliche Bereich in Deutschland. Das ist mehr als der weltweite Umsatz von SAP und der Software AG zusammengerechnet.
Bringt der IT-Gipfel die Software-Industrie voran?
Deutschland braucht eine Softwarepolitik, um diese Wachstumsbranche zu stärken. In der Stuttgarter Erklärung der Gipfelteilnehmer wird dies unterstrichen.
Was tun Sie selbst, um die Branche voranzubringen, insbesondere die vielen kleinen Softwarehäuser?
Wir haben in der Region Rhein-Main-Neckar so viele Kleinstfirmen wie im Silicon Valley. Wir sollten aber 100 Unternehmen haben, die 100 Millionen Umsatz haben. Deshalb pushen wir das Software-Cluster, um eine größere Schwungmasse und eine Identität in der Region zu schaffen. Es ist wichtig, den Nährboden dafür zu bereiten, dass die Firmen zusammenarbeiten und voneinander lernen. Das sind die Dinge, die uns nach vorne bringen.
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.
Am 31. Mai diskutiert FR-Redakteur Tobias Schwab mit Fernsehköchin Sarah Wiener und weiteren Gästen das Thema "Wer verdient am Kaffee?"
Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.